Wissenschaft : „Strittmatter wusste viel vom Vernichtungskrieg“

Die militärische Vergangenheit des DDR-Schriftstellers: Ein Gespräch mit dem Potsdamer Militärhistoriker Bernhard Kroener

Herr Professor Kroener, in der aktuellen Diskussion um die militärische Vergangenheit des Schriftstellers Erwin Strittmatter im Zweiten Weltkrieg sorgt schon allein die Zuordnung seiner Einheit für Verwirrung. Mal ist von der Ordnungspolizei, dann von einem Reserve-Ausbildungs-Bataillon, dann wieder von der Waffen-SS die Rede.

Das ist tatsächlich eine sehr komplizierte Gemengelage. Heinrich Himmler war seit 1936 Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei. So verband er die SS mit der Organisation der deutschen Polizei. Die bestand aus der Ordnungs- und der Sicherheitspolizei. Zur Ordnungspolizei gehörte der Schutzmann an der Ecke und der Gendarm auf dem Land. Zur Sicherheitspolizei zählten die Kriminal- und die Geheime Staatspolizei.

Nun war Strittmatter als Oberwachtmeister der Schutzpolizei aber weder ein Schutzmann an der Ecke noch ein Gendarm auf dem Land.

Im Sommer 1939 wurde in Deutschland der verstärkte Polizeischutz einberufen, ungefähr 100 000 Mann. Daraus wurden im selben Jahr unter anderem 21 Polizeibataillone gebildet und 1940, und da kommt Erwin Strittmatter ins Spiel, kamen noch einmal 101 Polizeibataillone hinzu, die als Reserve-Polizei-Bataillone bezeichnet wurden. In seinem Buch „Ganz normale Männer“ schreibt der US-amerikanische Historiker Christopher Browning, dass aus diesen Einheiten die Reserve-Polizei-Bataillone 251 bis 256 und 301 bis 325 für besondere Einsätze vorbehalten wurde. Erwin Strittmatter diente in dem Reserve-Ausbildungs-Bataillon 325.

Wurde man als Soldat in einer dieser, der SS unterstellten Reserve-Polizei-Bataillone auch gleichzeitig Mitglied der SS?

Nein. Die Ordnungspolizisten waren im Grunde Angehörige des öffentlichen Dienstes. Sie hatten die Verbindung zur SS nur über ihren obersten Kriegsherren, den Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler.

Warum diese Verbindung von SS und Ordnungspolizei, gegen die es ja innerhalb des NS-Regimes bis kurz vor Kriegsende ständig heftige Widerstände gab?

Himmler wollte die SS immer weiter ausbauen. Er wollte als Speerspitze des Heeres eine Elitearmee bilden. So baute er die Waffen-SS von 23 000 Mann im Jahr 1939 auf 800 000 Mann bis zum Ende des Krieges auf. Ab 1942 haben dann auch die ihm unterstellten Polizeieinheiten das Kürzel „SS“ erhalten.

Strittmatters Einheit, das Reserve-Ausbildungs-Bataillon 325, war – wie Sie Browning zitieren – für besondere Einsätze vorgesehen. Was waren das für besondere Einsätze?

Die Einheiten hatten Sicherungsaufgaben in den besetzten Gebieten wahrzunehmen. Dabei kann es sich um das Einsammeln von Waffen, das Zusammenführen von Versprengten und die Bewachung von Kriegsgefangenen gehandelt haben. Es kann sich dabei aber auch, wie Browning für die Zeit nach 1941 nachgewiesen hat, um Erschießungen gehandelt haben. Denn vor Ort unterstanden diese Einheiten dem sogenannten Höheren SS- und Polizeiführer. Und der konnte sie natürlich auch für Deportationen und sogenannte „Säuberungen“ einsetzen.

Auch im Rahmen der Judenvernichtung?

Es kann sich dabei auch um Aktionen im Zusammenhang mit dem rasseideologischen Vernichtungsprogramm des Nationalsozialismus gehandelt haben.

Der Berliner Historiker Bernd-Rainer Barth hat nachgewiesen, dass Erwin Strittmatter zwei Spezialausbildungen zur Partisanenbekämpfung durchlaufen hat. Es ist oft davon die Rede, dass diese Partisanenbekämpfung nur eine Chiffre für Übergriffe auf die Zivilbevölkerung im besetzten Gebiet war. Würden Sie dem zustimmen?

Nur zum Teil, denn es gab auch Aktionen gegen Partisanen, die den Charakter von militärischen Operationen trugen. Für uns Historiker ist das aber auch immer eine Grauzone, wo die Übergänge oft fließend sind. In der frühen Phase des Ostkrieges, nach der Besetzung Polens, waren mit dieser Partisanenbekämpfung auch rasseideologisch motivierte Übergriffe verbunden. Denn es hieß: Jeder Jude ist Bolschewist und die Bolschewisten sind die Partisanen. Also sind alle Juden Partisanen. So finden sich in Kriegstagebüchern Einträge, von drei deutschen Soldaten, die bei Partisanenübergriffen ums Leben gekommen sind und denen folgten 700 getötete Partisanen. Da wird sofort klar: Das ist kein Partisanenkampf gewesen, das war eine Vernichtungsaktion.

Strittmatters Einheit war 1941 in der slowenischen Oberkrain stationiert und soll dort in der, von Heinrich Himmler befohlenen, berüchtigten Operation „Enzian“ involviert gewesen sein.

Wir wissen, dass auch die Bekämpfung der Partisanen in Jugoslawien sehr brutale Züge angenommen und der in Weißrussland und der Ukraine in nichts nachgestanden hat. In seinem Buch „Serbien ist judenfrei“ zeigt Walter Manoschek Beispiele, wo nach Partisanenübergriffen auf die deutschen Soldaten nicht die Bevölkerung des nächsten Dorfes als unmittelbare Vergeltungsmaßnahme, sondern in einer vorher festgelegten Anzahl jüdische KZ-Insassen aus einem entfernten Lager umgebracht wurden.

Barth hat ebenfalls herausgefunden, dass sich Erwin Strittmatter Anfang 1940, im Alter von 27 Jahren, freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat, weil er, wie Barth behauptet, raus wollte aus seiner aktuellen Lebenssituation. Seine Arbeit im Chemiewerk der Thüringischen Zellwolle AG in Schwarza war gesundheitsschädigend, galt aber als kriegswichtig und er somit „unabkömmlich“. War diese Form der Freiwilligenmeldung eher ungewöhnlich?

Nein, das ist ein Paradebeispiel. So etwas findet sich in den Akten immer wieder. Die jungen Jahrgänge wurden eingezogen, die älteren für die kriegswichtige Industrie verpflichtet und „unabkömmlich“ gestellt. In der ersten Phase des Krieges gab es nur Siege, in Polen, Dänemark und Norwegen. Dadurch wuchs das Ansehen des Soldaten in der deutschen Gesellschaft. Das ging soweit, dass sich die „Deutsche Arbeitsfront“ gezwungen sah, eine groß angelegte, reichsweite Propaganda-Aktion mit dem Titel „Soldaten der Arbeit“ aufzuziehen, um die Männer in den Betrieben zu halten. Die SS besaß zweifellos eine gewisse Attraktivität, die das Regime durch gezielte Propagandamaßnahmen beförderte. So war eine Freiwilligenmeldung ein probates Mittel, der Unabkömmlichkeit zu entgehen.

Erwin Strittmatter hat behauptet, er habe, bis auf die Schießübungen während der Ausbildung, im Laufe seiner Dienstzeit keinen weiteren Schuss abgegeben, weil er gleich als Bataillonsschreiber eingesetzt wurde. Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage wird mittlerweile stark bezweifelt.

Solche Tätigkeiten waren sehr begehrt, weil mit ihnen ein gewisser Komfort verbunden war. Insofern wurden dort nur bewährte Soldaten mit einer gewissen Erfahrung auch über die Abläufe innerhalb der Einheit eingesetzt. Dass ein junger Soldat unmittelbar nach seiner Ausbildung zum Schreiber ernannt wurde, erscheint eher ungewöhnlich. Wir können es aber nicht ausschließen, denn die Kriegstagebücher, die darüber hätten Aufschluss geben können, sind zum Ende des Krieges hin vernichtet worden.

Daher erscheint es auch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob Erwin Strittmatter als Soldat nicht doch einen Schuss abgegeben haben könnte, vielleicht sogar an Strafaktionen gegen die Zivilbevölkerung teilgenommen hat. Wenn aber, wie Strittmatter behauptet, er die ganze Zeit Bataillonsschreiber war, muss er da nicht genaueste Kenntnisse über das gehabt haben, was in der Einheit passiert, welche Aktionen durchgeführt wurden?

Ja, auch wenn er nicht selbst geschossen hat, wusste er genau, was dort passiert ist. Das war ja die Aufgabe des Kriegstagebuchschreibers zu wissen, was die Einheit wo getan hat. Das dürfte unstrittig sein.

Kann man dann auch behaupten, dass er als Kriegstagebuchschreiber mehr wusste über die Vorgänge und Verstrickungen des Bataillons, einen größeren Einblick in die Verbrechen der Nationalsozialisten hatte als manch einfacher Soldat in seiner Einheit?

Möglicherweise ja. Er hat im Stab die gesamte Tätigkeit des Polizei-Bataillons vor Augen gehabt. Für die Führung des Kriegstagebuches gab es genaue Richtlinien, die festlegten, was eingetragen werden musste. Das begann beim Wetter, betraf den gesamten Operationsverlauf, den Einsatz der eigenen und den der gegnerischen Kräfte, dazu die eigenen und die Verluste des Gegners und die weiteren Maßnahmen. Ein solches Kriegstagebuch war als offizieller Rechenschaftsbericht der Einheit über die durchgeführten Kampfhandlungen angelegt worden. Ob diese Schreiber alles auch genauso eingetragen haben, ist eine andere Sache. Sie wussten aber genau Bescheid.

War Strittmatter also, wie jetzt oft behauptet wird, tief verwickelt in die Verbrechen des NS-Regimes?

Das ist natürlich ein sehr großer und schwerer Vorwurf. Aber wer in einem dieser Bataillone gewesen ist, hat sehr viel vom Vernichtungskrieg dieses Regimes mitbekommen. Davon kann er nicht ganz freigesprochen werden.

Also hat Strittmatter mehr gewusst, als er je zugegeben hat?

Jedenfalls mehr als mancher Soldat, der in vorderster Front mit seinem Panzer oder seiner Truppe gekämpft hat. Denn die Polizeibataillone waren an Brennpunkten des rasseideologischen Vernichtungskrieges eingesetzt. Und so muss Erwin Strittmatter davon eine ganze Menge mitbekommen haben.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Bernhard Kroener diskutiert heute, um 19 Uhr, im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt, zusammen mit der Autorin Irmtraud Gutschke und den Schriftstellern Werner Liersch und Joachim Walther unter dem Motto „Der Fall Strittmatter – Die Folgen einer Enthüllung. Die Debatte in Potsdam“. Der Eintritt beträgt 6, ermäßigt 4 Euro.

Bernhard Kroener ist Professor für Militärgeschichte an der Uni Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind die europäische Militärgeschichte der Frühen Neuzeit und des 20. Jahrhunderts.