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Universität Potsdam : Weiter Streit um Lehrstunden von Dozenten

An der Universität Potsdam wird um die zukünftige Ausgestaltung der Lehrverpflichtungen von Dozenten gestritten. Ein Anglistik-Professor sagt: „Die Fronten sind eher verhärtet.“

Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In der Auseinandersetzung um die Lehr- und Studienbedingungen an der Universität Potsdam hat nun auch der Personalrat der Hochschule Stellung bezogen. Die Neuregelung des sogenannten Lehrdeputats von 2015 verändere die Grundarchitektur der vorherigen Praxis in beträchtlichem Maße, so das Gremium. Die Arbeitsbelastung von in der Lehre Tätigen dürfe nicht ohne Weiteres pauschal festgelegt werden, so die Haltung des Gremiums.

Der Uni-Senat will, dass die Dozenten öfter lehren

Hintergrund ist ein Beschluss des Uni-Senats von 2015, wonach die wöchentliche Stundenzahl der Lehrveranstaltungen von Dozenten (Lehrdeputat) – ausgenommen der Professoren – von bislang acht auf 18 Semesterwochenstunden (SWS) angehoben werden kann. Dadurch hätten die betroffenen Dozenten weniger Zeit, den Unterricht vorzubereiten, so die Kritik von Dozenten und Studierenden. Es wird befürchtet, dass wissenschaftliche Mitarbeiter nur noch unterrichten und sonst zu nichts mehr kommen. Dagegen hatte es in den vergangenen Wochen zahlreiche Protestnoten und -maßnahmen gegeben. In einem offenen Brief der Philosophischen Fakultät hieß es, dass man keine neuen Stellen mit 18 SWS besetzen werde, Studierende demonstrierten, eine Online-Petition findet regen Zuspruch (aktuell über 1700 Unterstützende) und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schloss sich der Kritik an.

Der Personalrat der Universität Potsdam hatte in den letzten Jahren bereits darauf hingewiesen, dass ein Deputat von 18 SWS in der fachwissenschaftlichen Lehre unweigerlich zu einer Überlastung des Personals und zu Qualitätseinbußen der Lehrveranstaltungen führe. Angesichts des „energisch betriebenen Wegs zur Forschungsuniversität“ sei die nachholende Debatte zur Austarierung von Forschung und Lehre nicht überraschend, schreibt das Gremium nun in einer aktuellen Stellungnahme. Der Personalrat habe das Zustandekommen des Beschlusses 2015 kritisch-konstruktiv begleitet: Die „speziell mit dem Beschluss einhergehende Verdichtung von Arbeit“ wurde kritisiert und auf mögliche Folgen für den wissenschaftlichen Gehalt der Lehre aufmerksam gemacht. Eine angekündigte „Handreichung“ des Senats zum Umgang mit dem Lehrdeputatsbeschluss sei bis heute nicht ausgehändigt worden, so der Personalrat.

Die Gewerkschaft geht weiter als der Personalrat

Das Zustandekommen des Beschlusses hat nun auch zu einer rechtlichen Auseinandersetzung geführt. Das Präsidium der Universität habe eine Bestimmung im Personalvertretungsgesetz genutzt, wonach der Personalrat bei bestimmten Themen sein Mitbestimmungsrecht verliert, wenn der Senat sich zuständig erklärt, so der Personalrat. Die Frage, ob der Senat diese Legitimation tatsächlich hatte, lässt das Gremium gerichtlich prüfen: Die Klage ist beim Oberverwaltungsgericht Berlin/Brandenburg anhängig. Die Universitätsleitung sieht sich in dieser Frage im Recht, die Entscheidung sei auf Grundlage der Grundordnung der Hochschule getroffen worden, so Uni-Sprecherin Silke Engel. Daher habe man auch in der ersten Instanz vor dem Verwaltungsgericht Potsdam Recht bekommen.

Die Gewerkschaft geht in ihrer Kritik weiter als der Personalrat. „Die Erhöhung der Lehrverpflichtung wird die Situation weiter verschärfen“, sagte Günther Fuchs. „Infolge der ungleichen Arbeitsteilung und der Formierung einer Zweiklassenpersonalstruktur aus anerkannten Forschenden und unsichtbaren Lehrenden, kann man der Universitätsleitung vorwerfen, dass sie die Ausweitung des Lehrdeputats ohne Rücksicht auf die Arbeitsbelastung und auf Kosten der Betroffenen vorantreibt“, meint der Gewerkschaftler.

Uni richtet Zusatzstellen mit Schwerpunkten ein

Die Universitätsleitung hatte auf die Sorgen und Kritik an der Hochschule in einer ersten Stellungnahme geantwortet, dass eine Erhöhung des Lehrdeputats nur einzelne neue Stellen betreffe. Demnach sollen im Rahmen des geplanten massiven Ausbaus des Lehramtsstudiums einige zusätzliche Stellen mit dem Aufgabenschwerpunkt in der Lehre eingerichtet werden, so Sprecherin Silke Engel. „Diese Stellen sind naturgemäß mit einem höheren Lehrdeputat verbunden. Für vorhandene akademische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch für neu einzustellende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Qualifikationsphase ändert sich jedoch nichts, sie haben viel geringere Lehrdeputate“, sagte Engel. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gebe es „keine Erhöhung des Lehrdeputats von 8 auf 18 SWS“ innerhalb laufender unbefristeter Verträge.

Stimmt nicht, sagt hingegen ein Dozent der Hochschule gegenüber den PNN und schildert den Fall einer Mitarbeiterin im Mittelbau, deren Entfristung des Vertrages nun an eine Erhöhung der Seminarstunden von 11 auf 18 Lehrstunden pro Woche gekoppelt sei. Ohne Entfristung drohe der Mitarbeiterin der Gang zum Arbeitsamt. „Das läuft auf Erpressung hinaus“, so der Professor, der namentlich nicht genannt werden wollte. Der Fall wurde auch bei einer Protestaktion am 15. Februar an der Uni als Beispiel geschildert. Die Uni-Leitung entgegnete dazu, dass dieser Fall nicht im Widerspruch zu der Aussage stehe, dass innerhalb laufender Verträge kein Lehrdeputat erhöht wird. Denn hier gehe es um eine neue, unbefristete Stelle mit dem Schwerpunkt Lehre, auf den sich die betroffene Mitarbeiterin, deren befristete Qualifikationsstelle auslaufe, auch beworben habe.

Neue Wissenschaftliche Mitarbeiter sollen besser kategorisiert werden

Uni-Präsident Oliver Günther versucht indes mit einem Schreiben an die protestierenden Studierenden und Mitarbeiter die Debatte zu versachlichen. Der Ausbau des Lehramtes habe nichts mit den Regelungen für das Lehrdeputat der Akademischen Mitarbeiter im Mittelbau zu tun, die auf den Beschluss von 2015 zurückgehen. Seinerzeit habe man sich entschieden, die Höhe des Lehrdeputats entsprechend der Tätigkeit in Lehre, Forschung und Service zu differenzieren. Dabei sind Umfänge von vier Wochenstunden Unterricht sogar bis 24 SWS (für ausschließlich in der Lehre Tätige) möglich – was die Lehrverpflichtungsordnung des Landes Brandenburg tatsächlich auch deckt. Bei Neueinstellungen will man die wissenschaftlichen Mitarbeiter nun besser kategorisieren – in Dozenten, die viel unterrichten, und welche, die mehr forschen. „Bestehende Arbeitsverträge sind von der Regelung nicht betroffen, das heißt eine Erhöhung von vereinbarten Lehrdeputaten findet nicht statt“, erklärte Günther.

Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.
Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Bei den neuen Stellen im Lehramt gebe es demnach Jobs mit vier bis 18 SWS, je nachdem, ob ein neuer Mitarbeiter hauptsächlich zur Verstärkung der Lehre oder stärker im Bereich Bildungsforschung eingesetzt werden soll. „Durch die besondere Berücksichtigung der Lehre wird den auch von vielen Studierenden geäußerten Wünschen entsprochen, wonach nicht nur die Forschung, sondern auch die Schulpraxis und die besonderen Bedarfe angehender Lehrerinnen und Lehrer stärker zu berücksichtigen sind“, so Günther. Es sei Strategie der Hochschulleitung, das Betreuungsverhältnis und die Qualität der Lehre an der Universität flächendeckend zu verbessern.

Auch verwies die Universität auf den laufenden Prozess der Expansion der Hochschule. Der Veränderungsprozess habe gerade erst begonnen. Daher würden Gespräche mit allen Fakultäten stattfinden, die vom Ausbau betroffen sind. „Das Präsidium hat das Anliegen der Philosophischen Fakultät und die Proteste zur Kenntnis genommen“, so Sprecherin Engel. Die Bedenken der Mitarbeiter nehme man ernst und will sie im weiteren Prozess berücksichtigen.

Für den 26. März ist ein Gespräch geplant

Am 26. März soll es ein Gespräch zwischen Präsidium und der Germanistik, Romanistik und Anglistik/Amerikanistik geben. Anglistik-Professor Lars Eckstein sagte den PNN, dass das Institut für Anglistik und Amerikanistik weiterhin in der Frage um faire Lehrdeputate eine grundlegend andere Auffassung als das Präsidium habe: „Die Fronten sind eher verhärtet.“ Den Gesprächen steht er aber offen gegenüber. Die Philosophische Fakultät hat den offenen Brief inzwischen wieder von der Homepage genommen – um die Gesprächsatmosphäre nicht zu belasten, wie Dekan Thomas Brechenmacher den PNN sagte. „Wir sind zuversichtlich, dass am Ende vernünftige Lösungen für alle dabei herauskommen“, so der Dekan.

Die Sorge um die Qualität der Lehre angesichts der geplanten umfangreichen Expansion von Brandenburgs größter Hochschule (derzeit rund 20 000 Studierende) hatte der Studierendenausschuss Asta bereits zum Neujahrsempfang zur Sprache gebracht. Man befürchte, dass die „gute Lehre“ auf der Strecke bleibt. Raumnot wird von den Studierenden bereits jetzt bemängelt, wobei die Zahl der Studierenden noch gar nicht gewachsen ist. „Gute Lehre braucht Raum und Zeit”, so die Studentin Sara Meyer, die kürzlich die Demo an der Uni organisiert hat.

Der Uni-Präsident war irritiert

Uni-Präsident Oliver Günther hatte in seiner Neujahrsansprache entgegnet, dass die Hochschule bei dem Ausbau sehr wohl auf die Lehre achte. So soll die Hochschule insgesamt zwar um rund 30 Prozent wachsen, die Zahl der Studierenden allerdings nur um rund 15 Prozent. „Weil wir mit der Studienqualität, die wir unseren Studierenden in früheren Jahren anbieten konnten, nicht zufrieden sind und einen Teil der Mittel lieber dafür verwenden, die Studienqualität zu erhöhen, anstatt gleich wieder proportional mehr Studierende aufzunehmen“, erklärte Günther. Mit demnächst 23 000 Studierenden steige man gleichwohl in die Liga der „großen“ Universitäten auf: „Nicht nur quantitativ, wollen wir hoffen.“

Grundsätzlich zeigte sich Günther überrascht, dass sich die Philosophische Fakultät dazu entschieden habe, nicht direkt mit der Hochschulleitung zu kommunizieren, sondern über einen offenen Brief. „Stattdessen hätte es doch nahe gelegen, über die zuständigen Gremien oder auch über einen direkten Dialog über die relevanten Fragen zu diskutieren“, so der Uni-Präsident.