Wissenschaft : Nachwuchswissenschaftler: Zustände untragbar

„Intelligenzija Potsdam“ gibt auf und gründet weltweite Bildungsbewegung

Maren Herbst
Bildungsprotest. Bessere Bezahlung von Lehrkräften wird gefordert.
Bildungsprotest. Bessere Bezahlung von Lehrkräften wird gefordert.Foto: Thilo Rückeis

Mit der finanziellen Situation von Nachwuchswissenschaftlern an deutschen Universitäten haben sich die beiden Doktoranden Sabine Volk und Michael Bahn in den vergangenen Jahren intensiv auseinandergesetzt. Als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam erfuhren sie am eigenen Leib, was niedrig entlohnte und befristete Lehraufträge bedeuten. Die beiden Doktoranden wollten sich damit nicht abfinden und gründeten 2009 die „Intelligenzija Potsdam“, eine Initiative zur Verbesserung der Situation von Lehrenden und Studierenden an der Universität Potsdam.

Nach zwei Jahren engagierter Lobbyarbeit hat die „Intelligenzija Potsdam“ ihre Aktivitäten zum Jahresende 2011 eingestellt. An ihre Stelle wird ab 1. April 2012 eine weltweit agierende Nachfolgeorganisation mit dem Namen „Intelligenzija Worldwide“ treten. „Die Idee dazu kam uns durch das positive Echo aus aller Welt“, erzählt Volk. Die neue internationale Bewegung richte sich an „alle Menschen, die sich für eine bessere Situation in der Bildung, einen achtsameren Umgang miteinander und eine menschlichere Gesellschaft engagieren möchten“. Ihr Ziel: Dafür zu sorgen, dass langfristig alle prekären Beschäftigungsverhältnisse in feste Stellen übergehen und adäquat bezahlt werden. Die Lehre insgesamt soll aufgewertet und der Forschung gleichberechtigt zur Seite gestellt werden. „Hierzu bedarf es struktureller Veränderungen sowie finanzieller Unterstützung von Seiten der Verantwortlichen in Politik und Universität“, betont Volk.

„Das Ende der ,Intelligenzija Potsdam’ verstehen wir als endgültige Absage an die Verantwortlichen im Präsidium der Universität Potsdam und die für die Brandenburgische Bildungsmisere mitverantwortlichen Politiker. Sie haben uns keineswegs geholfen, die fortschreitende Ausbeutung des akademischen Prekariats an Brandenburgs Universitäten zu stoppen“, so Volk. „Die Zustände an der Universität Potsdam sind weiterhin untragbar. Hartz IV bringt mehr Geld als ein Lehrauftrag“, sagt die 32-jährige Politik- und Literaturwissenschaftlerin, die im Februar 2011 aus Protest gegen die Unterbezahlung ihren Lehrauftrag für das folgende Sommersemester zurückgab. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Dissertation, um sich eine neue berufliche Perspektive zu schaffen, die ihr die Universität Potsdam nicht bieten könne. Volk bedauert das, denn „konkrete berufliche Perspektiven setzen eine unglaubliche Motivation frei“.

Die Initiative zählte zuletzt zehn aktive Mitglieder und rund 200 Unterstützer, darunter Studierende, Lehrbeauftragte, Privatdozenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren. „Auf Facebook haben sich bis Ende Dezember rund 870 Freunde eingetragen“, so Volk. 1200 Unterstützer unterschrieben im Winter 2011 eine Petition der „Intelligenzija“ ans Wissenschaftsministerium in Potsdam. In der Petition hatte die Initiative unter anderem die Erhöhung der Entlohnung von Lehraufträgen sowie die Anerkennung der Lehrbeauftragten als Mitglieder der Universität gefordert – jedoch ohne Erfolg.

Zu ihren Erfolgen zählen Volk und Bahn die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die prekären Arbeitsverhältnisse von Akademikern: „Niemand in der Universität und in der Landesregierung kann behaupten, das Thema nicht zu kennen.“ Auch der Zusammenschluss der Betroffenen sei ein Erfolg, denn viele hätten Angst, sich zu ihrer schwierigen Situation zu bekennen. Niederschmetternd fanden sie die Gespräche mit dem Uni-Präsidium: „Man hat uns nicht ernst genommen. Jeglicher Vorschlag der Zusammenarbeit wurde abgelehnt.“ Birgit Mangelsdorf, Sprecherin der Universität Potsdam, sieht das anders: „Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Verweigerungshaltung.“ Die „Intelligenzija“ habe das Thema Nachwuchswissenschaftler sehr gut vorangebracht. „Die Doktoranden-Ausbildung hat an Qualität gewonnen. Im vergangenen Jahr hat die Universität Potsdam trotz der Sparzwänge die Mittel für Stipendien für eingeschriebene Doktoranden um 500 000 Euro erhöht“, so Mangelsdorf.

Die Ursache für die unterschiedliche Wahrnehmung der Situation von Lehrbeauftragten sieht sie in der irrigen Annahme, Lehraufträge seien akademische Sprungbretter: „Lehraufträge sind als fachliche Ergänzung zum Lehrangebot gedacht. Sie werden oft an Berufspraktiker vergeben und können nicht als Grundlage für den Lebensunterhalt dienen.“ Für den wissenschaftlichen Nachwuchs seien sie gleichwohl eine praktische Erfahrung, die für eine spätere Lehrtätigkeit sehr nützlich sein könne. „Die grundständige Lehre an der Universität Potsdam wird nicht über Lehraufträge abgesichert“, versichert Mangelsdorf. Das Verhältnis von Lehraufträgen zum Gesamtlehrangebot betrage an deutschen Universitäten im Schnitt zwischen zehn und zwanzig Prozent, an künstlerischen Hochschulen und Fachhochschulen sogar bis zu 50 Prozent. Die Universität Potsdam liege mit zehn Prozent noch im unteren Bereich.

Die Gruppe im Internet:

www.intelligenzija-worldwide.com