Überregional : Sommerfrische und andere Abgründe

Adlige gehen auf Grand Tour, Revolutionsfans besuchen Stätten des Umsturzes, Abenteurer vereinnahmen ferne Länder. Wie der moderne Tourismus entstand

Rüdiger Hachtmann
Begeistert in Venedig. Was früher eine Bildungsreise war, wird Mitte des 20. Jahrhunderts zum Massentourismus.
Begeistert in Venedig. Was früher eine Bildungsreise war, wird Mitte des 20. Jahrhunderts zum Massentourismus.Foto: picture alliance/dpa

Nach der klassischen Definition des Grimmschen Wörterbuchs gilt als „Tourist“ der „Reisende, der zu seinem Vergnügen, ohne festes Ziel, zu längerem Aufenthalt sich in fremde Länder begibt“. Noch nicht mitgedacht haben die Brüder Grimm, dass im Begriff des Touristen wie des Tourismus bereits die Masse mitschwingt, die sich im Reise- und Urlaubsverhalten vom adligen oder bürgerlichen Individuum deutlich abhebt. Die Etablierung der britischen Seebäder, mit denen der moderne Tourismus begann, lag schon ein knappes Jahrhundert zurück, als die Grimms 1838 die Arbeit am Wörterbuch aufnahmen. Und die Eisenbahn als das Verkehrsmittel, das den Massentourismus voranbringen sollte, haben sie noch selber erlebt.

Was den Tourismus seit seiner Entstehung begleitet, ist die Tourismusschelte. Einst wie heute legen viele Touristen Wert auf die soziale Distinktion gegenüber den Touristenmassen. Kritisch sind auch die meisten Versuche, Erscheinungsformen des Tourismus unter ein theoretisches Dach zu fassen. Bis heute einflussreich ist Hans Magnus Enzensberger mit seiner kapitalismuskritischen „Theorie des Tourismus“ von 1958. Enzensberger behauptete, die „Flut des Tourismus“ sei vom Wunsch nach Freiheit getragen, bleibe jedoch zwangsläufig eine vergebliche „Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt“. Denn in der kapitalistischen Warenwelt könne „Freiheit als Massenbetrug“ inszeniert werden.

Ein anderer kulturhistorischer Ansatz ist das Theorem von den touristischen Reisen, deren Hauptinhalt der Symbolkonsum sei. Dies geht auf das Kapitaltauschkonzept Pierre Bourdieus zurück. Demnach ist Symbolkonsum sowohl die Besichtigung von kulturellen Sehenswürdigkeiten, aber auch der Kauf von Souvenirs und anderen Konsumgütern des Gastlandes oder auch exotische oder dramatisch inszenierte Erlebnisse. Zu Hause wird das erworbene symbolische oder kulturelle Kapitel in soziales Kapital verwandelt. Andere Tourismuswissenschaftler haben mit Seitenblick auf den religiös aufgeladenen Prototourismus vor allem des Mittelalters kulturbeflissene Reisende als säkulare Pilger qualifiziert.

Alle Tourismustheorien verkürzen und muten oft wie Varianten einer weiterhin allgegenwärtigen Tourismusschelte an. Angesichts der Vielschichtigkeit des Gegenstandes sowie aufgrund der Dynamik, der der Tourismus in den letzten Jahrzehnten unterworfen war, bietet es sich an, den Blick stattdessen auf seine Formen und Phasen zu lenken. Der großbürgerlich und adlig geprägte Individualtourismus entwickelte sich aus der Grand Tour junger Adliger durch Mitteleuropa und Italien, bei der diese nicht nur in die „Etiquette“ der Höfe eingeführt wurden, sondern auch antike Kulturstätten, Kirchen, Klöster, Schatz- und Kunstkammern besichtigten. Die in der Aufklärung aufkommende bürgerliche Bildungsreise diente der Horizonterweiterung im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Neben den Stätten antiker Kultur vor allem Italiens, seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch Griechenlands, waren die modernen, für ihre wissenschaftlichen und technologischen Innovationen bekannten englischen Industriestädte attraktive Reiseziele.

Auch der Mitte des 18. Jahrhunderts zunächst in Großbritannien, Ende des Jahrhunderts dann auf dem Kontinent aufkommende mehrwöchige Besuch von Seebädern war ebenso wie die Reise zu Heilquellen im Binnenland und ein längerer Aufenthalt in den Kurorten lange Zeit ein Privileg des Adels und des vermögenden Bürgertums. Ende des 19. Jahrhunderts weitete sich der Bädertourismus zunächst auf die Mittelschichten und im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts schließlich auf Teile der Unterschichten aus. Die „Sommerfrische“ im engeren Sinne war dann ab Ende des 19. Jahrhunderts ein genuin kleinbürgerliches Phänomen. Begünstigt durch eine privilegierte Urlaubsgesetzgebung für Beamte, später auch für Angestellte blieb die Sommerfrische bis Mitte des 20. Jahrhunderts populär. Sie war eine ausgeprägt familiäre Form des Urlaubs in einem ländlichen Umfeld.

Der Begriff Sozialtourismus nimmt die Emanzipation der Industriearbeiterschaft und weiterer Unterschichten aus der Arbeiterbewegung auf. Er impliziert einen preiswerten Massentourismus, organisiert und oft bezuschusst durch Gewerkschaften. Vorreiter war die britische „Workers Travel Association“ ab 1922. Eine alle „Gemeinschafts- und Rassefremden“ ausschließende Sonderform des Sozialtourismus bot „Kraft durch Freude“ als größte Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront zwischen 1934 und 1939 an. Dieser von den Nationalsozialisten organisierte Massentourismus sollte in politisch-propagandistischer Absicht den bis 1933 im Deutschen Reich erst in Anfängen ausgebildeten gewerkschaftlichen Tourismus in den Schatten stellen.

Der kommerzielle Massentourismus geht auf den Tourismus-Pionier Thomas Cook zurück und begann sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch auf dem europäischen Kontinent zu entwickeln. Zur hegemonialen Form des modernen Tourismus wurde er jedoch erst zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Begriff „kommerzieller Massentourismus“ zielt nicht nur auf die von Reiseveranstaltern angebotenen Pauschalreisen, sondern ebenso auf Hotels und andere touristische Dienstleistungen, die der automobile, Rad fahrende oder wandernde Individualtourist in Anspruch nimmt.

Was aber sind die Motive, die den Touristen veranlassen, auf Reisen zu gehen – und wie wirken sie sich auf sein Verhalten an den Zielorten aus? Über Kritik erhaben wähnt sich zweifellos der kulturbeflissene Bildungstourismus. Er wurzelt im bürgerlichen Individualtourismus und war und ist ein Vehikel der Selbstaufklärung durch Reisen. Durch die modernen Reiseführer wird er freilich zunehmend zur standardisierten Sightseeing-Tour.

Daneben haben sich seit den frühen Tagen des Tourismus auch eher fragwürdige Motive etabliert. Der sich seit 1789 ausbildende Revolutionstourismus – säkulare Wallfahrten zu den Stätten der Großen Französischen Revolution und der weiteren politisch-sozialen Umsturzversuche des 19. und 20. Jahrhunderts – blieb zunächst ein vornehmlich bürgerlicher Individualtourismus von Revolutionsenthusiasten. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zog er in zunehmendem Maße voyeuristisch-erschauernde Pauschaltouristen aus dem Bürgertum und den Mittelschichten an. Objekte des eng verwandten Dark Tourism oder auch Black Tourism, der sich an Tod, Gewalt und Schmerz voyeuristisch delektiert, sind die mit diversen Vampir-Legenden garnierten rumänischen Burgen oder Ground Zero. Auch der „KZ-Tourismus“ oder der Besuch „legendärer“ Gefängnisse und moderner Folterstätten werden mitunter dieser Kategorie zugerechnet.

Der Ursprung des modernen Abenteuertourismus – der keine Weltgegend auslässt, sei sie auch noch so unzugänglich – ist die im 19. Jahrhundert einsetzende Alpinistik. Der Wunsch nach unberührten Landschaften und einem intensiven Naturerlebnis geht in heute globalem Maßstab nicht zufällig mit einer sich rapide verschärfenden Verstädterung und Industrialisierung der kontinentaleuropäischen Länder einher. Dazu will der Abenteurer Distanz schaffen – und schleppt sie doch in abgelegene Weltregionen mit.

Über die Frage, ob der Wunsch nach bloßer Entspannung beim Sonnenanbeten den kultur- und ebenso den naturorientierten Tourismus verdrängt hat, ließe sich trefflich streiten. Tatsächlich haben sich mit der sozialen Ausweitung und einer zunehmenden Einbeziehung namentlich der Unterschichten in den Tourismus auch die touristischen Praxen verändert. Indes ist ein reiner Vergnügungstourismus, wie er in den USA der 30er Jahre mit Riesenrutschen, Misswahlen und Frittenwettessen erfunden wurde, eher die Ausnahme. Charakteristisch für den modernen und postmodernen Tourismus sind das Nebeneinander und die Mischung von Kulturbeflissenheit, Naturbegeisterung und auch Sensationsgier – sowie ein simples Erholungsbedürfnis.

Rüdiger Hachtmann ist Historiker, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und apl. Professor an der TU Berlin. Sein Artikel basiert auf einem Aufsatz aus Docupedia-Zeitgeschichte, einem Online-Forum, in dem Debatten aktueller zeitgeschichtlicher Forschung dokumentiert werden (www.docupedia.de).