Wissenschaft : „Vom Freigeist zum Stalinisten“

Martin Schaad versucht mit einer detektivischen Recherche zu erklären, wie Alfred Kurella Stalinist wurde. Der DDR-Kulturfunktionär litt zunächst selbst unter Stalins Terror, sagt Schaad, stellvertretender Direktor des Potsdamer Einstein Forums, im PNN-Interview.

Kontinuitätslinien. „Halte den Banner von Marx, Engels, Lenin und Stalin hoch!“, steht auf einem sowjetischen Propaganda-Poster aus dem Jahre 1933 geschrieben. In dieser Zeit lebten zahlreiche deutsche Kommunisten im Moskauer Hotel Lux – zuweilen auch gegen ihren Willen. Abb: Plakat Gustavs Klucis (1895-1938)Alle Bilder anzeigen
12.02.2013 20:00Kontinuitätslinien. „Halte den Banner von Marx, Engels, Lenin und Stalin hoch!“, steht auf einem sowjetischen Propaganda-Poster...

Herr Schaad, was hat eine Wanderkarte des Weserberglandes mit Stalin zu tun?

Mit Stalin selbst nichts, aber mit der Wandlung des Schriftstellers Alfred Kurella von einem Freigeist zu einem dogmatischen Stalinisten. Unter Stalinisten verstehe ich Personen, die der Meinung sind, dass es einer Parteiführung zusteht, eine Parteilinie zu formulieren und diese dann rücksichtslos durchzusetzen. Das hat Kurella gemacht, er war in der DDR einer der dogmatischsten Kulturfunktionäre. Er hat Karrieren zerstört und Menschen an ihrem künstlerischen Schaffen gehindert. Ich habe mich gefragt, wie man zu einer solchen, fast schon irren Haltung gelangt.

Wie kam Kurella nun zu der Wanderkarte?

Ich war auf den Roman „Die Gronauer Akten“ von Kurella gestoßen, der bei genauem Lesen autobiografische Züge trägt, obwohl der Autor das nie zugab. Die Schrift dokumentiert seine Wandlung zum Stalinisten. Er setzt sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander, die unter anderem auch in der bürgerlichen Jugendbewegung Deutschlands wurzelte. Hier kommt nun die Wanderkarte ins Spiel. Kurella war in jungen Jahren mit einer Gruppe der Wandervögel dort.

Vom Wandervogel zum DDR-Funktionär?

Alfred Kurella stammte ursprünglich aus Schlesien und wuchs dann in Bonn auf. Nach Jahren in der bürgerlichen deutschen Jugendbewegung landete er als kommunistischer Jugendfunktionär in der Sowjetunion. Dort hat er auch das Buch verfasst. Er war von 1934 bis 1954 dort, wie viele andere kommunistische Emigranten aus Deutschland lebte er phasenweise auch im sagenumwobenen Hotel Lux in Moskau. Wie die anderen war er dann in der Sowjetunion mehr oder weniger gegen seinen Willen festgehalten worden und musste dort die Terrorjahre des Stalinismus erleben.

Wie bitte? Er litt unter Stalins Terror und wurde später selbst Stalinist?

Alfred Kurella wurde tatsächlich durch eine Persönlichkeitsspaltung zum Stalinisten. Meine These lautet, dass die Leidensgeschichte im stalinistischen Terror zu einer übersteigerten Reaktion der bolschewistischen Selbstkritik geführt hat. Dieses permanente Aufzeigen der eigenen Fehler hatte geradezu etwas Rituelles, wie ein Beichtritus. Das blieb allerdings nicht ohne psychologische Folgen. Wir haben es dabei mit einer Verneinung der eigenen persönlichen Urteilskraft zu tun.

Das ist verblüffend. Immerhin wurde Kurellas jüngerer Bruder im Rahmen der Großen Säuberung in Moskau erschossen.

Wir haben es mit einem erstaunlichen Phänomen zu tun: Viele der Personen, die unter dem stalinistischen Terror in Moskau gelitten hatten, machten es nach Stalins Tod nicht anders. Und Kurella wurde zu einem Zeitpunkt DDR-Funktionär, als solch strenger Dogmatismus gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Er gelangt erst 1955/56 in der DDR in Führungspositionen, damals wurden in der Sowjetunion zumindest kulturpolitisch die Zügel etwas lockerer gelassen. Ich gehe davon aus, dass die permanenten Unterwerfungsgesten in der bolschewistischen Selbstkritik psychologische Langzeitfolgen hatten.

Wie sind Sie Kurella auf die Schliche gekommen?

In seinem Roman gibt es einen positiven Charakter, den Kommunisten, und einen negativen, den Faschisten. Wenn man genau liest, sieht man aber, dass Kurella in beiden steckt. Er leugnet seine gesamte Vergangenheit, indem er sie auf den Faschismus abschiebt. Am Ende bleibt er als leere Hülle.

Kurella war nicht der Einzige, der in den Jahren des Großen Terrors in Moskau festsaß.

In der Tat. Unter anderem waren auch Walter und Lotte Ulbricht sowie Wilhelm Pieck dort. In diesem Zusammenhang würde ich gerne die These diskutieren, ob die DDR auch deshalb keine Chance hatte, weil die Führungsgruppe der ersten Stunde – die Leute um Ulbricht – psychologisch schwer deformierte Charaktere waren.

Wir sprechen von Diktatur und Totalitarismus, haben nicht alle diese Systeme ähnliche Hintergründe?

Ich würde hier nicht mit einem Diktaturenvergleich ansetzen. Ich sehe hier eine spezifisch stalinistische Eigendynamik in dem Terror, der ja nicht von oben kam, sondern von allen Seiten wirkte: Denunziation, Selbstkritik, Freund-FeindSchema, das waren Teile dieses Terrorsystems. Ein Spezifikum des Systems war auch, dass es als sich selbst erhaltend aufgebaut war.

Sie fragen auch nach dem Menschenbild, das sich dahinter verbarg.

Das Selbstverständnis dafür findet sich ja schon in Lenins Schrift „Was tun“: dass die Menschen geformt werden können und dass es nur bestimmte Menschen gibt, die das Formen übernehmen können. Das hat auch Kurella ein Leben lang bewegt, die Aussicht, dass ein neuer Mensch geschaffen werden könne. Darin liegt ein gewisser elitärer Zug, den er in langen Traktaten über den Humanismus im frühen Marx irgendwie versucht zu rationalisieren. Es ging im Sozialismus ja auch später immer wieder um die Frage, ob man den neuen Menschen schon geschaffen hat. Das war ein Elitendiskurs, auch als Begründung, warum man in das Leben anderer Menschen so weitreichend eingreifen konnte. Letztlich hat das sozialdarwinistische Züge. An dieser Geschichte hat auch Kurella eifrig mitgeschrieben.

Sie bezeichnen Ihre Recherche als detektivisch.

Es geht um eine bestimmte Lesart von Kurellas Texten. Ich war zudem auch in zahlreichen Archiven, habe Kurellas Kaderakte in Moskau gelesen, die Archive der Deutschen Jugendbewegung in Ludwigstein aufgesucht und im Literaturinstitut in Marbach recherchiert. Detektivisch insofern, weil ich alles in den Blick genommen habe, bis hin zu der besagten Wanderung im Weserbergland 1911 und den Liederbüchern, die Kurella als junger Mensch selbst herausgegeben hat. In seinen Schriften finden sich immer wieder verschlüsselte Nachrichten. Auch sein Roman entpuppt sich am Ende als Rehabilitierungsantrag an seinen ehemaligen Vorgesetzten Georgi Dimitrow. Das ist der einzige, für den er das alles geschrieben hat.

Hat Sie bei Ihrer Recherche etwas überrascht?

Alles, ich war völlig überrascht von den Dingen, die ich gefunden habe.

Konnten Sie Ihre Thesen bestätigen?

Anders herum: Meine Hypothesen sind eher aus den Rechercheergebnissen erwachsen. Ich hatte mich schon einmal im Zusammenhang mit Bertolt Brechts Zeit im Berlin der frühen 30er Jahre mit Kurella befasst. Das wollte ich vertiefen und bin dann auf seine Schriften gestoßen. Das hat mich schließlich auf die Spur nach Moskau geführt.

Ist das Gespenst des Stalinismus heute verschwunden?

Ich denke doch. Was aber nicht bedeutet, dass nicht ähnliche psychologische Prozesse auch in anderen Machtgefügen stattfinden können.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Martin Schaad: „Black Box Moskau oder: Wie wird man eigentlich Stalinist?“, Vortrag und Diskussion am 14. Februar, 19 Uhr im Einstein Forum, Am Neuen Markt 7. Schaads Buch „Kurella. Eine philologische Ermittlung“ erscheint im Frühjahr 2014 in der Hamburger Edition.

Martin Schaad (44) ist stellvertretender Direktor des Potsdamer Einstein Forums. Der promovierte Historiker arbeitet derzeit an einem Buch über Alfred Kurellas Weg zum Stalinismus.

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