Wissenschaft : Unter einem virtuellen Dach

Aufschwung für die Kognitionswissenschaften: Psychologie-Professor Reinhold Kliegl über den ersten Exzellenzbereich an der Universität Potsdam

Antje Horn-Conrad

Auch Psychologen haben Selbstzweifel. Reinhold Kliegl kennt diese nagenden Gedanken, das zuweilen lähmende Gefühl der Ungewissheit, obwohl er doch beruflich alles richtig gemacht hat. Am Montag ist dem Potsdamer Professor für Psychologie in Berlin die Wilhelm-Wundt-Medaille verliehen worden, der höchste deutsche Psychologie-Preis, der seit 1952 erst zehn Mal vergeben wurde. „Es ist ein Traum, diese Auszeichnung zu bekommen", gesteht Kliegl, der nun auch Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ist. „Ein sehr anrührendes Gefühl, von einer Gesellschaft, der man sich über so viele Jahre verbunden fühlt, auf diese Weise geehrt zu werden.“

Reinhold Kliegl hat Herausragendes in der Kognitionspsychologie geleistet. Seine mathematischen Modellierungen kognitiver Prozesse brachten ihm und dem Interdisziplinären Zentrum für Kognitive Studien an der Universität Potsdam weltweit höchste Anerkennung ein. Zusammen mit dem linguistischen Sonderforschungsbereich „Informationsstruktur“ eine international konkurrenzfähige Basis. Der Senat der Hochschule zog daraus eine folgerichtige Konsequenz: In der vergangenen Woche beschloss er, die Kognitionswissenschaften zum ersten und vorerst einzigen Exzellenzbereich der Universität auszubauen. Keine Zeit also für Selbstzweifel. Kliegl empfindet die Entscheidung des Senats als Ansporn. Andererseits erhofft er sich natürlich Unterstützung, einen Weg konsequent fortsetzen zu können, den er vor fast 15 Jahren eher zufällig einschlug.

Damals, als er vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung an die im Aufbau befindliche Universität Potsdam kam, überlegten seine hiesigen Wissenschaftlerkollegen, wie sie interdisziplinär zusammenarbeiten könnten. Das führte zu interessanten Allianzen etwa mit der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, wo Kliegl auf den Physiker Jürgen Kurths traf. Gemeinsam mit ihm und dem Linguisten Gisbert Fanselow begann er fächerübergreifende kognitionswissenschaftliche Forschungen zu betreiben, die inzwischen zum Alleinstellungsmerkmal der Potsdamer Universität geworden sind. Psychologen arbeiten hier mit Mathematikern, Linguisten mit Physikern und Biologen mit Informatikern zusammen, um die Leistungen des Gehirns, die Wahrnehmung und das Gedächtnis, das Denken und die Sprache besser zu verstehen.

Prominentes Beispiel ist die groß angelegte Untersuchung von Blickbewegungen beim Lesen. Während Probanden auf einem Bildschirm einfache Sätze lesen, zeichnet eine Kamera den Weg auf, den ihre Augen dabei nehmen. Gerade Linien und Sprünge, Rückbewegungen und Kurven zeigen, welche Strategie der Leser entwickelt, um einen Satz wahrzunehmen, zu verstehen und schließlich im Gedächtnis zu behalten. Die Forscher hoffen, diesen, so Kliegl, „extrem komplexen und dynamischen Prozess“ soweit zu analysieren, dass man künftig Leseschwächen leichter ausgleichen und das Lesenlernen generell optimieren kann. Konkrete Anwendungen also für die Bildungswissenschaften, mit denen sich die Universität Potsdam in den kommenden Jahren ebenfalls profilieren will.

Ein anderes Anwendungsbeispiel liefert die Patholinguistik, die kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis bereitstellt. Kinder mit Sprachstörungen sollen wirksamer therapiert werden und Schlaganfall-Patienten mit effektiveren Methoden schneller ihr Sprachvermögen zurückerlangen.

Am „Planungshorizont“ sieht Kliegl die psychomotorische und sportmedizinische Untersuchung komplexer Bewegungsabläufe bei Spitzensportlern. Neue Verbindungen quer durch die Disziplinen knüpfen die Psychologen derzeit auch zu Germanisten und Romanisten der Universität. „Die Germanistin Heike Wiese zum Beispiel interessiert, wie Emotion und Sprache sich gegenseitig beeinflussen. Und Romanist Ottmar Ette möchte untersuchen, wie das extreme Verdichten der Bedeutung von Mikro-Erzählungen sich auf das Leseverhalten auswirkt.“ Ein Thema, das Reinhold Kliegl selbst gefangen nimmt.

Kliegl, der im Jahr 2002 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem höchstdotierten deutschen Förderpreis, ausgezeichnet wurde, hofft, dass im künftigen Exzellenzbereich Kognitionswissenschaften nicht nur die Forschung, sondern auch die Lehre und der wissenschaftliche Nachwuchs stärker gefördert werden können. Bislang gibt es noch keinen speziellen Studiengang. „Hierfür müssten einige Professuren eingerichtet werden“, so der Psychologe. Noch dringender allerdings sei es, ein Promotionsprogramm aufzustellen. „Das sollten wir spätestens in den kommenden drei Jahren geschafft haben", setzt sich Reinhold Kliegl ein konkretes Ziel.

Etwas komplizierter scheint ihm hingegen die Einrichtung eines „Hauses der Kognitionswissenschaften“ auf dem Universitäts-Campus in Golm zu sein. „Für einige der Kollegen, die aus verschiedenen Disziplinen kommen, ist es sehr wichtig, täglich unter einem Dach, auf einem Flur, zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu inspirieren“, begründet er eine ihn faszinierende Idee. In der verzweigten Potsdamer Universität mit ihren drei Standorten wird sie sich allerdings immer nur teilweise umsetzen lassen. Für die Experimente jedoch müssen optimale Messbedingungen gewährleistet sein, meint Kliegl und fügt hinzu: „Ein solches Haus darf nicht ausgrenzen, aber auch niemanden hinein zwingen. Vermutlich wird es ja dann doch eher ein virtuelles Gebäude.“