Wissenschaft : Massiv online

Bereits 69 559 Anmeldungen zum FH-Online-Kurs „The Future Of Storytelling“

Geschichten erzählen. Computerspiel-Designer Michael Sträubig erzählt Christina Maria Schollerer von seiner Arbeit. Auch Kinderbuchautorin Cornelia Funke ist in dem FH-Mooc vertreten.
Geschichten erzählen. Computerspiel-Designer Michael Sträubig erzählt Christina Maria Schollerer von seiner Arbeit. Auch...Foto: FHP/Julian van Dieken

Normalerweise beträgt die Zahl der Studierenden an der Fachhochschule Potsdam (FH) etwa 3000. In den nächsten sieben Wochen werden es jedoch weit über 70 000 sein: Denn der seit 25. Oktober laufende FH-Kurs „The Future Of Storytelling“ zieht Teilnehmer aus der ganzen Welt an. Natürlich werden die nicht persönlich auf dem Campus erscheinen, sondern online präsent sein. Der in Englisch angebotene Kurs ist ausschließlich im Internet verfügbar, wo Teilnehmer mit einer Mischung aus Videos, Kreativaufgaben, Rätseln und Forendiskussionen etwas über Grundlagen und aktuelle Entwicklungen von Erzähltechniken lernen können.

„Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet, wir hatten höchstens 10 000 erwartet“, sagt Winfried Gerling, Dekan des Fachbereichs Design. Bis Donnerstag dieser Woche hatten sich 69 559 Personen in den Kurs eingeschrieben – Tendenz steigend, denn auch während der Kurs läuft, kann man noch einsteigen.

Bei dem Angebot handelt es sich um den ersten „Mooc“, den die FH anbietet, ein „Massive open online course“, in dem sich nicht nur Studenten, sondern alle Interessierten egal mit welchem Bildungsabschluss einschreiben können. Auch die Herkunft spielt keine Rolle: „Wir haben natürlich viele deutsche und amerikanische Teilnehmer, aber ganz weit vorne sind Brasilien und Indien“, so Gerling. Auch Russland, die Philippinen, Rumänien, Mexiko, Australien oder der Inselstaat Tonga sind vertreten. Angesichts der Teilnehmerzahlen dürfte es sich bei dem FH-Projekt um den bislang erfolgreichsten deutschen Mooc handeln.

Als Geburtsort der Mooc-Idee gilt die amerikanische Universität Stanford, an der solche Kurse seit 2011 veranstaltet werden. Auch das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) bietet seit 2012 Moocs wie den openHPI-Kurs an, in dem rund 53 000 Personen eingeschrieben sind. Dies konnte das FH-Angebot nun toppen, was auch an den zwölf renommierten Gastdozenten liegen könnte, die sich das siebenköpfige Team um Gerling mit an Bord geholt hat: Von ihrer Arbeit erzählen unter anderem die Kinderbuchautorin Cornelia Funke, der Computerspiel-Designer Michael Sträubig, der Regisseur Des Doyle oder Robert Pratten, Leiter der Erzählplattform Conductr. Thematisch geht es sowohl um Erzähltechniken seit der Antike als auch darum, wie Computerspiele das Erzählen in Filmen und umgekehrt beeinflussen.

„Natürlich kann man nicht gleichzeitig mit 60 000 Menschen diskutieren“, betont Gerling. Relevante Fragen, die immer wieder auftauchen, werden zwar exemplarisch von den FH-Dozenten beantwortet. Ein Großteil der Gespräche wird sich aber zwischen den Teilnehmern selbst abspielen. In Internet-Foren und sozialen Netzwerken wie Facebook wird bereits ausgiebig diskutiert, wobei kulturelle Unterschiede deutlich zutage treten: „Wir wurden schon von Teilnehmern aus Pakistan gefragt, wie sie von uns empfohlene Youtube-Videos nutzen sollen, denn Youtube ist in Pakistan abgeschaltet“, sagt Gerling. Ihn erstaunt, welch rege Aktivität in der Online-Community herrscht: „Jemand schrieb uns, er sitze in Barcelona und würde gerne spanische Untertitel zu den Videos machen wollen.“

Trotz des unerwarteten Erfolges und der globalen Aufmerksamkeit für die Fachhochschule dämpft der FH-Professor aber die Erwartungen: „Moocs sind gerade ein großer Hype, aber sie werden sicher nicht die Universitäten ersetzen oder revolutionieren. Ein Nachteil ist zum Beispiel das Fehlen von unmittelbarem Feedback.“ Fraglich ist auch die Finanzierung: Die FH hatte sich im Mai beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft mit dem Storytelling-Mooc beworben und sich als eines von zehn Projekten gegen 250 weltweite Bewerber durchgesetzt. Gefördert wurde der Kurs mit 25 000 Euro, welche die aufwendige Produktion jedoch nicht decken können, so Gerling: „Es steckt viel unbezahlte Arbeitszeit darin und die FH hat bereits 5000 Euro zusätzlich in die Hand genommen. Realistisch gesehen benötigt so ein Projekt rund 50 000 Euro.“ Weitere Moocs sind aufgrund dieser offenen Fragen laut Gerling derzeit nicht in Planung.

Einschreiben in den Kurs kann man sich bei der Online-Plattform Iversity, von der jeder erfolgreiche Absolvent am Ende ein Zertifikat erhält (https://iversity.org/courses/the-future-of-storytelling). Der Massenansturm ist für die Server des Berliner Unternehmens aber kein Problem: „Darauf haben wir ja hingearbeitet“, meint Fabian Schumann von Iversity. „Unsere Plattform ist darauf ausgerichtet, solche Nutzerzahlen zu bewältigen, es gibt eigentlich auch kein Limit.“ Gut so, denn die 100 000er-Marke dürfte der Kurs in den nächsten Wochen knacken.