Wissenschaft : Nichts geht verloren

FH-Psychologin Jutta Bott über Solschenizyns Roman „Krebsstation“, der zurzeit am Theater zu sehen ist

Anna Grieben
Schrecken und Angst. „Krebsstation“ wird als Theaterstück aufgeführt.
Schrecken und Angst. „Krebsstation“ wird als Theaterstück aufgeführt.Foto: HOT

Die Frage sei, wie wir leben wollen und was wirklich wichtig ist. Diese existenziellen Fragen, die den Roman „Krebsstation“ von Alexander Solschenizyn bestimmen, nahm Psychologie-Professorin Jutta M. Bott von der FH Potsdam für die Veranstaltung in der Reihe „Nachtboulevard“ am Hans Otto Theater (HOT) auf. In sechs Kapiteln ging sie dem Sinn des Romans nach und beleuchtete diesen aus psychologischer Perspektive. Gekonnt wechselte sie zwischen ihrer Interpretation und einzelnen Textpassagen aus dem Roman. Dabei machte sie deutlich, dass es in dem Stück nicht nur um die Frage nach dem Lebenssinn geht, sondern auch um die Auseinandersetzung mit der individuellen Verantwortung über das eigene Handeln, um die Fähigkeit, eigene Fehler zu akzeptieren, Schuld zu artikulieren.

Wegen Kritik an Stalin schuldig gesprochen und ins Straflager versetzt, erkrankte der russische Schriftsteller Solschenizyn nach seiner Entlassung aus achtjähriger Haft selbst an Krebs. Die Erfahrungen, die er auf der Onkologie in einer usbekischen Klinik bei Taschkent zwischen 1953 und 1955 machte, verarbeitete er in „Krebsstation“. Darin erzählt er nicht nur vom Schrecken und der Angst, die die Krankheit bei den Betroffenen angesichts des möglichen Todes hervorruft. Indem er die unterschiedlichen Charaktere in ein klinisches Milieu des Gleichen steckt, verfasste er zugleich eine Sozialstudie, die Aufschluss über die Persönlichkeitsstruktur der russischen Gesellschaft der fünfziger Jahre gibt. Am deutlichsten werden die ideologischen und sozialen Differenzen zwischen dem selbstgerechten Denunzianten und Parteifunktionär Pawel Nikolajewitsch Rusanow und dem lebensfrohen Denunzierten Oleg Kostoglotow, die im Roman als Antipoden funktionieren. Kostoglotow gilt als literarisches Alter Ego Solschenizyns.

Die Verweigerung zum Schuldbewusstsein des ideologisch verklärten Rusanow verglich die Psychologin Bott mit der Unfähigkeit zum Schuldeingeständnis der Tätergeneration der NS-Zeit. Dabei kam sie zu einem psychoanalytischen Urteil, das für solche Charaktere gleichermaßen gefällt werden könne: „Die Abwehr und Verdrängung bleibt intakt“, so Bott. So wie sie an der Figur Rusanow die Fragen des Mangels an Selbstbezug offensichtlich werden ließ, so diskutierte sie mithilfe der Figur des Kostoglotow den Willen nach Selbstbestimmung und individueller Authentizität. Anders als Rusanow scheine Kostoglotov nach dem Motto zu leben: „Nicht der Grad des Wohlstandes bestimmt das Glück der Menschen, sondern die Beziehungen untereinander“, sagte Bott.

Wie in Peter Bieris Roman „Nachtzug nach Lissabon“ gehe es auch in „Krebsstation“ um das Verhältnis des Ichs zum Selbst. In ihrem anderthalbstündigen Vortrag machte die Professorin deutlich, dass es in Solschenizyns Roman letztlich um die Sachen geht, die wir oft als die wirklich wichtigen Dinge im Leben bezeichnen. Auch wenn wir immer wieder vergessen würden, welche das genau sind. Ist es Reichtum, ist es Unabhängigkeit, ist es Liebe? Vor allem sei es die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen, schlussfolgerte Bott und schloß ihre Ausführungen mit dem Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann: „Nichts ist gleichgültig, nichts geht verloren (...) keine Flucht kann auf Dauer gelingen. Es kommt alles noch einmal zur Sprache.“ Ein wahrlich gelungener und anregender Vortrag. Anna Grieben

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