• Pflanze des Monats: Botanik und Realsozialismus in Potsdam

Pflanze des Monats : Botanik und Realsozialismus in Potsdam

Der Gründer des Botanischen Gartens an der Universität Potsdam, Wolfgang Müller-Stoll, und die Steppen-Segge.

Michael Burkart
Heimisch. Die Steppen-Segge wächst an den Ufern von Havel und Oder.
Heimisch. Die Steppen-Segge wächst an den Ufern von Havel und Oder.Foto: Michael Burkart

Im Botanischen Garten der Uni Potsdam wachsen exotische und heimische Pflanzen. In den PNN stellt Kustos Michael Burkart jeden Monat eine von ihnen vor.


Wolfgang Müller-Stoll kam 1949 nach Potsdam an die gerade gegründete Brandenburgische Landeshochschule. Voller Energie begann der just berufene Professor ein botanisches Institut mit Botanischem Garten aufzubauen. Bereits 1953 wurde er Prorektor für Forschung. Diese Stellung nutzte er, um seine auf zahlreichen Gebieten begonnenen Forschungsvorhaben voranzutreiben. Er war Experte für so verschiedene Fachrichtungen wie Holzfossilien, Ökophysiologie sowie Pflanzenvergesellschaftung und kompetent in etlichen weiteren Sparten der Botanik. Wie sich zeigte, hatte er auch besonderes Geschick für die Einbindung junger, talentierter Leute, die er oft aus seinen Studierenden rekrutierte. So konnte er die fachliche Breite seiner Forschung aufrechterhalten. Kontakte pflegte er in der damals noch regelmäßig in Berlin-Dahlem tagenden „Deutschen Botanischen Gesellschaft“ und im „Botanischen Verein der Provinz Brandenburg“.

Verbreitungsbilder heimischer Pflanzen erfassen

Eine Idee von Botanikern vor dem Krieg wurde wieder aufgegriffen, nämlich Typen von Verbreitungsbildern der heimischen Pflanzen zu erfassen und zu verstehen. Zusammen mit einem Mitarbeiter und unter Einbindung von rund 100 Botanikern der Region begann Müller-Stoll mit der Kartierung von Pflanzen, die besonders markante Verbreitungsschwerpunkte besitzen. Die Ergebnisse wurden in vier Fachartikeln veröffentlicht.

Die Verbreitungskarte der Steppen-Segge (Carex supina) erschien im dritten dieser Artikel 1960. Das kleine Gras kommt an den Oderhängen, auf den Höhen entlang der Havel von Berlin bis Havelberg und an der mittleren Elbe und unteren Saale vor, meist in Trockenrasen vor. Weiter südwestlich in Deutschland gibt es noch einzelne Vorkommen, während nach Osten das Areal bis weit nach Zentralasien reicht. Die unscheinbare Pflanze ist an ihrem dreikantigen Stängel als Sauergras zu erkennen und am rasigen, nicht horstigen Wuchs sowie dem rötlich gefärbten Stängelgrund von anderen, ähnlichen Arten zu unterscheiden.

Politisch unerwünscht

Gegen den Bau der Berliner Mauer im August 1961 protestierte Müller-Stoll öffentlich, weil er den größten Teil seines wissenschaftlichen Netzwerks zerschnitt. In der Konsequenz wurde er aus der Hochschule entfernt. Als 1962 der vierte Fachartikel zur Pflanzenverbreitung erschien, fand er sich bereits in einem Forschungsinstitut ohne Kontakt zu Studierenden wieder. Dort blieb er bis zu seinem Ruhestand 1970. Wolfgang Müller-Stoll starb am 16. April 1994 in Potsdam, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag. 1991 hatte ihn die inzwischen zur Universität Potsdam gewandelte Hochschule in einem Ehrenkolloquium rehabilitiert. Die brandenburgische Landesregierung bestätigte die Rehabilitation 1996.

Freilandanlagen aber bis auf Weiteres geöffnet

Im Botanischen Garten finden derzeit aus den bekannten Gründen keine Veranstaltungen statt. Die Gewächshäuser sind für Besucher geschlossen, die Freilandanlagen aber bis auf Weiteres geöffnet. An der Böschung der Maulbeerallee blüht jetzt die Steppen-Segge, die hier wild vorkommt. Sie ist in diesem April zugleich „Pflanze des Monats“ des Naturschutzfonds Brandenburg. An dessen von der EU gefördertem Projekt „Life Trockenrasen“ ist der Botanische Garten beteiligt. 

Die für 1. April 2020 geplante Festveranstaltung „70 Jahre Botanischer Garten – 111 Jahre Wolfgang Müller-Stoll“ wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte nachgeholt. 

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