Überregional : Der Professor kommt nach Hause

Können Onlinekurse ganze Unis ersetzen? In den USA bedroht der digitale Wandel kleine Hochschulen

Elite für alle. An staatlichen kalifornischen Unis werden klassische Einführungsvorlesungen in Jura gestrichen und durch den Online-Kurs aus Harvard ersetzt.
Elite für alle. An staatlichen kalifornischen Unis werden klassische Einführungsvorlesungen in Jura gestrichen und durch den...Foto: mauritius image

„Weltweit stehen die Unis vor einer Revolution.“ So titelte der englische „Guardian“ kürzlich und fuhr fort: „Endlich wird Spitzenlehre allen Menschen zugänglich. Unabhängig davon, wo sie wohnen, und unabhängig davon, wie viel Geld sie haben.“ Gemeint mit der „Revolution“ waren „MOOCs“, Massive Open Online Courses. Das sind im Internet frei verfügbare Vorlesungen zumeist renommierter Hochschulen. US-Spitzenunis wie Harvard, Stanford oder Berkeley bieten inzwischen Dutzende solcher Kurse an. Zehntausende aus der ganzen Welt nehmen daran teil, an den beliebtesten Kursen manchmal sogar Hunderttausende. Die Professorin oder der Professor kommt dabei quasi zu den Studierenden nach Hause. Denn die Vorlesungen werden in oft aufwendig produzierten Filmen online übertragen und sind zu jeder Zeit abrufbar. Im Chat können sich die Studierenden über den Unterrichtsstoff austauschen, Tutoren oder Professoren befragen und Abschlussprüfungen ablegen.

Tatsächlich haben die MOOCs, die ihren Ursprung in den USA haben, einen rasanten Aufschwung genommen. Erst Anfang 2012 wurden im Umfeld der Privatuniversität Stanford die ersten Plattformen „Udacity“ und „Coursera“ für Onlinevorlesungen gestartet. Den Gründern ging es um nicht weniger als den kostenfreien, weltweiten Zugang zum Wissen der Hochschulen. Seither ist viel Risikokapital in diese Unternehmen geflossen. Die schnellen Erfolge halfen dabei, etwa die Stanford-Vorlesung des Udacity-Gründers Sebastian Thrun über Künstliche Intelligenz, für die sich 160 000 Teilnehmer eingeschrieben haben. Heute hat allein die Plattform Coursera über vier Millionen Nutzer.

Es gehört allerdings zum Wesen von Revolutionen, dass sie neben Gewinnern auch Verlierer produzieren. In den USA, wo der digitale Wandel deutlich schneller voran geht als in Deutschland, fürchten zumal kleinere Unis, die MOOCs könnten sie bald in ihrer Existenz bedrohen. Was als „aufregendes Experiment“ begann, wird zunehmend als „Lösung für die Budget- und Zugangskrise“ des Hochschulsystems präsentiert, konstatiert etwa Christopher Newfield, Englisch-Professor in Kalifornien. Tatsächlich hat Anfang des Jahres das Council on Higher Education, der Dachverband amerikanischer Universitäten, damit begonnen, erste MOOCs als Äquivalent zu Präsenzveranstaltungen anzuerkennen. Der Bundesstaat Kalifornien will den Einsatz von MOOCs an staatlichen Hochschulen künftig sogar per Gesetz verankern.

Auch in Deutschland ist das Interesse an den US-Entwicklungen im Bereich Online-Vorlesungen groß, sagt Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität Berlin: „Der Wissenschaftsrat hat eine Arbeitsgruppe für technologiebasierte Lehre ins Leben gerufen.“ Sie soll bis Ende des Jahres prüfen, welche Potenziale sich aus den neuen technischen Entwicklungen für die Hochschullandschaft ergeben. Und auch an der FU werden in nächster Zeit Empfehlungen für den Einsatz von MOOCs erarbeitet. Neu daran sind im Vergleich zu früheren Online-Vorlesungen vor allem die gestiegenen Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Teilnehmern sowie mit den Lehrenden. Außerdem sind sie meist in kleinere, didaktisch sinnvollere Abschnitte von zehn bis zwanzig Minuten gegliedert, die mit Begleitmaterial und Verständnistests flankiert werden.

Trotz der Unterschiede zwischen den USA und Deutschland zeigt der Blick auf das amerikanische Bildungssystem, welche Chancen und Risiken in der aktuellen Entwicklung liegen. Das schnelle Wachstum der Plattformen wie Coursera hat dort zu einer Grundsatzdebatte über die Hochschulbildung geführt. Kürzlich gingen die Professoren der San José State University mit einem vielbeachteten Brief an die Öffentlichkeit: „Professoren, denen öffentliche Bildung etwas bedeutet, sollten nicht Onlineveranstaltungen geben, die andernorts Lehrende ersetzen, zur Abwicklung von Instituten führen und eine abgespeckte Bildung für Studenten öffentlicher Universitäten darstellen.“ Das Schreiben war an den Harvard-Juristen Michael Sandel gerichtet, dessen MOOC mit dem Titel „Justice“ an den staatlichen kalifornischen Unis eine hauseigene Vorlesung ersetzen sollte.

Neben solchen Verträgen mit Universitäten erschließen sich die Betreiber der Onlinekurse mit zunehmendem Erfolg den Markt der Bildungszertifikate. Neben den – auf Vertrauen basierenden  – Teilnahmezertifikaten bieten die Kurs-Plattformen „verifizierte Zertifikate“ an. Coursera hat hierfür ein digitales Verfahren namens „Signature Track“ entwickelt, durch das Teilnehmer von zu Hause aus etwa mittels Webcam-Gesichtserkennung eindeutig identifiziert werden sollen. Das soll die Anrechenbarkeit in möglichst vielen amerikanischen Hochschulen ermöglichen. Zwischen 30 und 100 Dollar kosten diese Zertifikate. Gleichzeitig sammeln die MOOC-Portale mittels Analysesoftware umfangreiche Daten über das Lernverhalten ihrer Nutzer. „Quiz-Einreichungen, Forenbeiträge, wann und wo ein Student bei einem Vorlesungsvideo stoppt, zurückspult oder mit eineinhalbfachem Tempo schaut“ – jeden Mausklick zeichnet Coursera auf, wie Gründerin Daphne Koller dem Magazin „Nature“ erklärte.

Auf den MOOC-Portalen bildet sich somit für die renommierten US-Universitäten langsam ein weiteres Fernlehremodell heraus. Bereits seit mehreren Jahren bauen diese ihre Teilzeit- und Fernlehrstudiengänge als Reaktion auf die Hochschulkrise aus. „Auch in Deutschland werden wir in den nächsten Jahren Veränderungen in Richtung eines abgestuften Bildungsmodells sehen,“ vermutet Nicolas Apostolopoulos von der FU. Manche Studierende würden künftig Veranstaltungen an der Uni besuchen, andere über das Internet oder in Teilzeitstudiengängen, prognostiziert er – „schon wegen der wachsenden Bedeutung des berufsbegleitenden Studiums“. Und die kleineren Unis, die diese kostenintensive Entwicklung eventuell nicht mitmachen können? „Sie werden es auch in Deutschland nicht einfach haben“, befürchtet er. „Sie müssen ein besonderes Profil entwickeln.“

Ob und wie die neuen Möglichkeiten, die Hochschullehre über das Internet zu öffnen, hierzulande genutzt werden, ist noch weitgehend offen. Einige Universitäten arbeiten bereits an der Frage, wie Grundlagenvorlesungen, die in ähnlicher Form an den meisten Universitäten angeboten werden, über das Internet geöffnet werden können. Die FU etwa wird im Herbst zum ersten Mal eine grundständige Vorlesung per Videoaufzeichnung als überwiegend im Internet zu absolvierende Veranstaltung anbieten. Organisiert in einem „blended learning“-Format mit einigen Präsenzterminen und längeren Selbstlernphasen im Internet wird die Einführungsvorlesung des Bildungsforschers Gerhard De Haan zunächst nur universitätsintern über die E-Learning-Plattform der FU angeboten. Streng genommen ist sie daher gar kein MOOC. Hilfreiche Erfahrungen wird sie der FU sicher dennoch bringen.