Serie Ländliche Zukunft : Zuwanderung als Ressource

Abwanderungsproblem oder Zuwanderungsdefizit? Was Integrationskonzepte dem ländlichen Raum bringen. Von Manfred Kühn

Foto: Patrick Pleul/dpa-Bildfunk

Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner forschen seit mehreren Jahren zu Entwicklungen von Dörfern und Städten in ländlichen Regionen. Zugrunde liegt die Feststellung, dass viele ländliche Regionen – in Brandenburg etwa die Uckermark – von der wirtschaftlichen Entwicklung weitgehend abgekoppelt sind, dass sie mit Abwanderung, bröckelnder Infrastruktur und schwachen Finanzen zu kämpfen haben. Doch das Negativbild ist nur die halbe Wahrheit, sagen die Forscher. Ihre Forschungsergebnisse zeigen Kreativität, Innovationsfähigkeit und neue Perspektiven auch für ländliche Regionen auf. Über ihre Erkenntnisse berichten sie nun in den PNN.

Während Abwanderungen häufig als Ursache für die Schrumpfung von Städten und Regionen beschrieben wird, bleibt die andere Seite der Migration oft unterbelichtet: Periphere ländliche Räume sind nicht attraktiv genug für Zuwanderer. Die Erkenntnis, dass ländlich-periphere Räume nicht nur ein Abwanderungsproblem, sondern auch ein Zuwanderungsdefizit haben, erfordert einen Perspektivenwechsel. Die Frage lautet nicht mehr: Wie lassen sich die Bewohner in peripher-ländlichen Räumen halten? Sondern: Welche Chancen und Hemmnisse für die Zuwanderung bestehen in strukturschwachen Städten und Regionen?

Zu diesen Fragen haben Wissenschaftler am IRS in jüngerer Zeit eine Reihe von Projekten und Studien durchgeführt. Diese haben gezeigt, dass Großstädte wie Bremen oder Leipzig im „Wettbewerb um die besten Köpfe“ auf den Zuzug von Jungen und Hochqualifizierten setzen. Hochqualifizierte Akademiker werden mit speziellen Regelungen wie der Blue Card von außerhalb der EU angeworben.

Heute verstärken der demografische Wandel und Fachkräftemangel jedoch auch den Druck für Kommunen in schrumpfenden Regionen, weitere Zuwanderungsgruppen anzuziehen. Durch den Druck der Schrumpfung öffnen sich manche strukturschwachen Städte und Landkreise auch für die stärkere Zuwanderung von Flüchtlingen. Einzelne Bürgermeister von Kleinstädten werben deshalb um die Ansiedlung von Flüchtlingen, nicht zuletzt um städtebaulichen Leerstand zu beheben. Dies zeigt das Potenzial einer Zusammenführung von Stadtentwicklungs-, Arbeitsmarkt- und Integrationspolitiken zu einer Zuwanderungspolitik auf, die eine neue Aufgabe für periphere Kommunen darstellt.

In Brandenburg gibt es übrigens ein prominentes historisches Beispiel für eine solche Zuwanderungspolitik, die „Peublierung“ in Preußen, die im ausgehenden 17. Jahrhundert begann. Um die entleerten und verarmten Landstriche wieder zu bevölkern, bot der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm mit dem Edikt von Potsdam 1685 den französischen Glaubensflüchtlingen eine neue Heimat an und sichert ihnen Toleranz zu.

Die preußische Peublierungspolitik wurde später von Friedrich II fortgesetzt, der insgesamt 300 000 neue Siedler in das Land holte, unter anderem um das Oderbruch trocken zu legen und zu kultivieren. Geworben wurde um die Siedler nicht nur mit der Zusicherung der Glaubensfreiheit, sondern auch mit Selbstverwaltungsrechten der Kolonien, Steuer- und Militärdienstbefreiungen, Baumaterialien und unentgeltlichem Bauland. Damals stammte jeder fünfte Preuße aus einer Kolonistenfamilie, heute beträgt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland ebenfalls rund 20 Prozent.

Aktuell trägt die Zuwanderung aus dem Ausland maßgeblich zum Wachstum der Bevölkerung in Deutschland bei und stellt gerade für periphere ländliche Regionen eine noch weitgehend unerschlossene Ressource dar. Dabei weisen schrumpfende Klein- und Mittelstädte in peripheren ländlichen Räumen gleichzeitig Potenziale und Hemmnisse auf. Wichtige Potenziale für Zuwanderer liegen im Fachkräftebedarf von Unternehmen, der demografischen Schrumpfung und Alterung der Wohnbevölkerung sowie in günstigen Immobilienangeboten. Hemmnisse konnten wir vor allem bei den Menschen beobachten: Bei der Wohnbevölkerung in Form von Vorbehalten und Ressentiments, bei kleinen und mittleren Unternehmen in Form von Sprachbarrieren und interkulturellen Problemen und auf Seiten der Zuwanderer in einer klaren Präferenz für große Städte, weil dort oft bessere Arbeits- und Verdienstchancen locken und hier bereits Netzwerke zu anderen Migranten bestehen, deren Anteil in großen Städten deutlich höher ist als auf dem Land.

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, mit denen Kommunen, Land und Bund die Zuwanderung in schrumpfende Regionen forcieren können. Dazu zählt die Bildung von Fachkräfte-Allianzen zwischen Kommunalpolitik, Verwaltung, Job-Centern und Unternehmen wie das Talente- Netzwerk Nordwestbrandenburg. Des Weiteren sollten Kommunen und Landkreise nicht nur reaktive Integrationskonzepte, sondern aktive Zuwanderungskonzepte entwickeln. Diese umfassen zum Beispiel eine Analyse des Zuwanderungsbedarfs, ein Standortmarketing, eine gezielte Anwerbung von Fachkräften und die Herausbildung einer „Willkommenskultur“. Weitere mögliche Maßnahmen sind spezielle Förderprogramme für die Existenzgründung von Migranten in ländlichen Regionen sowie Klein- und Mittelstädten im demografischen Wandel und eine Förderung von Wohneigentumsbildung von Migranten in kleineren Städten und ländlichen Regionen.

Dr. Manfred Kühn ist Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) im brandenburgischen Erkner. Er forscht zu peripheren Städten und Regionen und tritt für einen Perspektivwechsel ein, der die Zuwanderung in strukturschwache Räume in den Fokus rückt