Überregional : Bildung, die sie wollen

Was Migrantenfamilien von der Schule erwarten

Amory Burchard

„Ich war auf der Realschule, der einzige Migrant, es war schwer, auf das Niveau zu kommen“, sagt Hassan El Moussaoui, Sohn libanesischer Flüchtlinge. Er störte den Unterricht, flog von der Schule. Die Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt Aachens verließ er „kein Stück schlauer“. Der 29-Jährige ist Rapper – und Schüler am Abendgymnasium. El Moussaoui will Sozialarbeiter werden – und nimmt an einer Studie der Uni Düsseldorf über „Bildung, Milieu und Migration“ teil.

Die Untersuchung soll zeigen, wie sich die „verlorenen Jahre“ in den Bildungsbiografien vieler Jugendlicher mit Migrationshintergrund vermeiden lassen. Ermutigend ist da die Botschaft der neuen Pisa-Studie: Der Leistungszuwachs der deutschen Schüler lässt sich auf bessere Ergebnisse von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln und aus sozial schwachen Milieus zurückführen. Doch noch immer sind zu viele in der „Risikogruppe“ der 15-Jährigen, denen kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen.

Von der Kita an würden ihre Potenziale systematisch unterschätzt, heißt es in einer Zwischenbilanz der Studie im Auftrag der Stiftung Mercator und der Stiftung Vodafone, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Verzögerte Bildungswege lägen keineswegs nur an mangelnden Sprachkenntnissen der Kinder. Vielmehr seien die Eltern nicht über das komplizierte Bildungssystem informiert und sähen sich mit Vorurteilen von Schulen und Behörden konfrontiert. Und häufig wüssten sie auch nicht, wie sie ihre Kinder zu Hause schulisch fördern können.

Doch eines eint die Familien, die auf so unterschiedlichen Wegen, mit eigenen Bildungsbiografien und kulturellen oder religiösen Orientierungen nach Deutschland gekommen sind: „Alle haben hohe Bildungsziele für ihre Kinder“, sagt Meral Cerci, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Düsseldorf. Die jeweils typischen Bildungserfahrungen- und -erwartungen der Migrantengruppen wollen die Forscher mithilfe des vom Heidelberger Sinus-Institut entwickelten Gesellschaftsmodells der sozialen Migrantenmilieus erkunden. In der ersten Phase wurden 120 Interviews mit jungen Migranten und mit der Elterngeneration in Nordrhein-Westfalen geführt. Um sie einem Milieu zuzuordnen, schauten sich die Forscher auch die Wohnungen an, sahen nach, ob im Wohnzimmer der Fernseher oder die Bücherwand dominiert. In der zweiten Phase folgt eine repräsentative Umfrage.

Die größten Gruppen sind das traditionelle Arbeitermilieu und das adaptive bürgerliche Milieu mit jeweils 16 Prozent. Die Arbeiter, häufig Zuwanderer der ersten Generation, wünschen sich für ihre Kinder einen sicheren, körperlich nicht zu anstrengenden Beruf und sind an Elternbildungsangeboten interessiert. Die Bürgerlichen wollen vor allem, dass ihre Kinder im Bildungssystem dazugehören, sie wollen ihnen Benachteiligungen ersparen. Sie sind engagiert, helfen ihren Kindern täglich bei den Hausaufgaben oder begleiten Klassenfahrten.

Rapper Hassan El Moussaoui will das hedonistisch-subkulturelle Milieu hinter sich lassen, dem immerhin 15 Prozent der Migranten in Deutschland zugerechnet werden. Dort wünsche man sich in erster Linie „Bildung ohne Anstrengung“, der spätere Job soll Spaß machen und genug Geld bringen. Die Verantwortung für die Bildung wird bei der Schule und bei den Kindern selbst gesehen. Elternengagement – auch für die eigene Weiterbildung – gelte eher als unnötig.

Auch Familien aus dem entwurzelten Milieu (neun Prozent) mit prekären Biografien wünschen sich, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Bildung sehen sie als Sprungbrett in die ökonomische Sicherheit.

Bei den hohen Bildungsaspirationen der Eltern und ihrer verbreiteten Bereitschaft, auch selber dazuzulernen, wollen die Stiftungen nun ansetzen. Sie empfehlen Ländern und Kommunen, flächendeckende Elternbildung anzubieten, in der auch über Schulformen und Fördermöglichkeiten informiert wird. Und sie haben ein eigenes Elternportal im Internet gestartet (www.eltern-bildung.net).

Schulen und Lehrkräfte sollten zudem mit Fortbildungen für die interkulturelle Öffnung – auch der Elternvertretungen – sensibilisiert werden. Dabei ist allerdings noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Zum einen hält das religiös verwurzelte Milieu (sieben Prozent) wenig von Elternarbeit: „Man hilft sich lieber selbst“, heißt es. Zum anderen werden kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit zwar durchweg für wichtig gehalten, sehr viele aber wollten ihre eigenen Kinder am liebsten an Schulen mit einem niedrigen Migrantenanteil schicken. Amory Burchard