Überregional : Daseinsvorsorge unter Druck

Die Ver- und Entsorgungssysteme trifft der demografische Wandel besonders hart. Von Timothy Moss

Das Jahr 2013 ist vom Bundesforschungsministerium zum Themenjahr „Die demografische Chance“ benannt worden. Die Frage, wie sich der Wandel gestalten lässt, steht dabei im Fokus. In den PNN stellen Wissenschaftler aus der Region ihre Arbeit und Erkenntnisse dazu vor.

Bei der Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung stehen die Kommunen zunehmend unter Druck: Sie kämpfen zugleich mit Unternutzung der Infrastruktur und der Pflicht der Gewährleistung von Spitzenlasten. Sie müssen also eine Infrastruktur am Laufen halten, die sowohl mit wenig Durchsatz optimal funktioniert als auch für Spitzenzeiten gewappnet ist. Zudem häufen sich Trockenperioden und Starkregen und die Investitionen aus den 1990er-Jahren müssen saniert werden. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass die etablierten Formen der Daseinsvorsorge unter Druck geraten. Das Gleiche gilt auch für Schulen, Arztpraxen, öffentlichen Nahverkehr oder die Energieerzeugung. Ein Teil der Erklärung dafür ist die demografische Entwicklung, die vor allem die Bedarfe an Wasser, Energie, Mobilität stark verändert. Es spielen aber auch andere Faktoren eine wichtige Rolle, der Klimawandel, die Finanzknappheit öffentlicher Kassen oder die Steigerung der Energiepreise. Alles zusammen stellt die Sinnhaftigkeit und Funktionsfähigkeit bisheriger Infrastrukturen infrage. Wir kommen also nicht umhin, vieles neu zu denken, um nachhaltig die Lebensqualität in Brandenburg zu sichern. Die Daseinsvorsorge muss stärker bedarfsgerecht, zukunftsfähig und räumlich angepasst werden. Diese Botschaft vertritt das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) im Nachhaltigkeitsbeirat, der kürzlich seine Empfehlungen für die Nachhaltigkeitsstrategie Brandenburgs veröffentlichte. Dafür muss man sich von einer auf Strukturen und Investitionen orientierten Politik lösen und stattdessen den Fokus auf die Grundbedürfnisse der Daseinsvorsorge heute und morgen lenken.

Dieses Paradigma bedeutet, neue Denkansätze für die Daseinsvorsorge zu entwickeln, beispielsweise dezentrale Technikoptionen, Integration von Wasser- und Energieinfrastrukturen, neue interkommunale Kooperationen und Differenzierungen im Grundangebot nach Verwendungszwecken. An einer neuen Idee arbeitet das IRS in dem vom Bundesforschungsministerium in Auftrag gegebenen Forschungsprojekt „Entwicklung eines integrierten Landmanagements durch nachhaltige Wasser- und Stoffnutzung in Nordostdeutschland (ELaN)“. In diesem Projekt wird noch bis Ende des Jahres 2015 erforscht, wie Abwasser-, Landmanagement- und Energiesysteme miteinander gekoppelt werden können – um die Effizienz zu erhöhen, Verschwendung von Wasser zu vermeiden und Landwirtschaft, Energiewirtschaft und Naturschutz zu unterstützen.

Wir sind an einem Punkt, an dem wir mit bisherigen Standards in der Daseinsvorsorge und Infrastrukturpolitik an Grenzen der Effizienz und Finanzierbarkeit stoßen. Mit kleinen Optimierungen lässt sich der Handlungsbedarf vielleicht noch um Jahre verschieben. Die demografische Entwicklung und der Klimawandel sind aber Beispiele dafür, dass die Herausforderungen noch deutlich größer werden und ohne einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel hin zu integrierter, systemischer, gleichzeitig lokaler und globaler Herangehensweisen an Daseinsvorsorge diese nicht mehr in gleichem Maße aufrecht erhalten werden kann.

Der Autor ist Leiter der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS).