Überregional : „Es geht bei den Unis nicht um Etiketten“

Jenseits der Exzellenzinitiative: SPD-Wissenschaftsexperte Rossmann über die Zukunft der Hochschulen

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15.08.2013 20:45

Herr Rossmann, der „Elitewettbewerb“, eine Idee der SPD-Führung, hat jahrelang die Universitäten mobilisiert und viel öffentliche Aufmerksamkeit auf die Hochschulen gelenkt. Jetzt empfiehlt der Wissenschaftsrat, erst in zehn oder 15 Jahren zu prüfen, ob es eine Neuauflage in modifizierter Form geben soll. Warum hat der Wettbewerb so an Attraktivität verloren?

Die Wissenschaftler und die Universitäten haben sich wirklich sehr angestrengt. Darum gibt es jetzt eine Wettbewerbsmüdigkeit und auch eine Müdigkeit, sich als Spitzenuni profilieren zu sollen. Die Universitäten wünschen sich eine Phase der Konsolidierung. Wir als SPD sind auch die letzten, die sich nur auf Wettbewerbe in der Wissenschaft kaprizieren, denn natürlich müssen wir zuerst auf die Verlässlichkeit der Basis achten. Im Übrigen geht der Wettbewerb ja weiter, denn die Hochschulen und Wissenschaftler werden sich weiter um Forschungs- und Förderprogramme etwa bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewerben.

Die wenigen siegreichen „Exzellenzunis“ wurden nicht nur mit viel Geld, sondern vor allem mit viel Prestige belohnt. Ist es nicht merkwürdig, wenn Bund und Länder die Unis erst zu Höchstleistungen anspornen und sie jetzt sang- und klanglos wieder dem Normalbetrieb überlassen?

Der Wissenschaftsrat hat ja erst mal nur Vorschläge gemacht, politisch ist noch nichts beschlossen. Aber sicher geht es bei den Universitäten nicht um Etiketten, sondern um die tatsächliche Leistungsfähigkeit, die auch unabhängig von der Förderung von Zukunftskonzepten an Exzellenzunis gehalten werden kann. Allen war von Anfang klar, dass diese Förderung nicht auf Dauer angelegt ist.

Ein offizielles Ziel des Wettbewerbs war es, einige wenige deutsche Universitäten international sichtbar zu machen und sie gar in die Weltspitze zu führen. Ist dieses Ziel näher gerückt?

Wenn man die deutsche Wissenschaft nur oberflächlich nach den Rankings beurteilt, ist das Ziel sicherlich noch nicht erreicht. Aber Deutschlands Hochschulen können im internationalen Vergleich sehr wohl bestehen und sind auch bei ausländischen Studierenden hochattraktiv. Und Wissenschaftler aus dem Ausland wissen auch, dass unser Harvard die Max-Planck-Gesellschaft ist.

Der Wissenschaftsrat hat gerade erst Empfehlungen für die deutsche Wissenschaft bis zum Jahr 2025 vorgelegt. Sie haben kritisiert, eine große Chance sei dabei vertan worden. Inwiefern?

Ich hätte gedacht, der Wissenschaftsrat würde einen umfassenderen Blick in die Zukunft wagen. Er hat aber zu wenig über sich selbst hinausgedacht. So vermissen wir die europäische und globale Dimension sowie den Aspekt der „Verwissenschaftlichung“ der Gesellschaft. Dies sind Fragen, die immer wichtiger werden. Deutschlands Beitrag zur globalen Wissenschaft würde besonders gut von der Helmholtz-Gemeinschaft geleistet werden können. Doch der Wissenschaftsrat hat die Gelegenheit nicht genutzt, Helmholtz nun eine klare Profilierung für sein Forschungsportfolio im Sinne von „Große Forschung für die großen Herausforderungen in der Welt“ und die Bereitstellung von internationalen Forschungsinfrastrukturen zu empfehlen. So bleibt es dabei, dass die Max-Planck-Gesellschaft klar auf Grundlagenforschung und die Fraunhofer-Gesellschaft klar auf wirtschaftsnahe Forschung profiliert sind. Für Helmholtz und die Leibniz-Gemeinschaft müsste hier noch nachgeschärft werden.

Welche Rolle sollte die Leibniz-Gemeinschaft einnehmen?

Die Leibniz-Gemeinschaft wäre auch wegen der regionalen Verankerung ihrer Institute ideal dafür geeignet, eine Brücke von der Wissenschaft zur Gesellschaft zu schlagen. Es wird immer wichtiger, Wissenschaft auch zu vermitteln, damit Menschen sich den Entwicklungen kritisch und partizipativ stellen können. Die Leibniz-Gemeinschaft sollte auch darin profiliert werden, im Sinne von Science Centern die Beratung von Gesellschaft und Politik zu ihrer Mission zu machen.

Zwei neue Instrumente schlägt der Wissenschaftsrat für die Hochschulen vor: Bundesweit sollen bis zu 250 „Merian-Professuren“ und 50 „Liebig-Zentren“ geschaffen werden. Was halten Sie davon?

Da ist mir einiges ziemlich schleierhaft. Wir haben bundesweit etwa 40 000 Professuren. Was will man da mit 250 Merian-Professuren erreichen? Hinzu kommt, dass die Merian-Professuren ihre Wirkung auch noch auf verschiedene Felder verteilen sollen, auf Forschung, Lehre, Transfer oder Infrastruktur. Mit den für die Merian-Professuren vorgesehenen 250 Millionen Euro könnte man viel mehr in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bewegen.

Wozu brauchen die Universitäten „Liebig-Zentren“? Handelt es sich da um kleine Elite-Unis innerhalb der Unis?

Auch hier bleibt leider unklar, was die Hochschulen und die Forschung letztlich dabei gewinnen. Darüber muss in der Wissenschaft jetzt breit diskutiert werden. Manche sagen uns, damit würde die Hochschulleitung gestärkt, andere sagen, das seien einfach auf Dauer gestellte Cluster, wieder andere sagen, die Idee sei einfach nicht ausgegoren. Jedenfalls hat die Idee eine verdächtige Nähe zum Vorschlag von Frau Schavan und Frau Wanka, Elite-Institute an Hochschulen mit Bundesmitteln dauerhaft zu fördern. Das ist uns aber als konzeptionelle Perspektive zu wenig. Uns stört auch, dass der Wissenschaftsrat dabei wohl kaum an kleine Universitäten und Fachhochschulen gedacht hat. Das sind aber gleichwertige Forschungsstätten.

Die CDU kündigt in ihrem Wahlprogramm an, sie wolle den außeruniversitären Organisationen weiterhin fünfprozentige Zuwächse zum Etat gewähren. Bundesforschungsministerin Wanka hat nun vorgeschlagen, dass der Bund diese Mittel allein trägt. Ist das eine gute Idee?

Frau Wanka führt sich auf wie ein verträumtes Sterntalermädchen, das seine Schürze öffnet und auf einen Talerregen wartet. Der Haushalt von Frau Wankas Ministerium schrumpft in den kommenden Jahren. Vor haltlosen Versprechungen sollte sich die Ministerin die mittelfristige Finanzplanung ihrer Regierung ansehen. Wenn es um die Finanzen geht, ist Frau Wanka einfach nicht satisfaktionsfähig.

Der Wissenschaftsrat schlägt vor, dass die Regierungschefs von Bund und Ländern sich nach der Bundestagswahl auf ein ganzes Paket von Maßnahmen für die Wissenschaft einigen sollen, auf einen großen „Zukunftspakt“. Halten Sie das für realistisch?

Es ist sicher ehrenwert und muss gestartet werden. Aber es ist sehr ambitioniert, das ganze Paket der Pakte gleichzeitig verhandeln zu wollen. Schließlich stehen Bund und Länder vor einer Schuldenbremse, es wird über den Solidaritätszuschlag und den Länderfinanzausgleich diskutiert. Man sollte sich also nicht blockieren, weil zu viel im Paket ist. Man muss Prioritäten setzen und die liegen für uns bei der Stärkung der Hochschulen.

Was ist der SPD im Zweifel wichtiger: ein Zusatzprogramm für mehr Studienplätze im Master oder ein großes Programm für die Inklusion in der Schule?

Die SPD vermeidet solche falschen Alternativen. Uns ist beides gleich wichtig.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

Ernst Dieter Rossmann (62) ist seit 2009 bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er sitzt seit 1998 im Bundestag.