Wissenschaft : Mit gezinktem Würfel

Wetterextreme wie Starkregen und Hitze sind Folge des Klimawandels – für Sturm ist das noch nicht klar

Überflutet. Guben während des Neiße- Hochwassers im August 2010.
Überflutet. Guben während des Neiße- Hochwassers im August 2010.Foto: dapd

Extremer Regen, ungewöhnliche Hitzewellen, Wirbelstürme – die Wetterextreme haben sich in den vergangenen Jahren weltweit gehäuft. Und das ist nicht einfach nur Zufall, wie die Wissenschaftler des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Climate Change argumentieren. Zumindest bei Rekord-Regenfällen und Hitze ist demnach der Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel deutlich. Bei den Stürmen sei der Zusammenhang dagegen noch nicht klar.

„Im Einzelfall lässt sich die Erderwärmung als Ursache meist nicht dingfest machen“, sagt PIK-Forscher Dim Coumou, der Hauptautor des Artikels: „In der Summe aber wird der Zusammenhang mit dem Klimawandel deutlich.“ Dies habe seine Untersuchung von Daten und Studien ergeben.

„Das Ganze ist keine Frage von Ja oder Nein, sondern eine Frage von Wahrscheinlichkeiten“, erklärt Coumou. Die Häufung von Wetterrekorden sei nicht mehr normal. „Es ist wie ein Spiel mit gezinkten Würfeln“, sagt der Klimaforscher: „Eine Sechs kann es auch so ab und zu mal geben, und man weiß nie, wann das passiert. Aber jetzt gibt es viel öfter die Sechs. Weil wir den Würfel verändert haben.“

Der Blick auf den März 2012 illustriert dies: In Nordamerika wurden allein zwischen dem 13. und 19. März an mehr als eintausend Orten historische Wärmerekorde übertroffen, so die PIK-Forscher. Es ist eine Tendenz, die die Wissenschaftler seit zehn Jahren beobachten: 2011 habe es allein in den USA 14 Wetterextreme gegeben, von denen jedes Kosten in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar verursachte – in mehreren Bundesstaaten waren die Monate Januar bis Oktober die nassesten, die dort jemals gemessen wurden. Aber auch in Japan gab es Rekord-Regenfälle, und im Becken des chinesischen Jangtse-Flusses Rekord-Trockenheit. 2010 erlebte Westrussland den heißesten Sommer seit Jahrhunderten, und Pakistan und Australien Spitzenwerte bei den Niederschlägen. 2003 war in Europa der heißeste Sommer seit mindestens einem halben Jahrtausend. 2002 gab es die Jahrhundertflut der Elbe.

In ihrer Untersuchung stützten sich die Klimaforscher unter anderem auf grundlegende physikalische Prinzipien: Demnach müsste die Erwärmung der Atmosphäre zu mehr Extremen führen, weil warme Luft mehr Feuchtigkeit halten kann, bis diese dann plötzlich abregnet. Auch beim Blick auf die Statistik fanden die Forscher Trends in den Temperatur- und Niederschlagsdaten. Zudem bestätigten detaillierte Computersimulationen den Zusammenhang zwischen Erwärmung und Rekorden bei Temperatur und Niederschlag. Kälte-Extreme nehmen mit der globalen Erwärmung zwar ab, fanden die Forscher. Dies gleiche aber nicht die Zunahme der anderen Extreme aus.

Bei den Tropenstürmen dagegen gibt es noch kein klares Bild: Sie sollten nach aktuellem Wissensstand bei wärmeren Wassertemperaturen zwar stärker werden, aber nicht häufiger. Die genauen Zusammenhänge seien aber hochkomplex und noch nicht entschlüsselt.

„Einzelne Wetterextreme haben oft mit regionalen Prozessen zu tun, wie einem blockierten Hochdruckgebiet oder natürlichen Phänomenen wie El Niño“, erklärt Ko-Autor Stefan Rahmstorf, der Leiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am PIK: „Aber diese Prozesse entfalten sich jetzt vor dem Hintergrund einer globalen Klimaerwärmung. Und die kann dann aus einem Extremereignis ein nie zuvor beobachtetes Rekordereignis machen.“

Die beobachtete starke Zunahme der Intensität von Tropenstürmen im Nordatlantik 1980 bis 2005 könnte neben der globalen Erwärmung auch eine Abkühlung der obersten Luftschichten als Ursache haben. Für die Klärung seien die historischen Daten teilweise nicht genau genug, so die Forscher. Jana Haase