Überregional : Abstimmung über Ernst Moritz Arndt Wird die Universität Greifswald umbenannt?

Amory Burchard (mit epd)

An der Universität Greifswald sind in dieser Woche rund 12 000 Studierende zu einer Urabstimmung über die Umbenennung der Uni aufgerufen. Eine studentische Initiative hatte im Juni 2009 beantragt, die Hochschule solle den Namen des Schriftstellers und Politikers Ernst Moritz Arndt (1769-1860) ablegen, dem eine antisemitische Haltung vorgeworfen wird. Die Hochschule solle nur noch „Universität Greifswald“ heißen, zu einer entsprechenden Änderung der Grundordnung solle der Erweiterte Akademische Senat aufgefordert werden. Die Studenten hoffen, dass sich mindestens 20 Prozent der Studenten an der Urabstimmung beteiligen und sich mindestens 60 Prozent für eine Umbenennung aussprechen.

Die 1456 eröffnete Universität Greifswald wurde 1933 auf Betreiben des nationalsozialistischen „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ nach Ernst Moritz Arndt benannt, der dort 1801 Privatdozent und 1806 Professor wurde. Seit 1954 führt die Universität seinen Namen offiziell wieder. Arndt hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinen Schriften vehement gegen die Besetzung Preußens durch Napoleon gewehrt und sich auch als Lyriker der Epoche der Freiheitskriege einen Namen gemacht. Die Bedeutung seines Werkes ist in der Forschung jedoch umstritten.

Neben der Urabstimmung läuft auch eine Aufklärungsinitiative des Senats der Universität. Er hat eine Kommission eingesetzt, die einen Entscheidungsvorschlag ausarbeiten soll. Bei einer Anhörung im Dezember plädierte Jörg Echternkamp, Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, für eine Umbenennung. Zu Arndts Nationalismus gehörte auch sein Antisemitismus. „Seine Vorstellung von dem ,ursprünglichen’, ,reinen’ deutschen Volk und sein Plädoyer, diese Reinheit unter allen Umständen zu bewahren, argumentiert sprach- und kulturgeschichtlich, wo später rassentheoretische Herleitungen stehen“, sagte Echternkamp. Dies könne „im Schatten des späteren Massenmords an den europäischen Juden nicht gering veranschlagt werden“. Zudem sei Arndt ein herausragendes Beispiel für einen „Franzosenfresser“ gewesen. Die politische Fortschrittlichkeit Arndts ließe sich „nicht trennen von seiner nationalistischen, auf Exklusion und Hass angelegten Kehrseite“.

Reinhart Staats, emeritierter Kirchenhistoriker der Uni Kiel, sprach sich dagegen für die Beibehaltung des Namens „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ aus. Arndt sei „nicht doktrinär“ gewesen und könne nichts dafür, „dass seine Popularität im zwanzigsten Jahrhundert von Ideologen missbraucht wurde“, sagte Staats.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat am Montag vorgeschlagen, die Uni nach dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen zu benennen. Der Vorsitzende des DGB Nord, Peter Deutschland, sagte, der in Greifswald geborene Koeppen (1906–1996) sei „einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller nach 1945“. Amory Burchard (mit epd)