Universität Potsdam : Potsdamer Studierende beschweren sich wegen mangelhafter Studienbedingungen

An der Universität Potsdam häufen sich Beschwerden wegen überfüllter Seminare. Die Hochschule will mit zusätzlichen Professuren und wissenschaftlichen Mitarbeitern reagieren. 

Volles Haus an der Uni Potsdam. Neue Mitarbeiter sollen helfen.
Volles Haus an der Uni Potsdam. Neue Mitarbeiter sollen helfen.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Die Potsdamer Uni kommt nicht zur Ruhe: Nach der Kritik an der geplanten Erhöhung der Stundenzahl der Lehrveranstaltungen von Dozenten, dem kürzlich bemängelten Umgang mit wissenschaftlichen Hilfskräften und dem Rechtsstreit um die Rückmeldegebühren macht sich unter Studierenden auch Ärger über die Qualität des Studiums breit. Das Problem: Viele Seminare sind überfüllt.

Durch den großen Andrang werden oft mehr Studierende für ein Seminar zugelassen als geplant – und viele eben auch gar nicht. Die Zahlen der Online-Anmeldungen für verschiedene Seminare sprechen für sich. Nach Informationen des Fachschaftsrats Politik und Verwaltung, wurden zum Beispiel für das Seminar „Europäische Integration“ 37 Studierende zugelassen – die anfänglichen Anmeldezahlen hätten bei 78 gelegen. Das ist nur eines von vielen Beispielen. 

Laut einem Mitglied des Fachschaftsrats, das in der Zeitung nicht namentlich genannt werden wollte, sollen in anderen Kursen wiederum deutlich mehr Studierende zugelassen werden, als es Plätze gibt. In dem Seminar "Entwicklungstheorien und Entwicklungspolitik" sogar alle 61 Bewerber. „Der Raum, in dem dieses Seminar stattfindet, hat aber nicht einmal genügend Sitzplätze für diese Zahl“, weiß der Student vom Fachschaftsrat. Andere Dozenten würden per Losverfahren entscheiden, wer einen der begehrten Plätze erhält. Das Problem der Überfüllung sei zwar nicht neu. „So angespannt war die Lage aber noch nie“, meint der Student.

Das Studium verlängere sich bei vielen Studierenden

Das bestätigt auch eine Politik-Studentin, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Seminare seien überfüllt, sodass sich das Studium so bei vielen Studierenden verlängere. Sie selbst sei im sechsten Semester, könne ihr Semesterende aber nur schwer planen. Für viele sei es auch eine Kostenfrage, sagt die Studentin. Studierende hätten Angst, dass sie kein Bafög mehr bekommen, wenn sich ihr Studium verlängert. 

Neben überfüllten Seminaren spricht die Studentin auch von zu langen Schlangen in der Mensa sowie einer ständig überfüllten Uni-Bibliothek. „Das ist kein schönes Studieren mehr“, sagt sie.

Ein internes Uni-Dokument von Ende 2018 legt dar, wie stark die einzelnen Fakultäten ausgelastet sind. Demnach waren im Wintersemester 2018/2019 die Studiengänge Informatik mit einer Auslastung von knapp 170 Prozent, Wirtschaft-Arbeit-Technik (WAT) mit 153 Prozent sowie Mathematik mit 137 Prozent am stärksten betroffen.

Auch die Rechtswissenschaften mit 128 Prozent sowie die Wirtschaftswissenschaften mit 122 Prozent haben eine hohe Auslastung. Der Fachbereich Politik/Verwaltung hatte in dem Semester eine Auslastung von 104 Prozent, in den vorigen Semestern lag die Auslastung zum Teil allerdings bei über 120 Prozent. Auffällig ist in jedem Fall, dass mehr als die Hälfte der Fächer die 100-Prozent-Grenze in der Auslastung überschreiten.

Vor allem die Lehrämter leiden 

Auch der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Uni Potsdam kann das Problem bestätigen, auch wenn es nicht flächendeckend zutreffe, erklärt Lisa-M. Maliga, zuständig für die Asta-Pressearbeit. „Vor allem die Lehrämter leiden darunter“, sagt sie. Die Universität sei angehalten, allen Studierenden ein ordnungsgemäßes Studium zu ermöglichen, betont das Asta-Mitglied. 

Wenn Unis und andere Stellen eine Regelstudienzeit forderten, müssten auch Zustände gegeben seien, die das zuließen, meint Maliga. Bei der Überfüllung von Seminaren müsse die Universität also für Ersatz sorgen, um eine Verlängerung des Studiums zu verhindern. Solche Ersatzoptionen gebe es zwar manchmal vor, so Maliga. „Aber dann auch eher schlecht als recht.“ Für die Studierenden gebe es dann noch die Möglichkeit, sich in bestimmte Seminare einzuklagen. Dieser Prozess sei allerdings langwierig und schwierig.

Das Problem der überfüllten Lehrveranstaltungen bestehe bereits seit längerem, so die Asta-Referentin. Und immer wieder stellen die Studierendenvertreter klar, dass „Seminarrauswürfe nicht zulässig“ sind. In einem Seminar jedoch einfach sitzen zu bleiben, erfordere Mut, vor allem bei neuen Studierenden. Dass sich an der aktuellen Situation in absehbarer Zeit etwas ändert, bezweifelt die Studentin. Das Vorhaben der Universität neue Lehrstellen zu schaffen, nennt sie „mehr als nur eine Farce“, wenn man bedenke, dass die Universität weiter wachsen soll.

Die Universitäts-Leitung betont hingegen ihr Bemühen, nicht nur quantitativ zu expandieren. „Die Hochschulleitung verfolgt eine nachhaltig angelegte Strategie, um das Betreuungsverhältnis und die Qualität der Lehre an der Universität flächendeckend zu verbessern“, sagte Uni-Sprecherin Antje Horn-Conrad den PNN. So seien die von 2013 bis 2020 um etwa 30 Prozent gestiegenen Zuwendungen des Landes an die Universität nicht dazu verwendet worden, auch die Anzahl der Studierenden proportional um 30 Prozent zu steigern. 

Vielmehr sei mit dem Land ein moderates Wachstum um etwa 15 Prozent vereinbart worden, so Horn-Conrad. Entsprechende Pläne hatte Universitäts-Präsident Oliver Günther bereits im vergangenen Jahr bekanntgegeben. Aktuell hat die Potsdamer Uni als Größte Hochschule des Landes wie auch in den Vorjahren rund 20.000 Studierende, in den kommenden Jahren soll die Zahl um rund 3000 ansteigen.  

Die Uni plant 16 zusätzliche Professuren mit 32 wissenschaftlichen Mitarbeitern

Für den Ausbau des Lehramts plant die Uni-Leitung laut Horn-Conrad 16 zusätzliche Professuren mit insgesamt 32 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Diese sollen sowohl forschen als auch lehren. Während es sich bei Letzteren um befristete Verträge handelt, plane die Uni zudem, unbefristete Stellen „mit einem Schwerpunkt in der Lehre“ zu schaffen. 

Um wie viele Stellen es sich dabei handelt, ließ die Uni-Leitung zunächst offen. Damit sollen laut Horn-Conrad die Schulpraxis und die besonderen Bedarfe angehender Lehrer stärker berücksichtigt werden.

Die Sorge, dass manche Dozierende sich künftig mit erhöhter Semesterwochenstundenzahl vor allem um die Lehre kümmern und dementsprechend kaum noch selbst forschen können, hatte in diesem Frühjahr an der Hochschule für Unmut gesorgt. Die mögliche Anhebung der Semesterwochenstunden von acht auf bis zu 18 war auf massiven Protest gestoßen. Auch Maliga sieht darin keine Lösung. Bereits jetzt müssten Dozierende zu viele Studierende betreuen, von Hausarbeiten bis hin zu Sprechzeiten. „Es gibt kaum noch Platz für individuelle Probleme, Fragen und Kreativität“, meint Maliga. Außerdem würden Seminare repetitiv, da die Zeit für Recherche und Vorbereitung fehle. „Hier an der Uni können wir von einer Entwicklung hin zur Lernfabrik sprechen“, sagt sie. Die Uni-Leitung hatte indes klargestellt, dass eine erhöhte Zahl von Semesterwochenstunden nur für die neuen Stellen mit dem Schwerpunkt in der Lehre gelten soll.

Engpässe offenbar nicht eingeplant

Die Fachschaftsräte Politik und Verwaltung sowie der Wirtschaftswissenschaften haben einen Brief an den Studiendekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät geschrieben, um auf die mangelhaften Studienbedingungen an der Fakultät aufmerksam zu machen. Darin kritisieren sie „das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage“ vor allem der studiengangübergreifenden Lehrangebote.

Durch die Überbuchung der Seminare in den ersten Semesterwochen würden bis zu 80 Studierende in überfüllten Seminaren sitzen, die bis zum Ende der Belegungsfrist oft nicht wüssten, ob sie zugelassen werden. „Bei einer so hohen Nachfrage für einzelne Lehrveranstaltungen sollten weitere Kursgruppen eingerichtet werden, um die Lage zu entschärfen“, heißt es weiter. Es entstehe der Eindruck, dass die Fakultätsleitung vorherige Engpässe bei der Planung der Lehrkapazitäten nicht ausreichend berücksichtigt, kritisieren die Fachschaftsräte. Der Studiendekan hat auf das Schreiben reagiert und die Fachschaftsräte daraufhin zu einem Gespräch eingeladen.

Für die Fachschaftsräte sei das Gespräch besser als gedacht verlaufen, berichtete das Mitglied des Fachschaftsrats Politik und Verwaltung. Der Studiendekan habe bei dem Treffen mitgeteilt, dass im Fachbereich Politik zum kommenden Wintersemester eine neue Vollzeitstelle am Lehrstuhl für politische Bildung, also für den Bereich Lehramt, hinzukommen werde. Ab dem Wintersemester 2020 soll diese Stelle 18 Semesterwochenstunden Lehre anbieten, darunter 50 Prozent für das Lehramt sowie 50 Prozent für die Fachwissenschaften. 

Allerdings habe der Dekan auch gesagt, dass es aufgrund der Personalsituation nicht möglich sei, kurzfristig neue Seminargruppen zu eröffnen. Im aktuellen Semester bleibt also noch alles beim Alten.