Potsdamer Filmfest "Sehsüchte" : Hormone und Tränengas

"Transit" lautet das Thema der "Sehsüchte" in diesem Jahr. Das Potsdamer Studentenfilmfestival der HFF zeigt Ende April 92 Filme aus 21 Ländern - darunter kontroverse Geschichten vom Gezi-Protest oder von einem Jungen im Körper eines Mädchens.

Mit Weitblick. Das Sehsüchte-Team hat in diesem Jahr Filme aus 21 Ländern im Programm. Die künstlerische Leiterin Rahel Fuchs (2.v.r.) will damit über das verlängerte 1.-Mai-Wochenende möglichst viele Besucher auf den HFF-Campus in Babelsberg locken.
Mit Weitblick. Das Sehsüchte-Team hat in diesem Jahr Filme aus 21 Ländern im Programm. Die künstlerische Leiterin Rahel Fuchs...Foto: Andreas Klaer

Es gibt Roibuschtee mit Vanillearoma. „Zum Runterkommen“, sagt Hannes Wesselkämper. Vier Wochen lang hat er mit sieben weiteren Filmstudenten Filme gesehen, neun Stunden am Tag, 941 Filme insgesamt. Seine Kommilitonin Silya Schmidt hat irgendwann die Filme im Stehen angeschaut, um Rückenschmerzen zu vermeiden. Der Filmmarathon ließ sich nur mit großen Mengen an Kaffee und Mate-Limonade überstehen, erzählen die Studenten. Daher gibt es nun koffeinfreien Tee. Hannes Wesselkämper sieht ein wenig müde aus. Doch wenn man ihn nach den 92 Filmen aus 21 Ländern fragt, die er mit dem Programmteam für das Studentenfilmfestival „Sehsüchte“ der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (30. April bis 4. Mai) ausgesucht hat, ist er sofort wieder hellwach.

Viele starke Dokumentarfilme seien in diesem Jahr eingereicht worden, erzählt der Filmstudent: politisch kontroverse Geschichten und Filme, die direkt von Konfliktherden berichten, etwa von den Protesten im Istanbuler Gezi-Park im vergangenen Sommer. Bei solchen Ereignissen könnten Filmstudenten viel schneller reagieren als große Filmteams mit viel Ausrüstung, meint Wesselkämper. „Der Zuschauer sitzt praktisch direkt mit im Tränengas“, ergänzt seine Kommilitonin Silya Schmidt vom Programmteam. Ende April werden die Filme, die nun ausgewählt wurden, zu den „Sehsüchten“ auf dem HFF-Campus und im Rotor-Kino Babelsberg zu sehen sein. Das Studentenfilmfestival gilt als größtes seiner Art in Europa. Im vergangenen Jahr hatten die Veranstalter an die 7000 Besucher gezählt. Das will man auch in diesem Jahr wieder schaffen, auch wenn das Festival um einen Tag gekürzt wurde. Die „Sehsüchte“ seien etwas komprimierter, die Zahl der Filme aber im Vergleich zum Vorjahr ungefähr gleich geblieben, erklärt die künstlerische Leiterin Rahel Fuchs. Das habe den Vorteil, dass mehr Filme und Programm an jedem der fünf Festivaltage geboten werden.

Zu sehen gibt es ein weltweites Panorama des Nachwuchsfilms. Von den 92 Filmen sind 57 aus dem Ausland, mit dabei sind Filme aus Argentinien, Kuba, Indien, Chile, Israel, der Ukraine, Norwegen und Mexiko. Der Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Thema „Transit“. Es geht um Grenzen und deren Überschreitung, sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn. So zeigt beispielsweise der dänische Dokumentarfilm „Boy“ die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich in seinem weiblichen Körper nicht wohlfühlt. Ihre Hormontherapie dokumentiert sie auf YouTube, sie will die Grenze der Geschlechter überschreiten. Andere, reale Grenzen überschreiten hingegen die Schleuser in dem Film „Nacht Grenze Morgen“ (HFF München). Sie bringen Flüchtlinge heimlich über die EU-Außengrenze von der Türkei nach Griechenland.

Etwas überrascht waren die Filmstudenten darüber, dass viele Filme sich mit der älteren Generation beschäftigen. Da gibt es Geschichten über einen in die Jahre gekommenen Schnapsbrenner in Chile oder über die 85-jährige Starkomparsin Johanna Penski, die bereits in über 800 Filmen ihren Auftritt hatte und derzeit in einem Telekom-Werbespot weiter Karriere macht. Aber auch das Leben im Alter und das Thema Rente wurden erstaunlich häufig von den Nachwuchsfilmern aufgegriffen. „Vielleicht ist das für die junge Generation so interessant, weil für sie offen ist, wie ihr eigenes Leben im Alter aussehen wird“, sagt Silya Schmidt . Zum Generationenthema passt dann auch ein etwas skurriler Streifen des HFF-Enfant-Terribles Jan Soldat. „Ein Wochenende in Deutschland“ lautet der recht harmlose Titel. HFF-Student Jan Soldat ist sich seinem schon mehrfach penetrierten Thema treu geblieben: Er zeigt zwei ältere Herren um die 70, die Besuch von ihrer alten Freundin Rosi bekommen – sodann vergnügen sich die drei bei einer kleinen Bondage-Session.

Skurrile und schräge Filme sind immer wieder bei den „Sehsüchten“ zu entdecken. Empfehlen kann das Programmteam hier auch den polnischen Streifen „Killing Auntie“ , in dem ein gelangweilter Student seine Tante umbringt, weil sie ihn nervt. Das heißt, er will sie umbringen, aber macht er das wirklich? Der Film spielt mit mehreren Ebenen, die Tante taucht nach dem Mord wieder auf, die Grenzen sind fließend. „Ein sehr absurder Film“, lautet das Urteil von Hannes Wesselkämper.

Die Studenten organisieren das Festival, das seit der Wende „Sehsüchte“ heißt, in eigener Regie. Im vergangenen Jahr waren sie – nach vielen Jahren im Babelsberger Thalia-Kino – mit dem Festival an den HFF-Campus gezogen. Zwischen dem Hochschulkinos und dem Rotor-Kino im Filmpark finden die „Sehsüchte“ auch in diesem Jahr wieder statt. Die Studenten waren zufrieden mit dem neuen Standort, an dem das Festival in den 90er-Jahren schon einmal eine erste Blütezeit hatte. Ob in diesem Jahr durch das lange Mai-Wochenende mehr oder weniger Besucher kommen werden, wagt noch keiner der Organisatoren zu sagen. „Wir werden uns überraschen lassen“, sagt Rahel Fuchs von der Festivalleitung. Auf jeden Fall will man zum Festivalstart am 30. April mit den Besuchern in den Mai tanzen. Zur Eröffnungsfeier soll es auch ein frei zugängliches Screening der Eröffnungsfilme geben – und danach eine große Party für alle.

Lebendig wird es in jedem Fall, denn das Festival hat wie in jedem Jahr alle nominierten Filmemacher eingeladen. Mindestens die Hälfte von ihnen erwarten die Organisatoren, sie können auf Kosten der „Sehsüchte“ die fünf Tage auf dem Potsdamer Festival verbringen. Am letzten Festivaltag werden dann vor der Preisverleihung die „Schreibsüchte“ geboten: mit öffentlichen Präsentationen von Filmideen (Pitch) und Drehbuchlesungen. Ein Höhepunkt dabei ist sicher das Treffen mit Anna und Dietrich Brüggemann, die über die Entstehung ihres auf der Berlinale preisgekrönten Films „Kreuzweg“ berichten werden.

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