• Militärgeschichte in Potsdam: Situation im Nahen Osten erinnert an 30-jährigen Krieg

Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte : Situation im Nahen Osten erinnert an 30-jährigen Krieg

Die Frage, warum der Nahe Osten so instabil ist, hat der Historiker Tim Epkenhans nun am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften erörtert. Die politischen Zerwürfnisse im arabischen Raum sieht er als Folge der ehemaligen Kolonialordnung.

Richard Rabensaat
Der Kampf um die Vorherrschaft im Gebiet der ehemaligen Kolonialmächte ist nicht beendet.
Der Kampf um die Vorherrschaft im Gebiet der ehemaligen Kolonialmächte ist nicht beendet. Foto: Felipe Dana/ dpa

Potsdam - Seit Jahrzehnten ist der Nahe Osten ein Pulverfass. Größere Kriege und kleinere Scharmützel erschüttern die Region. Warum das so ist, untersucht der Historiker Tim Epkenhans, seine Ergebnisse stellte er jüngst im Rahmen eines Vortrags im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam vor.

30-jähriger Krieg war durch religiöse Konflikte geprägt

Häufig werde die gegenwärtige Situation im Nahen Osten mit dem 30-jährigen Krieg in Europa verglichen, stellt Epkenhans fest. In den Jahren 1618 bis 1648 hatte ein Krieg Europa verwüstet, der wesentlich durch religiöse Konflikte geprägt gewesen war. 

Manche Historiker würden hier Parallelen zu den Verwüstungen durch den sogenannten Islamischen Staat (IS), dem Bürgerkrieg in Syrien und der anhaltend instabilen Situation im Iran sehen. Die islamischen Religionszweige der Sunniten und Schiiten stünden sich im arabischen Raum feindlich gegenüber und bekämpften sich, so der Historiker. „So eine Sichtweise unterschlägt einfach mal 400 Jahre Geschichte, die sich inzwischen ereignet haben und auch den Nahen Osten geprägt haben“, so Epkenhans.

Sykes-Picot Abkommen im Jahr 1916 als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Unruheherde in der Region sei vielmehr die Neuordnung der Region durch die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich mit dem Sykes-Picot Abkommen im Jahr 1916. Mit einem nahezu geraden Linealstrich auf einer Karte der Region teilten die beiden damaligen Großmächte den Nahen Osten auf. Eine südliche Einflusssphäre, die unter britischem Einfluss stehen sollte und eine nördliche unter französischem Einfluss entstand. Arabische Interessen und bestehende Stammesstrukturen wurden nicht berücksichtigt.

Mark Sykes und Francois Georges-Picot, die das welthistorisch wichtige Geheimabkommen abschlossen, seien zwar Diplomaten, aber keineswegs Spitzendiplomaten gewesen, so Epkenhans. Problematisch sei das Abkommen schon bei seinem Abschluss gewesen. Denn es stand im Widerspruch zur gleichzeitigen Korrespondenz des britischen Hochkommissars in Ägypten, Sir Henry McMahon, mit dem Führer der arabischen Gruppierung der Hedschas, Hussein Ibn Ali, dem Sherif von Mekka. Die beiden Diplomaten ordneten die Region entsprechend der Interessen der Großmächte. Andererseits aber habe Henry McMahon gegenüber den arabischen Stämmen den Eindruck vermittelt, er setze sich für ein eigenständiges arabisch bestimmtes Gebiet ein. Denn nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und infolge der Revolte der Araber gegen die türkische Vorherrschaft werde die Region neu geordnet und dies auch im Sinne der Araber, vermutete McMahon.

Palästina stand gar nicht mehr unter britischen Einfluss

Noch komplizierter sei die Situation durch die Erklärung des damaligen britischen Außenministers Arthur James Balfour geworden, so Epkenhans. Balfour erklärte sich im Namen von Großbritannien bereit, dem jüdischen Volk in Palästina die Möglichkeit zur Konstituierung eines nationalstaatlichen Gebietes einzuräumen.

Dass Palästina zu der Zeit nicht im Einflussbereich Britanniens sondern des Osmanischen Reiches lag, störte Balfour offensichtlich nicht. Die Erklärung wurde zum Ausgangspunkt eines Konfliktes, der auch heute noch das Leben von Israelis und Palästinensern prägt.

Während das Sykes-Picot Abkommen in europäischen Ländern kaum diskutiert werde, sei die historische Vereinbarung in arabischen Ländern weithin präsenter Schulstoff, weiß Epkenhans. Auch der IS habe sich in seinen Rechtfertigungen für Gräueltaten zur Errichtung seines behaupteten Staatsgebietes auf die Gebietsordnung der damaligen Kolonialmächte um 1920 bezogen. Die so angelegten Konflikte hätten nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Rückzug der Kolonialmächte aus der Region weiter geschwelt.

Einfluss der USA

Beschleunigt worden sei die Entwicklung des Nahen Ostens durch das Ende der bipolaren Ordnung, die den Kalten Krieg geprägt habe. Danach habe der Neoliberalismus auch in der Region seinen Siegeszug angetreten. Die USA hätten sich in Saudi Arabien und in Israel Einflusssphären geschaffen, die sich gegenwärtig zwar als Konstanten erweisen würden. Diese hätten ihre Grundlage nicht zuletzt im Interesse der Weltgemeinschaft am arabischen Öl. Dennoch habe sich die Konzeption des säkular geprägten Nationalstaates in der Region nicht durchsetzen können. Politiker, die dieses Konzept vertreten hätten, wie der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser, hätten die politische Kultur der Region nicht geprägt.

Gegenwärtig kämpften noch immer verschiedene arabische Gruppierungen um die Vorherrschaft im Gebiet der ehemaligen Kolonialmächte, so Epkenhans. Auch die Großmächte Russland und USA würden ihre Interessen geltend machen.

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Ein weiteres Problem sei der Nahost-Konflikt um Israel, für den eine Lösung nicht in Sicht sei. Denn die könne laut Epkenhans eigentlich nur in einer Zwei-Staaten-Lösung bestehen. Eine solche sei aber gegenwärtig in weite Ferne gerückt. „Von außen wird niemand den Nahen Osten stabilisieren“, meint Epkenhans. Notwendig sei ein multilateraler Diskurs aller Beteiligten. „Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis der Früchte trägt“, so der Historiker.