Wissenschaft : Lichtspiele im einstigen Victoriagarten

Kinokunst in Potsdamer Filmtheatern vor 60 Jahren und die Filmproduktion „Tempel des Satans“. Von Josef Drabek

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

Mehr als der Bau- und Tanzkunst (PNN vom 23.08.2017) widmeten wir uns der Kinokunst in Potsdamer Filmtheatern. An der Spitze rangierten die per Fahrrad über den Schleichweg am Schafgraben zu erreichenden „Charlott-Lichtspiele“. In dem ehemaligen Ballsaal des Restaurants „Victoriagarten“, wo einst August Bebel und Karl Liebknecht referierten, fanden über 500 Zuschauer Platz, darunter viele Studenten, die von den niedrigen Eintrittspreisen um 1,50 Mark die Hälfte zahlten und wie alle für das Programm zehn Pfennige ausgaben.

Weniger häufig ging es in Potsdams ältestes Kino, das Studiofilmtheater „Melodie“, das seinen musikalischen Namen im Gründungsjahr der DDR erhielt. Gewöhnungsbedürftig war der schmale Durchgang mit links eingelassenem Kassenfenster, wo man von wuselnden Besuchern fast erdrückt wurde. Danach quetschte man sich über den kleinen Innenhof in den zur Leinwand ansteigenden Saal. Mitunter besuchten wir das in der Schopenhauerstraße gelegene „Obelisk“, das seine Bezeichnung der Säule am östlichen Parkeingang verdankte. Gelegentlich führte unser Weg in das nach der Muse der heiteren Dichtkunst und des Lustspiels benannte „Thalia“, das Erst- und Uraufführungstheater, das als einziges überlebte.

Informationen über das freitags wechselnde Programm entnahmen wir den Kinoplakaten an den Litfaßsäulen. Vor diesen stand oft ein stadtbekanntes Original, das darauf zeigte und lautstark kommentierte, welche Filme er kannte und welche nicht. Der hagere Sonderling, der dem „Fehltritt“ eines „blaublütigen“ Stadtschlossbewohners entsprungen sein soll und „Hänschen“ gerufen wurde, lief vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst in „Halbmaster-Hosen“ mit einem langen, schmalen Einkaufsbeutel durch die Klement-Gottwald-(heute wieder Brandenburger) Straße oder fuhr auf seinem exotischen Fahrrad durch die Stadt. Das auffällige Gefährt war mit allen möglichen Extras ausgestattet: Windmühle, normaler und Zugklingel sowie Hupe, zwei Rückspiegeln, Dynamo- und Batteriebeleuchtung, Radverzierungen und Richtungsanzeigern, die bei jeder Abbiegung ausgeklappt wurden, obwohl der ausgestreckte Arm dies ebenfalls signalisierte.

Wie dieser kinobegeisterte Potsdamer, der gern Filmtipps gab, fanden auch wir interessante Titel aus dem reichlichen Angebot. So waren 1960 Spielfilme aus 22 Ländern im Umlauf, jeweils etwa zur Hälfte aus dem sozialistischen und kapitalistischen Ausland, und vor allem von der DEFA, die pro Jahr rund 25 Streifen herstellte, darunter Gemeinschaftsproduktionen mit Frankreich/Italien, Bulgarien und Polen. Dazu gehörten 1958 „Die Elenden“ nach dem Roman von Victor Hugo, 1959 „Sterne“ zum Kriegsgeschehen in Bulgarien und 1960 auf Grundlage des Buches von Stanislaw Lem die in Farbe gedrehte utopische Geschichte „Der schweigende Stern“. Andere Filme behandelten Themen aus dem Spanischen Bürgerkrieg („Fünf Patronenhülsen“), der Nazizeit („Sie nannten ihn Amigo“), dem Zweiten Weltkrieg („Der Fall Gleiwitz“) und leichtere Kost wie „Verwirrung der Liebe“. Damit wurden Regisseure wie Konrad Wolf und Kurt Maetzig bekannt und Schauspieler wie Günter Simon, Erwin Geschonneck und Annekathrin Bürger beliebt.

Kinokunst haben wir aber nicht nur konsumiert, sondern einmal auch mit produziert. Auslöser war ein an der Mensa angebrachter Aushang der DEFA, die im Herbst 1961 gediente Nachrichtensoldaten als Kleindarsteller suchte. Da wir während zweier Semesterferien einer solchen Reservistentruppe angehört hatten, bei einer Filmproduktion zusehen und das Stipendium aufbessern wollten, haben wir uns gemeldet. Das geschah in der Gaststätte eingangs der August-Bebel-Straße, wo ein Regieassistent „Profi-Statisten“ und „Amateur-Komparsen“" für den 3. Teil des Fernsehfilms „Tempel des Satans“ aussuchte. Der Streifen basiert auf dem in 6. Auflage erschienenen gleichnamigen Roman von Wolfgang Schreyer und behandelt die Recherche eines US-amerikanischen Starreporters zur Ursache für den missglückten Start einer Interkontinentalrakete, deren Napalmkopf unkontrolliert abtrieb. Um die Aufdeckung zu verhindern, wurde er abgeschoben, sein Flugzeug stieß mit einem „unbekannten Flugkörper“ zusammen, die Besatzung fiel aus, und der Reporter, ehemals Testpilot, übernahm die Steuerung der beschädigten Maschine bis zur Bauchlandung.

Anfangs gab es für mich eine herbe Enttäuschung, denn statt vor die Kamera stellte man mich hinter die Kulissen, um die Anzeigentafel „Achtung Aufnahme!“ ein- und auszuschalten. Eine „tragende Rolle“ bestand darin, für Schauspieler Peter Herden, den „Chef des Flugzentrums“, Limonade aus der Kantine zu holen. Danach durfte ich „schauspielerisch“ agieren, ihm und „Flugleiter“ Hans-Dieter Schlegel „Dokumente“ übergeben und auf eine Landkarte zeigen. Besser kam Klaus in Szene, der auf einem „Fernschreiber“ tippen, und Kommilitone „Most“, der ein Wort und einen Satz sprechen durfte, wofür es fünf bzw. 15 DM extra gab. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, die ins „Flugzentrum“ eingedrungenen „Reporter“" hinauszujagen. Das nahmen wir wörtlich, stießen „professionelle“ Kleindarsteller und Schauspieler Walter Lendrich rabiat die Treppe hinunter, wobei Letzterer zu Fall und einer Schramme kam und uns anschrie, ob wir wahnsinnig geworden wären. Nachdem Regisseur Georg Leopold und Kameramann Erwin Anders regiemäßig eingriffen, haben wir unsere Rolle ruhig zu Ende gespielt.

Nach Schluss jedes achtstündigen Drehtags, der eigentlich eine Nacht war, brachte eine Mitarbeiterin auf einem Brett die Tütchen mit der Gage. Die der Schauspieler enthielt 700 DM, die der „Profi-Statisten“, die professionell Spiel-, Kleider- und andere Zulagen aushandelten, rund 50 DM und die der „Amateur-Komparsen“ um 30 DM, d. h. für unseren einwöchigen Einsatz über 200 DM, also etwa ein monatliches Stipendium. Diese 13. Beihilfe wurde leicht verdient, soldatische Kenntnisse waren nicht gefragt, während der vielen Pausen haben wir gelesen, Karten gespielt und ähnlich Soldaten die Erfahrung gesammelt: „Die meiste Zeit des Lebens wartet der Statist vergebens“.

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