Überregional : Erinnern und irren

Die Pädophiliedebatte wirft Fragen nach dem Umgang mit Zeitzeugen auf. Wie Historiker mit mündlichen Überlieferungen arbeiten

Sarah Schaschek

„Das sind keine Quellen, die wir nutzen können“. Mit diesem Satz begründet der Politologe Franz Walter, der gerade am Göttinger Institut für Demokratieforschung die Pädophiliedebatte Anfang der 80er Jahre bei den Grünen untersucht, warum er einen Zeitzeugen nicht kontaktiert hat. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte Walter Anfang vergangener Woche erste Zwischenergebnisse seiner Studie und erwähnte dabei in einem Nebensatz, dass der damalige FDP-Generalsekretär Günter Verheugen im Jahr 1980 „persönlich eine Revision der beiden Paragrafen 174 und 176 für möglich hielt“, die im Strafrecht sexuelle Handlungen an Kindern verbieten. Der heutige SPD-Politiker Verheugen warf Walter daraufhin „wissenschaftliche Schlamperei“ vor, weil er ihn nicht persönlich befragt hatte. Er könne ausschließen, sich jemals zum Thema Pädophilie geäußert zu haben, sagte Verheugen.

Hat Walter unseriös gearbeitet? Hätte er Verheugen als Zeitzeugen befragen sollen, bevor er seine Ergebnisse veröffentlichte? Walter begründet seine Entscheidung, dies nicht zu tun, in einem Beitrag auf „Spiegel Online“ damit, dass Historiker mit ihren Quellen kritisch umgehen müssten und Verheugens „Interpretation im Nachhinein nichts nutzen“ würde. Zeitgenössische Schwulenmagazine hätten übereinstimmend von Verheugens Äußerungen berichtet. Dass Verheugen sich nicht erinnere, sei „typisch für Zeitzeugen“. Bei der Aufarbeitung von Ereignissen, die 33 Jahre zurückliegen, müsse man mit Erinnerungen „vorsichtig umgehen“.

Der Historiker Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, versteht zwar Verheugens Standpunkt. Dennoch unterstützt er Walters Vorgehen. Ob man Zeitzeugen befragt, kommt auf die wissenschaftliche Fragestellung an, sagt er. Ein Politikwissenschaftler, der wie Walter die damalige Diskussion untersucht, bevorzugt in seinen Augen sinnvollerweise „weniger wackelige“ schriftliche Quellen. „Ein Gespräch mit Verheugen hätte Walters Bild sicherlich nicht revidiert“, sagt Sabrow. „Wie Verheugen über seine damalige Haltung heute denkt, ändert nichts an Walters sachlichen Beweisen.“ Sabrow selbst würde gleichwohl „unbedingt auch mit Verheugen reden“, weil ihn interessiert, „wie die Erinnerung an das einstige Tun sich an heutige Maßstäbe anpasst.“

Sabrow hat vergangenes Jahr ein Buch über die „Geburt des Zeitzeugen“ mitherausgegeben, das sich mit dieser für die Geschichtskultur recht jungen Figur auseinandersetzt. In den Nürnberger Prozessen spielten Zeitzeugen noch keine Rolle. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 wurden Berichte von Überlebenden wichtig. Gesellschaftlich wie wissenenschaftlich haben Zeitzeugen seitdem einen rasanten Aufstieg erlebt. Ihren Höhepunkt erreichten sie in den 1980er und 1990er Jahren, als die Alltagsgeschichte zu einem populären Forschungsfeld wurde. Die Bedeutung des Zeitzeugen erklärt Sabrow mit dem Trend zur Individualisierung in der Gesellschaft. Der Zeitzeuge wird nicht mehr als Kommunist oder Faschist eingeordnet, sondern als einzelner Mensch in seinem Leid, dem „keiner den Mund verbietet“. Dieser Respekt, sagt Sabrow, sei auch in der Pädophilie-Debatte zu erkennen, in der es um den Schutz des einzelnen Kindes gehe.

Allerdings führt die „Aura der Authentizität“, die Zeitzeugen zugeschrieben wird, leicht zu einem verzerrten Bild. Seit die Grünen vor 35 Jahren über eine Liberalisierung der Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen diskutierten, haben sich die moralischen Maßstäbe verschoben, sagt Sabrow. „Die Grünen waren zwar beschämend blind gegenüber dem Kindesmissbrauch.“ Doch ihr Anliegen, Sexualität zu enttabuisieren, war Teil des Wertewandels. Sich über die Diskussion aus heutiger Sicht nur zu empören, sei ahistorisch.

Historiker ordnen jede Quelle kritisch ein, auch Zeitschriften oder Twitternachrichten. Immer fragen sie, wer der Autor ist und mit wie viel Distanz jemand etwas erzählt. Zeitzeugen sind jedoch besondere Quellen, die sich ständig verändern. Viele Menschen erinnern sich gar nicht an das Ereignis, sondern nur daran, wie sie es das letzte Mal erzählten. Auch die Erinnerung anderer kann sich in der Erzählung ablagern, solche Gruppeninteressen sind für Forscher schwer herauszuhören. Die Mainzer Kulturanthropologin Sarah Scholl-Schneider hat bei Interviews mit Vertriebenen festgestellt, dass Menschen persönliche Erfahrungen eher „szenisch“ erzählen. Sie beschreiben Gerüche oder wiederholen Dialoge. Bei kollektiven Erinnerungen benutzen sie dagegen häufig ein distanzierteres „man“. Scholl-Schneider betont zudem, dass Erinnerungen auch von der Interviewerin abhängen. Einer jungen Frau erklären ältere Menschen Dinge anders als ihren Zeitgenossen.

Wissenschaftler bereiten sich sorgfältig auf Zeitzeugengespräche vor. Stefan Westermann, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Uni Heidelberg, hat für das Forschungsprojekt „Rot-Grün an der Macht“, das sein Doktorvater Edgar Wolfrum gerade als Buch publiziert hat, Regierungsakten und Pressestimmen studiert, bevor er Politiker wie Joschka Fischer mit konkreten Fragen konfrontierte. „Wir warten nicht ab, was uns da in die Quere kommt“, sagt Westermann. Zeitzeugen versuchten manchmal, dem Interviewer eine geschönte Version der Dinge „unterzujubeln“.

Schwierig sei es auch, wenn jemand gar nicht reden will. Hochrangige Politiker würden Zeitzeugengesprächen oft skeptisch gegenüberstehen. Wenn sie aber merkten, dass sie nicht mit Suggestivfragen konfrontiert werden, nutzen sie gern die Möglichkeit, Politik aus ihrer Sicht zu erklären.

Bei den Politikerinterviews zeigte sich für Westermann, was Historiker am Zeitzeugen besonders schätzen: den Zugang zu weiteren Quellen. „Fragen Sie noch mal den Staatssekretär“, hörte Westermann häufig. Auch wie ein Wort aufgefasst wurde, können Zeitgenossen oft besser erklären als ein Text. „Es gibt immer eine Erkenntnis beim Zeitzeugengespräch“, sagt Westermann.

So wundert ihn, dass Walter bei Verheugen nicht nachfragte, während er die FDP-Politikerin Dagmar Döring, die Ende der 70er Jahre in der „Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“ (DSAP) aktiv war, eben doch anrief. Walter sieht darin keinen Widerspruch. Verheugen habe damals als Politiker „tausende Veranstaltungen“ besucht, sagt er auf Anfrage. Die in der Bonner Beethovenhalle, in deren Kontext er Verheugen erwähnt, sei nur eine davon gewesen, die überdies ausreichend belegt sei.

Von Verheugen erwartete Walter keine neuen Quellenhinweise. Anders als von Döring. Als 19-Jährige war Döring, die inzwischen von ihrer Bundestagskandidatur zurücktrat, ab 1979 mehrere Jahre lang eine der wenigen Frauen im Vorstand der DSAP. Walter hoffte, von ihr mehr zum Vorgehen der Organisation zu erfahren. „Sie war nicht jemand, der einmal bei einer Veranstaltung dabei war“. Als Quellen sieht Walter zwischen Verheugen und Döring daher einen qualitativen Unterschied.