Wissenschaft : Nicht mit allen Winden segeln

Verabschiedung der Professorin für Frauenforschung Irene Dölling von der Uni Potsdam

Marie Preißler

Emeritierung, das sei der Wechsel von Müssen zu Können, sagte eine Mitarbeiterin von Prof. Irene Dölling. Die Kolleginnen der Professorin für Frauenforschung haben sich zu deren Verabschiedung in Schale geworfen: sieben Frauen standen in rosa T-Shirts mit der Aufschrift „Geschlechter Wissen Mehr“ im Hörsaal vor der scheidenden Professorin. Frauenforschung, das hat Irene Dölling schon immer interessiert: zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt der Alltag von Frauen in der DDR.

Zu DDR-Zeiten gab es einen Geschlechtervertrag, der darauf gründete, dass 90 Prozent aller Frauen eine Vollzeitarbeit hatten. Die Kinderbetreuung war zudem staatlich geregelt. Irene Dölling inspirierten die in den 70er Jahren veröffentlichten Frauenprotokolle in Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“, in denen Frauen über ihre geheimen Wünsche sprachen und von ihren Freuden und Problemen im Alltag berichteten. Irene Dölling ließ Frauen über Jahre hinweg Tagebuch schreiben und kam, wie Maxi Wander in ihrem Buch, zu dem Schluss, dass es einen Unterschied gab zwischen Privatheit und Öffentlichkeit in der DDR: Die Frauen waren zwar fast vollständig ins Arbeitsleben eingegliedert, dennoch machten viele allein den Haushalt und lebten so mit einer Doppelbelastung.

1989 stellte einen Umbruch dar, den vor allem die Ostdeutschen bewältigen mussten. Mitte der 90er Jahre waren die meisten DDR-Institutionen an das neue System angepasst. Die Menschen aber, so Forschungen von Irene Dölling, brauchten länger, um sich an das neue System zu gewöhnen. Für sie bedeutete die Wende eine Umstellung der eigenen Mentalitäten und Lebensgewohnheiten: In der BRD nach 1989 arbeiteten nur 60 Prozent der Frauen Vollzeit, damit bedeutete die deutsche Vereinigung für viele ostdeutsche Frauen Arbeitslosigkeit. Obwohl sie in der DDR über die Doppelbelastung Arbeit und Haushalt geklagt hatten, sahen viele Arbeitslosigkeit und Halbzeitarbeit als die schlechteste Alternative an, so die Studien der Professorin.

Eine These der Frauenforscherin ist, dass sich mit der Wende die soziale Diskriminierung der Frauen verschärfte und diese zunehmend schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten als Männer. Heute habe sich diese Zahl wieder stärker angepasst, bei Frauen herrsche ein hohes Bildlungsniveau vor, Männer wiederum sind nicht mehr alleinige Familienernährer. Es gebe heute aber eine gesteigerte Leistungsanforderung an Männer wie auch Frauen. Und auch die soziale Ungleichheit kenne keine Geschlechtergrenzen mehr.

Zur Verabschiedung von Prof. Irene Dölling waren etwa 80 Gäste gekommen, darunter die Familie von Dölling, die Präsidentin der Uni, aber keiner der drei Dekane, wie eine Mitarbeiterin von Dölling laut zur Kenntnis nahm. Dölling ist die einzige Professorin am Institut für Frauenforschung in Brandenburg. Seit 1995 war sie Professorin an der Uni Potsdam und hat hier 2005 das Zusatzzertifikat „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“ für Studierende ins Leben gerufen. Die Professur, die zwölf Jahre lang Dölling inne hatte, wird nun neu besetzt, versprach die Präsidentin Sabine Kunst.

Irene Dölling ist eine Wissenschaftlerin mit kreativem Eigensinn, lobte Prof. Dr. Regina Becker-Schmidt von der Leibniz Universität Hannover ihre langjährige Kollegin. „Mit intellektueller Neugierde lässt sie sich für Umentscheidungen leiten“, heißt es da, und dass Dölling eigenwillig ist und nicht mit allen Winden segelt.

Die Potsdamer Professorin hat mit ihrem Ruhestand den Anspruch erworben, zu tun, was sie will. Sie kann Doktoranden betreuen und forschen, muss es aber nicht. Sie wird beides weiterhin tun, versichert Irene Dölling, aber mit weniger Zeitaufwand. Mal sehen, wo sie hinsegelt. Marie Preißler

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