Unwetter in Deutschland : 3000 Unwetterwarnungen

UPDATE: Seit rund zwei Wochen hält eine beispiellose Unwetterserie Deutschland in Atem. Schlamm verwüstet ganze Ortschaften, Dutzende Menschen werden vom Blitz getroffen - mittlerweile gibt es elf Tote. Aus Sicht von Potsdamer Experten ist die Serie mehr als ungewöhnlich. Die Unwetterlage ist nun vorerst beendet.

Wassermassen wälzen sich am 01.06.2016 durch den niederbayerischen Ort Simbach (Bayern). Nach anhaltendem Dauerregen ist ein Teil des Landkreises Rottal-Inn in Bayern am Mittwoch überschwemmt worden.Alle Bilder anzeigen
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07.06.2016 21:25Wassermassen wälzen sich am 01.06.2016 durch den niederbayerischen Ort Simbach (Bayern). Nach anhaltendem Dauerregen ist ein Teil...

Potsdam - Seit über elf Tagen wüten vor allem im Süden und Westen Deutschlands heftige Unwetter – mittlerweile gibt es elf Tote und Schäden in Milliardenhöhe. Auch mehrere Tornados wurden landesweit registriert. Ursache dieser heftigen Gewitter ist eine sogenannte blockierte Wetterlage – ein starkes Hoch über Skandinavien hält Atlantiktiefs auf Abstand. So strömen kühle Luftmassen aus dem Norden und feuchtwarme Luft aus dem Süden zusammen, durch die Vermischung kommt es zu Starkregen und Unwettern. In der eingesickerten schwülwarmen Luft entstehen immer wieder kleine Gewittertiefs. Mancherorts kam es dabei zu enormen Regenmengen, da die Unwetter durch fehlenden Wind nur sehr langsam zogen.

Verlängerung der durchschnittlichen Dauer von Wetterlagen in Europa

Heftige Gewitter und Fluten gab es in den europäischen Sommermonaten zwar schon immer. Die aktuell lange Dauer hat Meteorologen allerdings alarmiert. Sie vermuten einen Zusammenhang mit der seit Jahren beobachteten Verlängerung der durchschnittlichen Dauer von Wetterlagen in Europa. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben eine Zunahme von blockierenden Wetterlagen verzeichnet, die Verlangsamung gehe auf Änderungen bei den sogenannten planetaren Wellen zurück. Allerdings gibt es laut PIK keine Belege dafür, dass die aktuelle Situation mit gebremsten planetaren Wellen zusammenhängt. Klar sei hingegen, dass die globale Erwärmung generell die Menge der Wetterextreme steigen lässt.

Unwetter nehmen laut PIK-Forschern weltweit zu. Peter Hoffmann vom PIK nennt zwei Gründe. „Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, dann fällt mehr Wasser herunter, wenn es regnet“, erklärt er. „Global sieht man eine Zunahme von Extremniederschlägen bereits.“ Für Deutschland allein seien die Datenmengen noch zu gering, um dies zu beweisen. Zudem bleiben Tiefdruckgebiete zunehmend länger über einzelnen Regionen stehen. „Ihre Verlagerungsgeschwindigkeit verlangsamt sich“, so Hoffmann. Das wiederum könne zu Extremwettern wie Überschwemmungen führen. Eine mögliche Ursache für die langsame Verlagerung der Tiefs sei etwa in Europa, dass sich die Arktis durch den Klimawandel wesentlich stärker erwärmt habe als südlichere Breiten, was zu schwächeren Westwinden führe. Dies stehe im Einklang mit den Klimawandel-Prognosen vieler Forscher.

3000 Unwetterwarnungen seit 26. Mai

Die Serie von Unwettern, die Deutschland in den vergangenen zwei Wochen getroffen hat, gilt mittlerweile als einzigartig. Mindestens vier Tornados bildeten sich, Schlamm und Wasserfluten trafen Städte und Dörfer, Blitze verletzten zahlreiche Menschen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab seit Beginn der Serie am 26. Mai 3000 Unwetterwarnungen heraus. „Das ist einmalig, seit es das Warnsystem auf Landkreisebene gibt“, sagte DWD-Sprecher Andreas Friedrich der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Seit rund 15 Jahren gibt der Wetterdienst Warnungen für einzelne Landkreise heraus. 

Blitze trafen Dutzende Menschen - etwa auf Sportplätzen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg oder beim Open Air-Festival „Rock am Ring“. Es gab etliche Schwerverletzte, darunter einen Mitarbeiter des Frankfurter Flughafens, dessen Headset am Dienstagabend auf dem Rollfeld von einem Blitz getroffen wurde. Bei Unwettern und Hochwasser im Südwesten und Niederbayern starben insgesamt elf Menschen. Die Hauptstadregion Berlin-Potsdam blieb bislang allerdings weitgehend verschont. Sturzregen im Süden und Südwesten brachten Erdrutsche und Schlammlawinen, die mehrere Orte verwüsteten. Die größte Regenmenge in kurzer Zeit traf nach DWD-Angaben Gundelsheim bei Schwäbisch Hall, wo am 29. Mai in weniger als sechs Stunden 122 Liter Regen pro Quadratmeter fielen, mehr als sonst im ganzen Monat. 

Mindestens vier Tornados 

In der unwetterträchtigen Wetterlage gab es nach DWD-Angaben mindestens vier Tornados in Deutschland. Die Experten gehen inzwischen davon aus, dass es auch am Dienstag in Hamburg ein Tornado war, der schwere Schäden hinterließ. Bestätigt seien drei Tornados am 5. Juni - einer im mittelhessischen Butzbach und zwei in Schleswig-Holstein. Wahrscheinlich seien es deutlich mehr gewesen, es gebe viele Verdachtsfälle, sagte Friedrich, der auch DWD-Tornadobeauftragter ist.  In Hamburg habe der DWD am Dienstagvormittag eine Tornado-Vorwarnung über ein erhöhtes Risiko herausgegeben - das passiere weniger als zehn Mal im Jahr. Tornados sind besonders tückisch, weil sie unberechenbar sind, sich innerhalb weniger Minuten wieder auflösen und eine konkrete Warnung erst Minuten vorher möglich ist, wenn sich der charakteristische Wolkenrüssel schon gebildet hat und auch gesehen wird. 

Dass die Zahl der zerstörerischen Wirbelstürme in Deutschland zunimmt, sei nicht nachweisbar, sagte Friedrich. Mit dem Radar seien sie nicht erfassbar. Der „Beobachtungseffekt“ spiele eine Rolle: „Gefühlt gibt es mehr Tornados, weil mehr erkannt werden.“ Mit Handy-Kameras und Webcams würden einfach mehr dokumentiert. Nach DWD-Schätzungen gibt es pro Jahr in Deutschland einige Dutzend Tornados, etwa zehn richten gravierende Schäden an.

Großwetterlage mit der Bezeichnung „Tief Mitteleuropa“

Schuld an den vielen Unwettern ist eine Großwetterlage mit der Bezeichnung „Tief Mitteleuropa“. „Ausmaß und Andauer des Unwettergeschehens sind absolut außergewöhnlich“, schrieben DWD-Experten in einem Zwischenbericht. Eine solche Wetterlage habe auch die Jahrhunderthochwasser 2013 in Süddeutschland und 2002 an der Elbe ausgelöst. Nur alle 100 Jahre falle so viel Regen in kurzer Zeit wie in den betroffenen baden-württembergischen Orten. 

Ein riesiges Höhentief liegt fast unbeweglich in mehr als fünf Kilometern Höhe über weiten Teilen Mitteleuropas. Weil in der Atmosphäre nur wenig Bewegung ist, ziehen auch die Bodentiefs - nach „Elvira“ folgte „Friederike“ - nur sehr langsam. In der feucht-warmen Luft bilden sich häufig Gewitter, deren Wolken ebenfalls standfest sind und ihren Regen auf eine Stelle abladen. „Tief Mitteleuropa“ komme immer wieder vor, aber die Wetterlage halte sich selten so lange, sagte Friedrich. „Eine Begründung dafür gibt es nicht, das ist Zufall“, meint dieser Meteorologe.

Stefan Rahmstorf, Ozeanologe vom PIK, stellt indes einen Zusammenhang zwischen der Extremwetterlage und klimatischen Prozessen her. Durch die überproportionale Erwärmung der Arktis könne sich die normale West-Ost-Bewegung der Luft in den mittleren Breiten abschwächen, die vom Temperaturgefälle zwischen Subtropen und Arktis getrieben wird, schreibt er in einem aktuellen Eintrag auf Facebook. "Unsere Nachwuchsgruppe zu Extremwetter hat letztes Jahr in ,Science' gezeigt, dass z.B. der Strahlstrom in der Atmosphäre sich tatsächlich verlangsamt hat." Außerdem sei in der Fachpublikation ,Nature' gezeigt worden, dass der "storm track" im Atlantik abschlafft, von dem die Sturmtiefs nach Europa kommen und für wechselhaftes Wetter sorgen. "Die Folge sind länger andauernde Wetterlagen, was zu vermehrtem Extremwetter unter anderem in Europa führen kann", so Rahmstorf.

Die Unwetterlage in Deutschland wird nun nach rund 14 Tagen durch eine Westwindströmung beendet. Am Freitag soll es im ganzen Land trocken und gewitterfrei bleiben. Zum Start der Fußball-Europameisterschaft wird es dann aber wieder wechselhaft. Auch für Sonntagabend, wenn die deutsche Mannschaft spielt, sind die bisherigen Aussichten nicht sehr rosig. Mit zum Teil kräftigen Gewittern ist ab Sonntag erneut in Süddeutschland und in der Folge im Westen zu rechnen. (mit dpa)

 

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