Wissenschaft : Treffen zwischen Büchern

In der Bibliothek können die Internetgeneration und ihre Vorläufer voneinander profitieren. Von Hans-Christoph Hobohm

Das Jahr 2013 ist vom Bundesforschungsministerium zum Themenjahr „Die demografische Chance“ benannt worden. Die Frage, wie sich der Wandel gestalten lässt, steht dabei im Fokus. In den PNN stellen Wissenschaftler aus der Region ihre Arbeit und Erkenntnisse dazu vor.

Die harsche Gegenüberstellung von „Digital Natives“ mit Immigranten im Internetland, die vor allem darauf abzielt, Generationen pauschal in ihren Verhaltensweisen und Fähigkeiten gegeneinander (ab) zu qualifizieren, erweist sich empirisch als nicht haltbar. Selbst der Erfinder dieser Begriffe (Marc Prensky), der als einer der ersten behauptete, dass der ständige Umgang mit den neuen Technologien die Gehirnstrukturen verändert, rückt in letzter Zeit von diesem scharfen Kontrast ab. Im Gegenteil, er spricht sogar von möglicher „Digitaler Weisheit“, die uns die Daten- und Informationsflut zusammen mit den allgegenwärtigen Computerkapazitäten bescheren kann.

Natürlich gibt es Kohortenunterschiede: je jünger, desto internetaffiner sind wir. Aber in der Entwicklung der Lebensalter erweist sich, dass das Mediennutzungsverhalten generationenspezifisch ähnlich bleibt. So ist deutlich, dass die „Jugend“ grundsätzlich medienaffiner ist und im zunehmenden Alter andere Prioritäten im Zeitbudget hinzukommen. Das eigentliche Verhalten bleibt in jeder Altersphase sehr ähnlich: Alter allein ist nicht der einzige erklärende Faktor für geringere Internetnutzung. Das Einzige, was empirische Studien sicher belegen, ist, dass die Technologie Internet die gleichen Inhalte (Nachrichten, Filme etc.) anders nutzbar macht. Zeitung wird eben nicht mehr nur auf Papier gelesen und Filme werden nicht mehr nur am Fernseher gesehen, sondern über das Netz. Die Inhalte sind in gewisser Weise unabhängig von der Medientechnologie und der Mensch verteilt seine zur Verfügung stehende Zeit eher auf Inhalte als auf Technologietypen.

In jüngeren Studien wird immer wieder belegt, dass nicht die Technologie, sondern die familiäre Sozialisation und der Lebensstil Verhaltensweisen gerade auch im Medienumgang prägen. Sind in der Familie Bücher, Zeitungen oder Internet präsent gewesen, so öffnet dies Welten und prägt ein Leben lang. In einer bundesweiten Repräsentativbefragung wurde unlängst deutlich, dass die relativ wenigen Personen, die aktuell keine Bibliothek benutzen, auch durch ihr Elternhaus nicht in eine solche mitgenommen wurden. Interessanterweise korreliert ebenfalls Ausbildungsstand und Haushaltseinkommen mit dem Grad der Bibliotheksnutzung.

So könnte man hier von einer demografischen Chance besonderer Art sprechen: Vor allem die zukünftigen Alten, die die Amerikaner die Baby Boomers nennen – also die zwischen Mitte 1940 und Mitte 1960 Geborenen–, erweisen sich auch im Alter als besonders informationshungrig, unternehmungslustig und engagiert. In einem gewissen Gegensatz zu ihrer Vorgängergeneration, die auch die „Stille Generation“ genannt wird. Und viele Bibliotheken nutzen die Potenziale dieser Generation, sei es in der ehrenamtlichen Mitarbeit oder in der Ausgestaltung spezifischer Angebote.

So etwa auch die Stadtbibliothek Delft (Niederlande), in der Multitouchscreen-Tische stehen, auf denen historische Fotos auf dem Stadtplan gemeinsam angeklickt werden können. Dies führt dazu, dass ältere und jüngere Generationen sich hier treffen zum Erzählen ihrer Geschichten. Die Bibliothek nennt sich deshalb auch „House of Stories“: Geschichtenerzählen wird mit neuer Technologie unabhängig vom Medium Buch möglich.

In Deutschland wurde aus den Erkenntnissen der Studie zur Bibliotheksnutzung unter anderem die Konsequenz gezogen, dass Lesen und Geschichten vorlesen schon sehr früh in die Wiege gelegt werden muss. Mit dem Projekt Lesestart der Stiftung Lesen und in Kooperation mit dem Deutschen Bibliotheksverband erhalten seit 2009 Eltern mit einjährigen Kindern im Rahmen der U6-Vorsorge in der Kinderarztpraxis ein erstes Set mit Vorlese-Medien. Ab November diesen Jahres können Eltern mit dreijährigen Kindern ein weiteres Lesestartset in der Stadtbibliothek abholen.

Die Bibliothek bietet als Medium selbst eine Reihe von Chancen für generationenübergreifende Aktivitäten. Gerade hier als einem Raum der Möglichkeiten können und sollten sich Internetgeneration und „elektromechanische“ Generation treffen und voneinander profitieren.

Der Autor ist Professor für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Informationswissenschaften der FH Potsdam

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