Überregional : Anker in der Peripherie

Städte sollen helfen, die schrumpfenden Randregionen Brandenburgs zu stabilisieren. Von Manfred Kühn

Das Jahr 2013 ist vom Bundesforschungsministerium zum Themenjahr „Die demografische Chance“ ernannt worden. Die Frage, wie sich der Wandel gestalten lässt, steht dabei im Fokus. In den PNN stellen Wissenschaftler aus der Region ihre Arbeit und Erkenntnisse dazu vor.

In demografischer Hinsicht ist Brandenburg ein gespaltenes Land, das Berliner Umland und die Randregionen driften immer stärker auseinander. In den Umlandgemeinden der Metropole wächst die Bevölkerung, Wirtschaftsunternehmen siedeln sich bevorzugt innerhalb des Berliner Autobahnringes an, Wohnraum wird – zumindest in der Landeshauptstadt Potsdam – knapp und teuer, neue Verkehrsinfrastrukturen zerschneiden die Landschaft. Die Randregionen sind durch genau gegenteilige Probleme gekennzeichnet: eine weiter schrumpfende Bevölkerung, Abwanderung insbesondere der jüngeren Bevölkerung und wirtschaftliche Strukturschwäche. Dies führt zu einem Überangebot an Wohnungen, öffentliche Infrastrukturen wie Schulen oder Kindergärten müssen in finanzschwachen Kommunen geschlossen werden. Während die Bevölkerung der Randregionen – oder des weiteren Metropolraums, wie es in Planungsdokumenten euphemistisch heißt – zwischen 1990 und 2010 bereits um 17 Prozent geschrumpft ist, werden es bis 2030 weitere 19 Prozent sein.

Kann die Politik gegen die Abstimmung mit den Füßen ansteuern? Ein wichtiger Ansatz der Landespolitik ist die Ausweisung vieler Ober- und Mittelzentren als regionale Wachstumskerne, in denen sich wirtschaftliche Innovationen sowie Infrastrukturen der Daseinsvorsorge konzentrieren. Insbesondere die Mittelzentren sollen als „Anker im Raum“ die schrumpfenden Randregionen stabilisieren. Bisher gelingt dies nur in Ansätzen: Zwar hat sich die Bevölkerungsabnahme in peripheren Zentren verlangsamt, insbesondere alte Industriestädte wie Eisenhüttenstadt oder Frankfurt (Oder) sind jedoch von einer demografischen Stabilisierung weit entfernt. Nur in der Altersgruppe der über 65-Jährigen weisen die Zentren in den Randregionen leichte Zuwächse auf. Ältere Menschen ziehen aufgrund des besseren Infrastrukturangebots, der höheren Lebensqualität und der kürzeren Wege vom Dorf in die Kleinstädte. Kleinere Städte wie Seelow, Prenzlau oder Bad Belzig entwickeln sich so möglicherweise zur „Pensionopolis“ – ein Ruf, den die Stadt Görlitz früher einmal hatte.

Die größeren Städte in den Randregionen benötigen dagegen weitere Akteursgruppen, um als „Anker im Raum“ stabilisierend zu wirken. Die Hochschulen bleiben in Städten wie Brandenburg an der Havel, Cottbus, Frankfurt (Oder) und Eberswalde weiterhin wichtige Hoffnungsträger für berufliche Qualifikationen und wirtschaftliche Innovationsschübe. Eine demografische Erneuerung durch Wanderungsgewinne bei der wichtigen Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen ist allerdings auch in den Hochschulstädten bisher noch nicht in Sicht.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf weitere Ausbreitungseffekte aus der Metropole. In den 1990er-Jahren war das Leitbild der „Dezentralen Konzentration“ gescheitert, da keine Wachstumsüberschüsse aus Berlin in die Tiefe des märkischen Raumes verteilt werden konnten. Dies ändert sich gerade. Je länger der wirtschaftliche und touristische Boom in Berlin anhält, desto stärker werden möglicherweise auch Überschwappeffekte in Brandenburg zu spüren sein. Dies betrifft nicht nur die vielen Ausflugsgäste, Aussteiger und Künstler, welche die attraktiveren Landschaften längst als Zweitwohnsitz oder ländliche Gegenwelt zur Metropole entdeckt haben.

Durch diese Gruppen werden viele märkische Dörfer neu belebt. Eine Entwicklung, die allerdings weniger die größeren Städte betrifft. Durch die entspannten Wohnungsmärkte kann man hier in den sanierten Innenstädten inzwischen attraktiv wohnen, was fehlt, ist in vielen Fällen einfach eine Jobperspektive. Sollte sich in Berlin der günstige Wohnraum weiter verknappen und sollten die Mieten weiter ansteigen, dann wird sich die Wohnungsnachfrage auch wieder auf Städte und Gemeinden im Umland Berlins, gegebenfalls sogar auf solche in den Randregionen Brandenburgs ausdehnen.

Um einer möglichen Peripherisierung der Armut durch die Verdrängung von sozial Schwachen an den Rand wirksam entgegensteuern zu können, muss die derzeit schleppende Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg wieder intensiviert werden. Soll der Begriff des weiteren Metropolenraums mit Leben erfüllt werden, muss die Perspektive einer Länderfusion politisch offen gehalten werden.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und kommissarischer Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS).