Opfer der Berliner Mauer : Tragische Umstände

Von 136 Opfern der Berliner Mauer kamen nach Recherchen von Historikern 46 Menschen am Außenring der Mauer zu Tode.

Die Mauergedenkstätte in Groß Glienicke.Alle Bilder anzeigen
Foto: Manfred Thomas
06.08.2013 21:20Die Mauergedenkstätte in Groß Glienicke.

Seine Leidenschaft galt dem Motorradsport. Doch dem konnte Rainer Liebeke in der DDR nicht wie gewünscht nachgehen. Als er nach einer Spritztour im BMW der Westverwandtschaft von der Stasi verhört wurde, wollte er nur noch weg. Am 3. September 1986 versuchte der damals 34-Jährige mit einem Freund durch den Sacrower See nach Westberlin zu schwimmen. Der Freund schaffte es, Rainer Liebeke blieb aufgrund einer Schlüsselbeinverletzung zurück. Zwei Schüler entdeckten eine Woche später seine Leiche in dem See.

Rainer Liebeke ist einer von 46 Menschen, die zwischen dem Tag des Mauerbaus am 13. August 1961 und dem Mauerfall am 9. November 1989 an den Sperranlagen und Todesstreifen zwischen Berlin und dem heutigen Brandenburg ums Leben kam. Zusammen mit den Todesopfern an den innerstädtischen Berliner Grenzanlagen kommt das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) auf mindestens 136 Opfer des Mauerregimes der DDR. Im Vorfeld des 52. Jahrestages des Mauerbaus hat nun Hans-Hermann Hertle vom ZZF zusammen mit Maria Nooke von der Stiftung Berliner Mauer mit Unterstützung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung einen Sammelband mit den Kurzbiografien und Todesumständen der 46 Menschen herausgegeben, die an den knapp 113 Kilometern Grenzanlagen des Außenrings ihr Leben lassen mussten.

Darunter finden sich nicht nur Flüchtlinge, die an den Grenzanlagen erschossen wurden oder ertranken (35 Opfer), sondern auch sieben Menschen aus Ost und West, die ohne Fluchtabsicht zu Tode kamen, und vier DDR-Grenzsoldaten, die während ihres Dienstes an der Mauer getötet wurden. Die Menschen, die aus Erschöpfung oder anderen Gründen während der Grenzkontrollen starben, sind in den Zahlen nicht enthalten.

Immer wieder kamen an den Grenzanlagen Menschen aus Unachtsamkeit oder durch Missverständnisse zu Tode, die gar nicht im Sinn hatten, zu flüchten. So etwa der damals 23-jährige Herbert Mende, der 1962 unweit der Glienicker Brücke von Grenzposten angeschossen und sechs Jahre später an den qualvollen Folgen seiner Verletzungen starb. Herbert Mende war an einem Samstag im Juli 1962 zum Tanz im Jugendhaus „John Scheer“ unweit des Todesstreifens und der streng bewachten Glienicker Brücke gewesen. Kurz nach Mitternacht brach er auf, um den letzten Bus nach Hause zu erreichen. Als ihn eine Streife der Volkspolizei kontrollierte und zum Revier bringen lassen wollte, realisierte der junge Mann offenbar nicht, dass dies einer vorläufigen Festnahme gleichkam. Als der von ihm erwartete Bus eintraf, fragte er den Volkspolizisten, ob der noch etwas von ihm wolle. Er erhielt keine Antwort und lief los, um den Bus zu erreichen. Nach einem Warnschuss gab einer der Grenzposten aus nur 30 Metern Entfernung gezielte Schüsse auf den jungen Mann ab und verletzte ihn schwer.

Viele der akribisch recherchierten Fälle ereigneten sich bereits in den 1960er-Jahren, in den Jahren direkt nach dem Mauerbau. Offenbar war der Druck zur Flucht damals sehr groß, so ertranken in den ersten Jahren einige Flüchtlinge bei dem Versuch, im Winter durch das eiskalte Wasser zwischen dem Umland und Westberlin zu schwimmen. Und offensichtlich unterschätzten viele die Gefahr, die von den über 156 Kilometern Grenzanlagen in und um Berlin ausging. So etwa auch Lothar Hennig, der am 4. November 1975 spätabends mit dem Bus aus der Potsdamer Innenstadt nach Sacrow kam. Wie gewohnt legte er die 400 Meter zum Elternhaus im Dauerlauf zurück. Doch in dem Grenzgebiet war „Flüchtlingsalarm“. Der späte Heimkehrer erschien einem der Grenzposten verdächtig. Der Posten forderte den 21-Jährigen zum Anhalten auf und gab einen Warnschuss ab. Doch Lothar Hennig lief weiter – bis der Grenzposten ihn in den Rücken schoss.

Oft erfuhren die Familien die Todesumstände ihrer Angehörigen erst nach Öffnung der DDR-Archive in den 1990er-Jahren. Die SED-Führung nahm das Töten an der Grenze zwar billigend in Kauf, wie die Autoren schreiben. Doch in der internationalen Öffentlichkeit musste die DDR – vor allem in Zeiten der Entspannungspolitik – um ihren Ruf fürchten: „Deshalb versuchte sie gemeinsam mit Grenztruppen und Staatssicherheit, Todesfälle wann immer möglich zu verheimlichen und zu verschleiern.“ Dafür ließ die Stasi sogar Leichname spurlos verschwinden.

Der Einfluss der Staatssicherheit auf das Grenzregime war offenbar erheblich. Ihr reichte es nicht, dass die Grenztruppen im Grenzgebiet Kollaborateure anwarben. Ende der 1980er-Jahre gab es rund 800 von diesen „freiwilligen Helfern“, die Fluchtvorhaben schon im Planungsstadium erkennen und vereiteln sollten. Darauf und auf ihre inoffiziellen Mitarbeiter in der Bevölkerung allein mochte die Stasi nicht vertrauen. Sie schleuste auch hauptamtliche Mitarbeiter in die Grenztruppen ein und gewann dort IMs, um Fahnenfluchten zu verhindern.

Gerade unter den Grenzsoldaten, die täglich direkt an der Demarkationslinie im Einsatz waren und die Gepflogenheiten an den Anlagen kannten, war die Versuchung zur Flucht groß. So versuchte etwa der 19-jährige Lothar Lehmann, der seinen Wehrdienst bei der Bereitschaftspolizei in Groß Glienicke ableistete, am 26. November 1961 durch den Sacrower See zu schwimmen. Das Wasser war jedoch so kalt, dass er einen Kälteschock erlitt und auf dem Weg ins Bezirkskrankenhaus Potsdam starb.

Auch für Westberliner war die Grenzanlage nicht ungefährlich. Am 15. Juni 1965 unternahm der 43-jährige Westberliner Geschäftsmann Hermann Döbler zusammen mit der 21-jährigen Elke Märtens einen Bootsausflug zwischen Wannsee und Griebnitzsee. Auf dem Teltowkanal gerieten sie unwissentlich auf Territorium der DDR. Ein Grenzposten gab gezielt Schüsse auf das Boot und seine Insassen ab. Hermann Döbler wurde viermal getroffen, er war sofort tot. Seine Begleiterin überlebte mit bleibenden gesundheitlichen Schäden

Viele der hier beschrieben Maueropfer kamen letztlich durch tragische Umstände ums Leben. So auch der gerade erst 15 Monate alte Holger H. Seine Eltern flüchteten mit ihm am 22. Januar 1973 in einem Lastwagen versteckt über den Kontrollpunkt Dreilinden. Als der kleine Junge bei der Kontrolle am Grenzübergang zu weinen begann, hielt die Mutter ihm den Mund zu. Sie wusste nicht, dass er wegen einer verstopfte Nase nicht atmen konnte. Die Flucht war erfolgreich, doch der kleine Junge überlebte sie nicht.

Die Autoren wollen mit den Biografien nicht nur einen Anstoß zur bewussten Erkundung des ehemaligen Todesstreifens und seiner Zusammenhänge ermöglichen. Sie wollen auch Erinnerungszeichen setzen, die zugleich mit einer Würdigung der Opfer verbunden sind. Das sei nicht zuletzt für die Angehörigen von großer Bedeutung, so die Autoren. Das Land Brandenburg hatte dazu zum 50. Jahrestag des Mauerbaus am heutigen Mauerweg Erinnerungsstelen für die 46 Opfer am Außenring der Berliner Maurer errichten lassen. Finanziert wurden sie mit Fördermitteln aus dem ehemaligen SED-Vermögen. In Berlin wurden erst neun Stelen errichtet, die Historiker warten noch darauf, dass auch hier für alle Opfer Erinnerungspunkte entstehen. Zur Zeit wird nach Auskunft der Senats-Kulturverwaltung von den insgesamt 90 Berliner Maueropfern auf neun Stelen sowie drei Gedenktafeln und zwei Gedenksteinen an 36 der Opfer gedacht. Für weitere Stelen gebe es derzeit kein Geld. Senatssprecher Günter Kolodziej verwies aber darauf, dass im Rahmen der Gedenkstätte Berliner Mauer ein umfassendes und tägliches Gedenken an die Toten stattfindet.

Ein vielleicht letztes Opfer forderte die Mauer, nachdem sie bereits Geschichte war. Am 31. August 1990 versuchte der 14 Jahre alte Christoph-Manuel Bramböck mit einem Freund an der Mauer in Berlin-Lichtenrade zur Erinnerung Teile aus dem Bollwerk zu klopfen. Dabei löste sich eine der übereinandergesetzten Betonplatten, aus denen die Mauer am Außenring bestand. Der Junge wurde davon erschlagen.