• Vier Schüler gegen Stalin Historiker zu Altenburger Widerstandsgruppe

Wissenschaft : Vier Schüler gegen Stalin Historiker zu Altenburger Widerstandsgruppe

Lene Zade

Es war Stalins 70. Geburtstag. Der 21. Dezember 1949 sollte auch in der eben erst gegründeten DDR würdig gefeiert werden. Demonstrationen der Zustimmung waren obligatorisch. Wer nicht mitmachen wollte, galt als Feind. Ein Denkschema, das Widerspruch hervorrief.

Im thüringischen Altenburg beschlossen eine Handvoll Jugendlicher mehr zu tun, als nur Flugblätter zu verteilen, auf denen Freiheit gefordert wurde. Einer von ihnen, der 17-jährige Lehrling Gerhard Schmale, baute einen zerlegbaren, transportablen Radiosender mit dem die Übertragung der Festansprache von Wilhelm Pieck gestört werden konnte. Die Jungen wollten jedoch nicht nur stören, sondern auch agitieren. Sie setzen den huldigenden Worten des Präsidenten der DDR ihre Einschätzung entgegen und bezeichneten Stalin als Massenmörder, forderten die Freilassung politischer Gefangener und freie Wahlen.

Ob die Sentenzen aus der Dachstube tatsächlich im Äther zu hören waren, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Ohne Folgen blieb die Aktion jedoch nicht. Drei Monate danach wurden 16 Mitglieder der Gruppe verhaftet. Sie hatten mit Verfolgung und auch mit Haft gerechnet. Sogar mit lebenslangen Haftstrafen. Am 13. September 1950 sprach ein sowjetisches Militärtribunal die Urteile, vier Todesurteile und für die übrigen hohe Haftstrafen.

Auf den Tag genau 60 Jahre später sitzt Gerhard Schmale am Montagabend auf dem Podium im Potsdamer Filmmuseum und schaut zu, wie sich das Kino bis auf den letzten Platz füllt. Gezeigt wird der Dokumentarfilm „Vier Schüler gegen Stalin“, der die Ereignisse des Dezembers 1949 nachzeichnet. Eingeladen hatte die FDP-nahe Friedrich Naumann-Stiftung und das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF). Im anschließenden Gespräch mit den ZZF-Historikern Jens Gieseke und Enrico Heitzer, der eine instruktive Monografie zu der Altenburger Widerstandsgruppe vorgelegt hat, berichtet der Überlebende vor allem über die Folgejahre in der Haft und über die Notwendigkeit der historischen Aufklärung.

Damals, mit kaum 20 Jahren standen die meisten von ihnen kurz vor dem Abitur. Aufgewachsen waren sie in der Hitlerjugend. Der Führer galt ihnen als Gott, bis er sich als Verbrecher herausstellte. Zu jung, um im Krieg gewesen zu sein, waren sie zu alt, um nicht über das nachzudenken, was um sie herum vor 1945 geschehen war. Als Vorbild politisch bewussten Verhaltens wurde ihnen nun in der Schule von der Weißen Rose berichtet, von jener Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die mit Flugblättern aufzuklären versuchte.

Der Personenkult um Stalin erinnerte die Jugendlichen an die eigene fatale Verehrung für den Führer. Die Zeiten waren andere, als aber ihre Väter verhaftet wurden, immer mehr Menschen spurlos verschwanden und Nachfragen schon als Feindschaft angesehen wurde, nahmen die Jungen die Vorbilder ernst und taten es ihnen nach.

Um zu verhindern, dass heutzutage „noch mehr Skinheads durch die Straßen laufen“, die in einem totalitären Staat ein Ideal sehen, sollten heutige Schüler von solchen Schicksalen wie dem seinen erfahren, forderte Gerhard Schmale nun in Potsdam. Die Todesurteile für seine Kameraden wurden ein Jahr nach der Radiostöraktion in der Sowjetunion vollstreckt. Die Familien erfuhren davon erst in den 90er Jahren. 1995 wurden alle Verurteilten von der Sowjetunion vorbehaltlos rehabilitiert. Lene Zade