Sehsüchte Festival in Potsdam : Alles bleibt anders

Das 47. Studierendenfilmfestival „Sehsüchte“ der Filmuniversität Babelsberg macht sich startklar. Gezeigt werden 126 Filme aus 30 Ländern.

Teamarbeit. Vivien Lütticke und Pune Djalilehvand (v.l.) mit Kommilitonen.
Teamarbeit. Vivien Lütticke und Pune Djalilehvand (v.l.) mit Kommilitonen.Foto: Thomas

Potsdam - Eigentlich eine recht alltägliche Situation. Eine junge Frau wacht nach einem One-Night-Stand in der Wohnung eines Mannes auf. Wären da nicht die Anrufe auf ihrem Handy, offenbar die Schwester, die wissen will, wo sie steckt. Die Notlüge mit der Freundin geht ins Leere, dort hatten die Eltern am Abend schon nachgefragt. Vielleicht ist die Frau zu jung für den Mann, der unbekümmert weiterschläft? Das Handy klingelt wieder, die Frau wirkt gehetzt. Als sie mit dem Anziehen fertig ist, legt sie ihren Hidschab an. Aus einem nackten Menschen ohne Geschichte wird ein beschriebenes Blatt – und jetzt ist auch klar, warum die Situation für die Frau so problematisch ist. Sie ist Muslima.

In nur fünf Minuten bringt Özgür Anil (Österreich) in seinem Film „Morgenmensch“ (28.4., 18.30 Uhr, fx.Center) das komplexe Problem einer sich wandelnden Gesellschaft auf den Punkt. Der Kurzfilm ist einer von 126 Filmen aus 30 Ländern, die vom 25. bis 29. April zum 47. Internationalen Studierendenfilmfestivals „Sehsüchte“ an der Filmuniversität Babelsberg zu sehen sind. „Metamorphosis“ ist das Motto des diesjährigen Festivals. „Unser Anspruch ist es, mit dem Motto das Festival in einer Welt des beschleunigten Wandels zu verorten“, sagt am Mittwoch die „Sehsüchte“-Koordinatorin Vivien Lütticke vor der Presse.

Fragen an die Gesellschaft

Das Nachwuchsfestival, das als größtes seiner Art in Europa gilt, hatten in den vergangenen Monaten über 1000 Filmeinsendungen aus aller Welt erreicht. Daraus haben die Studierenden dann das fünftägige Programm zusammengestellt. Dabei habe sich gezeigt, dass es den jungen Menschen heute wichtig ist, zu hinterfragen, auf welche Weise die Gesellschaften überhaupt funktionieren, erzählt Pune Djalilehvand von der Programmgruppe. Bei vielen Filmen sei als Motivation erkennbar, die Gesellschaft zu erklären und die Frage, wie man sich als Mensch darin positioniert. Es gehe um die Regeln, die dem Handeln zugrunde liegen, oft im Rahmen von Geschichten über Familien, aber auch zu politischen Strukturen, Hierarchien, Machtverhältnissen oder Radikalisierungen, so die Filmstudentin. Nachdem in den Vorjahren das Thema Flucht und Integration bei den Nachwuchsfilmern stark vertreten war, gehe die Entwicklung nun eher zu sozialen Reflexionen.

Das Festival will das Kino als Spiegel des sich wandelnden Lebens betrachten und aktuelle Tendenzen und Perspektiven des jungen Films aufzeigen, so Festivalkoordinatorin Lütticke. „Ein Kino, das sich mit einer klaren Haltung zur Welt positioniert und sich durch besondere Erzähl- und Darstellungsmethoden auszeichnet – von erfrischend unbefangen bis brutal eindringlich.“

Über 50 Stunden Film

Ein hoher Anspruch, den man in 42 (!) Filmblöcken einlösen will. Was bei über 50 Stunden Film aber auch möglich sein sollte. Elf Preise für insgesamt 40 000 Euro werden vergeben, zwei Werkschauen mit 18 Filmen sind geplant, eine davon mit Filmen der Witwatersrand-Universität in Südafrika, die anderen zur Historie der Babelsberger Filmuni. 42 Jurymitglieder, 43 Teammitglieder, 47 Jahre Festivalgeschichte und 20 Veranstaltungen im Rahmenprogramm – „Sehsüchte“ ist wieder einmal ein kleines Festival der Superlative. Und das nicht für den Filmnachwuchs selbst, sondern auch für alle Cineasten und die Filmbranche der Region. Wie im Vorjahr erwartet man dazu wieder über 5000 Besucher in der Filmstadt.

Die Frage nach der Verortung des Einzelnen im Ganzen wird auch in dem Dokumentarfilm „Ich zweifel also bin ich“ (27.4., 18 Uhr, Kino 2/Filmuni) von Florian Karner deutlich. Ein ehemaliger Arzt aus dem Badischen erzählt von seiner Depression, dass er nun aber wieder bei sich selbst ist, Herz und Verstand zusammengekommen sind. Doch auch das muss man hinterfragen, spricht er doch immer wieder davon, wie einige Mächtige die Menschen manipulieren. Er sei kein Verschwörungstheoretiker, sagt er, spricht dann aber doch von Illuminaten, der Unterdrückung des Individuums in der Gesellschaft. Die Grenzen zwischen Sozialkritik und Selbstzweifel verschwimmen hier, letztlich sagt er von sich selbst, zwischen den Welten verloren gegangen zu sein.

Die Verwandlung zum Softeis

Die Komplexität der Welt lässt sich aber auch anders reflektieren. In ihrer betörenden wie auch verstörenden Knetfigur-Animation „Cream“ (27.4., 17.30 Uhr, fx.Center) zieht Lena Ólafsdóttir (Island/Dänemark) das Alltägliche ins Absurde – inklusive Metamorphosen. In einem Vorzimmer einer Arztpraxis sterben die Patienten am Softeisautomaten, werden Kinder auf dem Boden geboren, verwandeln sich Männer in schwebende Knetbälle. Und vor der Tür liegen tote Großmütter – das Softeis eben. Daniil Charms lässt grüßen.

Jung und mutig sollen die Filme auf dem Festival sein, sagt die Koordinatorin Vivien Lütticke. Sie sollen zeigen, welche Perspektiven es im jungen Gegenwartskino gibt, wo es weiter hingehen wird, welche neuen Formen sich entwickeln und was aktuell diskutiert wird. Und das alles vor dem Hintergrund von Wandel und Umbruch: Klimawandel, digitaler Wandel, Zeitenwandel, Lebenswandel – alles fließt, das Leben wird immer wieder anders. Für die junge Generation Anfang der 20 ist das ein prägendes Phänomen, die scheinbar immer schneller werdenden Wandlungen der Gesellschaften und Umgebung. Doch Wandel kann auch bedeuten, dass alles wiederkommt – und nichts wirklich neu ist. Schließlich schrieb Franz Kafka „Die Verwandlung“ bereits vor über 100 Jahren.

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AUS DEM PROGRAMM: Retrospektive, Future-Kids und Party

Neben den 126 Filmen werden auf dem Filmfestival vom 25. bis 29. April auch 16 Musikvideos in einem eigenen Filmblock gezeigt. Die Sektion Spotlight Produktion bietet jungen Filmproduzenten eine Plattform und präsentiert Filme, die neben einer besonderen audiovisuellen Ästhetik durch ausgezeichnete Organisation und Finanzierung herausstechen. Im Rahmen der Retrospektive wird es dieses Jahr zwei Kurzfilmprogramme geben, die verschiedene Facetten studentischen Filmschaffens aus unterschiedlichen Jahrzehntenrepräsentieren. Einer der Blöcke widmet sich beispielsweise der deutschen Wiedervereinigung.Kinder und Jugendliche sind bei „Sehsüchte“sehr willkommen. Die Blöcke Future-Kids und Future-Teens bieten ein Programm, das die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen auf „anspruchsvolle und fesselnde Art“ und Weise darstellt (Anmeldung: info@sehsuechte.de). Die Abschlussparty findet am 28. April in der Filmuniversität statt (www.sehsuechte.de). 

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