Überregional : Meeresspiegel steigt für Jahrhunderte Jedes Grad Erwärmung zwei Meter mehr

Eisschmelze. In der Antarktis drohen Eismassen abzurutschen.
Eisschmelze. In der Antarktis drohen Eismassen abzurutschen.Foto: dpa

Potsdamer Klimaforscher rechnen damit, dass jedes Grad Erderwärmung den Meeresspiegel auf lange Sicht um mehr als zwei Meter erhöhen könnte. Das schreiben sie in einer jetzt in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichten Studie. Die globale Durchschnittstemperatur liegt derzeit rund 0,8 Grad über dem Wert zum Beginn der Industrialisierung, in Forschung und Politik gelten zwei Grad Erwärmung durch den Klimawandel als gerade noch beherrschbar.

Während die Wärmeausdehnung des Meeres und das Abschmelzen von Gebirgsgletschern heute die wichtigsten Ursachen für einen Anstieg der Meere sind, werden laut Studie in den kommenden 2000 Jahren die grönländischen und antarktischen Eisschilde zu den dominierenden Faktoren. Bei einem Anstieg der globale Durchschnittstemperatur um vier Grad, den die Forscher bei ausbleibendem Klimaschutz in weniger als einem Jahrhundert erwarten, werde der antarktische Eisschild in den nächsten zwei Jahrtausenden etwa 50 Prozent zum Meeresspiegelanstiegs beitragen, Grönland zusätzliche 25 Prozent.

Ein wichtiges Ergebnis der Kimaforscher betrifft den Zeitraum der erwarteten Veränderungen. „Heute ausgestoßene Treibhausgase werden den Meeresspiegel noch auf Jahrhunderte ansteigen lassen“, so die Klimaforscher. Der Leitautor der Studie vom PIK, Anders Levermann, erklärt dazu: „Kohlendioxid, einmal durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt, verbleibt entsetzlich lange in der Atmosphäre.“ Folglich bleibe die Erwärmung, die es verursacht, ebenfalls bestehen. Levermann umschreibt das Problem wie folgt: „Einmal aus dem Gleichgewicht gebracht, ist der Anstieg nicht mehr aufzuhalten – es sei denn, die Temperatur fällt.“

Die Meere und Eisschichten würden allerdings nur langsam auf die Veränderungenm reagieren. Grund dafür sei ihre enormen Masse. Daher werde der aktuell beobachte Meeresspiegelanstieg derzeit noch in Millimetern pro Jahr gemessen. Im 20. Jahrhundert stieg der Meeresspiegel um rund 0,2 Meter, und selbst die stärksten betrachteten Zukunftsszenarien projizieren deutlich weniger als zwei Metern in diesem Jahrhundert.

Die aktuelle Studie bringt erstmals Belege aus der frühen Erdklimageschichte mit umfassenden Computersimulationen unter Verwendung physikalischer Modelle aller vier Hauptquellen langfristigen Meeresspiegelanstiegs zusammen. „Unsere Abschätzungen kombinieren physikalisches Verständnis mit Klimaarchivdaten – sie scheinen robust zu sein.“ Vergangene Klimaaufzeichnungen, die Meeresspiegel- und Temperaturänderungen über einen langen Zeitraum mitteln, deuten darauf hin, dass in wärmeren Perioden der Erdgeschichte die Meerespiegel deutlich höher waren.

Ein fortwährender Meeresspiegelanstieg sei nicht zu vermeiden, wenn die globalen Temperaturen nicht zurückgehen, so PIK-Forscher Levermann. „Gemessen in Legislaturperioden mag das zwar langsam sein, aber unausweichlich und somit wichtig für fast alles, was wir in Küstennähe bauen – und das noch für viele kommende Generationen“, erkärte der Wissenschaftler.

Die Forscher haben für die Studie Daten aus Sedimenten vom Meeresgrund und vergangener Uferlinien von verschiedenen Küsten weltweit ausgewertet. Alle Modelle basieren auf grundlegenden physikalischen Gesetzen. „Die antarktischen Computersimulationen konnten die letzten fünf Millionen Jahre der Eisgeschichte simulieren und die anderen zwei Eismodelle wurden direkt mit Beobachtungsdaten kalibriert – diese Kombination hat die Wissenschaftler davon überzeugt, dass diese Modelle die zukünftige Entwicklung eines langfristigen Meeresspiegelanstieg korrekt abbilden“, sagt Peter Clark, ein Palaeoklimatologe der Oregon State University und Mitautor der Studie. Jan Kixmüller