Überregional : Im Reich der Schatten

Ob Kennedy-Mord oder Mondlandung: Erstaunlich viele Menschen glauben an Verschwörungstheorien. Dafür gibt es gute Gründe, sagen Psychologen

Eva-Maria Träger
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10.01.2014 19:55

Es ist ein Glaubenskrieg, dessen Spuren sich im Internet, auf Tausenden von Seiten, nachverfolgen lassen. Und täglich werden es mehr. Sobald ein Artikel über Verschwörungstheorien erscheint, ein Blog-Eintrag sich dem Thema widmet, wimmelt es in den Kommentaren der Leser darunter nur so von Anschuldigungen und Verteidigungsreden, von vermeintlichen Beweisen und Gegenbeweisen. Immer weg vom Thema des Artikels hin zum Grundsätzlichen: dem Vorwurf der Naivität, der Lüge, des Wahnsinns. Die anderen wollen nicht begreifen, was wirklich passiert ist, so die Überzeugung jeweils beider Lager. Wer’s glaubt, wird selig, wir dagegen kennen die Wahrheit.

Die Wahrheit, das ist für die einen die offizielle Erklärung eines Ereignisses, die die anderen wiederum nur als Ablenkungsmanöver von Mächten begreifen, die geheim sind oder ihre Pläne zumindest im Verborgenen verfolgen. Anhänger von Verschwörungstheorien sind alles andere als eine Randgruppe: Das Misstrauen in die Institutionen und in die öffentlichen Erklärungen dramatischer Ereignisse ist weitverbreitet, wie Befragungen immer wieder zeigen.

Als etwa das ZDF 2012 eine repräsentative Erhebung durchführte, äußerten 38 Prozent der unter 39-jährigen Deutschen, dass sie an eine Beteiligung der US-Regierung an den Terrorangriffen vom 11. September glaubten. 45 Prozent der Befragten waren sich sicher, dass der ehemalige Ministerpräsident Uwe Barschel 1987 im Genfer Hotel Beau Rivage ermordet wurde. Und 43 Prozent hielten es für möglich, „dass Prinzessin Diana 1997 einem Mordanschlag zum Opfer fiel“.

Dass solche Vorstellungen weitverbreitet sind, „legt nahe, dass sie bestimmte soziale Funktionen oder psychologische Bedürfnisse erfüllen“, schreiben die britischen Psychologen Viren Swami und Rebecca Coles in einem 2010 erschienenen Artikel. „Angesichts dieser Rolle verdienen Verschwörungstheorien die gleiche akademische Analyse wie andere religiöse, politische oder soziale Überzeugungen“.

Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren etliche Wissenschaftler, vor allem Psychologen, mit dem Thema beschäftigt: Wie unterscheiden sich Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, von jenen, die keine Verschwörung vermuten? Verfügen sie über bestimmte Persönlichkeitseigenschaften? Gibt es biografische Besonderheiten? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Entwicklungen? Das sind nur einige der Fragen, die sie untersuchen. Ihr Interesse zeigt: Die gesellschaftliche Akzeptanz ist gestiegen. Ein mit einem Stigma versehenes Phänomen, das früher vielfach als Hirngespinst belächelt wurde, wird nun zumindest als Forschungsgegenstand ernst genommen.

Verschwörungstheorien dienen vorrangig dazu, Wissenslücken zu schließen, die bei Ereignissen, die für den unbeteiligten Einzelnen nicht überschau- und überprüfbar sind, zwangsläufig entstehen. Wer kann schon beurteilen, wer hinter dem Attentat auf John F. Kennedy steckt, ob die Mondlandung wirklich stattgefunden hat oder Elvis Presley 1977 infolge eines Herzversagens starb? Das Leben in einer hoch vernetzten Welt bringt mit sich, dass wir vieles durch die Medien erfahren, was sich unserem unmittelbaren Einfluss und Beurteilungsvermögen entzieht. Fehlen entscheidende, plausible Informationen, suchen wir unwillkürlich nach ihnen – und wenn die Wirklichkeit sie nicht liefern kann, muss eben die Fantasie herhalten und sie gegebenenfalls ersetzen.

Es sei ein menschliches Grundbedürfnis, „die kausale Struktur der Umwelt“ zu verstehen, schrieb der österreichische Psychologe Fritz Heider schon 1958. „Wenn ich zum Beispiel auf meinem Schreibtisch Sand vorfinde, werde ich die Ursache dieses Ereignisses herauszufinden versuchen. Ich unternehme diese Nachforschung nicht aus bloßer Neugierde, sondern weil ich die Umwelt nur dann vorhersagen und kontrollieren kann, wenn ich dieses relativ unbedeutende Symptom mit einem zugrunde liegenden Kernereignis in Zusammenhang bringe.“ Diese Ursachen, so Heider, stellten „relevante Konstanten der Umwelt“ dar, „sie sind es, die unseren Erfahrungen Bedeutung verleihen“. Und sie zu kennen erhöhte im Zweifelsfall, vor allem in früheren Zeiten, unsere Überlebenschancen.

Ein Terroranschlag wie 9/11, die Finanzkrise, der Irak-Krieg, der plötzliche Tod eines Prominenten, all das wird als bedrohlich wahrgenommen, als Störung der bekannten Weltsicht und sozialen Ordnung. Verschwörungstheorien sind ein durchaus rationaler Versuch, damit umzugehen, Unerklärtes zu erklären, ihm Sinn zu verleihen und so zumindest dieses Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht zu reduzieren. Und hin und wieder treten ja sogar Verschwörungen zutage, die zuvor noch abwegig erschienen. Der Watergate-Skandal ist so ein Fall, und auch die Enthüllungen von Edward Snowden zu den umfassenden Überwachungsmaßnahmen der NSA tragen diese Züge. Allerdings neigen Anhänger von Verschwörungstheorien – so wie alle anderen Menschen auch – zu Urteilsfehlern.

So unterliegen Verschwörungsgläubige häufig dem „fundamentalen Attributionsfehler“, das heißt sie überschätzen den Einfluss von Personen gegenüber in der Situation begründeten Faktoren. Wenn man zu wissen meint, wer oder was hinter einem verstörenden Ereignis steckt, erscheint es kalkulierbarer, besser einordbar, und man kann sein Verhalten an dieser Erkenntnis ausrichten. Nichts ist beängstigender als der unberechenbare Zufall.

Neben den bekannteren Verschwörungstheorien, wie der gefälschten Mondlandung, gibt es eine ganze Reihe bunter Theorien: Etwa die, dass die Erde innen hohl ist und Hitler am Ende des Zweiten Weltkriegs dort Zuflucht gesucht hat. Oder dass die Fastfoodkette KFC dem Ku-Klux-Klan gehört und in ihr Essen Stoffe mischt, die nur auf Afroamerikaner sterilisierend wirken. Ungeachtet dieser Vielfalt scheint die Bereitschaft, an eine Verschwörungstheorie zu glauben, mit der Offenheit für andere einherzugehen – selbst wenn die jeweiligen Ansätze sich widersprechen.

Letzteres hat eine Untersuchung von Psychologen der Universität Kent ergeben. So fanden Menschen, die von eiem Mord an Prinzessin Diana überzeugt waren, zugleich die Theorie, dass sie ihren eigenen Tod nur vorgetäuscht habe, plausibler als andere Menschen. Weniger wichtig als die Logik einer einzelnen Theorie ist demnach die zugrunde liegende Weltsicht: „Ein Glaube an die grundlegende Böswilligkeit der Bürokratie – oder an die spezifische Böswilligkeit einer mächtigen Instanz – lässt viele Verschwörungen wahrscheinlicher erscheinen.“ Das grundsätzliche Gefühl, hier stimmt etwas nicht, wir werden belogen, prägt also die Wahrnehmung – und auch die Argumentation.

So kritisierten Anhänger von Verschwörungstheorien, die sich im Internet zum Terroranschlag vom 11. September äußerten, eher den allgemein akzeptierten offiziellen Hintergrund eines Ereignisses, als dass sie die eigene Theorie verteidigten und untermauerten. Ihre Diskussionsgegner verfuhren gegenteilig. Das zeigt eine aktuelle Studie der Forscher aus Kent. Die Grundhaltung von Verschwörungstheorie-Befürwortern ist also „eher ein Nicht-Glauben als ein positiver Glaube“, folgern die Psychologen.

Diese Überzeugung stärkt, wie es bei allen Überzeugungen der Fall ist, der jeweilige Mensch mit passenden Informationen – die er aktiv sucht. Da er unbewusst immer bestrebt ist, unangenehme Spannungen zu minimieren, werden widersprechende Fakten oder Argumente möglichst ausgeblendet, während die These unterstützende wahrgenommen und verarbeitet werden, obwohl sie nicht unbedingt wahrscheinlicher sind. Psychologen sprechen von „Confirmation Bias“, der Bestätigungstendenz.

Werden Probanden verstärkt mit Verschwörungstheorien konfrontiert, akzeptieren sie diese stärker. Dieser Effekt ließ sich beispielsweise auch nach Oliver Stones Kinofilm „JFK“ im Jahr 1991 beobachten. Die Versuchspersonen, die in der Studie eines Teams um den damaligen Stanford-Professor Philip Zimbardo, den Film über die Widersprüche im Zusammenhang mit dem Attentat auf John F. Kennedy 1963 schauten, hielten danach eine Verschwörung als Beweggrund für den Mord für wahrscheinlicher. Zugleich fühlten sie sich hoffnungsloser und verärgerter als zuvor. Ihre Bereitschaft, zur Wahl zu gehen, war ebenso gesunken wie jene, sich politisch zu engagieren.

Vielleicht sind es tatsächlich Publikumserfolge wie „JFK“, „Akte X“ oder „Illuminati“, die zu der hohen Popularität von Verschwörungstheorien in der Bevölkerung geführt haben. Vielleicht ist es die stärkere Verbreitung durch das Internet und Social Media, wo sich bisweilen sogar Prominente als Anhänger von Verschwörungstheorien bekennen oder als solche geoutet werden – Sängerin Rihanna etwa soll laut Boulevardberichten an Außerirdische glauben.

Vielleicht steigt auch das generelle Misstrauen in offizielle Institutionen, die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen, nicht zuletzt auch durch Datenskandale wie jener um die amerikanische NSA und die britischen GCHQ, die den zuvor als absurd abgetanen Verdacht einer umfassenden Überwachung bestätigten. Eine Verschwörung, die bereits viele weitere Verschwörungstheorien nach sich zog – etwa jene, dass Whistleblower Edward Snowden gar nicht existiert.

Empfänglich für diese sind übrigens vor allem solche Menschen, die sich „machtlos, benachteiligt oder sprachlos fühlen, besonders angesichts einer Katastrophe“, wie die Briten Swami und Coles ihre und andere Studienergebnisse zusammenfassen. Anhänger von Verschwörungstheorien sind tendenziell politisch zynischer und stellen eigene Interessen eher über die anderer, sie suchen aktiv nach neuen Erfahrungen und unterstützen demokratische Prinzipien stärker. Das politische System empfinden sie allerdings als undemokratisch – was sie offizielle Erklärungen per se als unzureichend anzweifeln lässt. Ihr Glaubenskrieg ist also vor allem auch eines: ein Misstrauenssieg.

Bildbeweis. Manche Menschen glauben, die Mondlandung habe nie stattgefunden. So seien am Himmel keine Sterne zu sehen und die US-Flagge flattere, obwohl es auf dem Mond keinen Wind gebe. Indizien für eine Inszenierung? Tatsächlich ist es auf der Tagseite des Mondes so hell, dass die Kamera das schwache Sternenlicht nicht einfangen konnte. Und die Flagge weht nicht im Wind, sie war während des Fluges gefaltet und hat einen Knick.Foto: AFP