Wissenschaft : Korrigierte Körper

Die Potsdamer Zeithistorikerin Annelie Ramsbrock hat eine Geschichte der künstlichen Schönheit geschrieben

ine Zimmer
Nachgeholfen. Schönheit lässt sich durch kosmetische Korrekturen betonen.
Nachgeholfen. Schönheit lässt sich durch kosmetische Korrekturen betonen.Foto: dpa

Nur mit Unbehagen geht man an den Studios mit Botox-to-Go Werbung in den Fußgängerzonen vorbei. Für manche sind sie jedoch längst so selbstverständlich, wie ein Besuch beim Frisör. Schönheitschirurgie ist noch immer ein kontroverses Thema, das zwischen Lebensqualität und synthetischer Künstlichkeit polarisiert. Fünf Jahre lang hat sich Annelie Ramsbrock am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) durch Kosmetik-Handbücher, Zeitungsartikel und Briefe gelesen, um dem Ursprung unserer heutigen Schönheitsideale, Schlankheitsbestreben und dem allgegenwärtigen Verjüngungswahn auf die Schliche zu kommen.

Annelie Ramsbrock vertritt die These, dass unsere Schönheitsideale sich Anfang des 20. Jahrhunderts durchgesetzt haben und zwar seitdem der gesellschaftliche Diskurs zwischen Gesundheit und Schönheit unterscheidet. Dies belegt sie ausführlich in ihrer „Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne“. Das Unbehagen gegenüber der „Korrektur der Natur“ lässt sich zwischen den Buchdeckeln von Annelie Ramsbrocks „Korrigierte Körper“ seit dem beginnenden Diskurs der Kosmetik im 18. Jahrhundert bis zur Professionalisierung der Branche in der Weimarer Republik beobachten. Die Grenzen zwischen Kosmetik und Schönheitschirurgie sind allerdings nicht immer einfach zu ziehen. Und so balanciert auch die Abhandlung zwischen diesen beiden Strängen: Zum einen behandelt Ramsbrock den Diskurs über Hygiene und Schminken, aus dem die Kosmetik und Schönheitspflege entstanden ist. Dieser Diskurs ist vor allem ein gesellschaftlicher, eng verknüpft mit den Vorstellungen eines bürgerlichen Lebensstils, Familien- und Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Er wächst erst in der Weimarer Republik, mit dem Entstehen der ersten Frauenzeitschriften nach amerikanischem Vorbild, wie „Dame“ und „Uhu“, und den ersten Werbeanzeigen für Kosmetikprodukte und Schönheitsbehandlungen, mit dem Diskurs der Schönheitschirurgie zusammen.

Der medizinische Diskurs entwickelte sich parallel und abseits von Diskussionen ob Frauen sich nun Schminken sollten oder nicht. Seit dem Ersten Weltkrieg wurden gesichtsgeschädigte Soldaten, die aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten, die ersten Nutznießer von plastischer Gesichtschirurgie. Diese Wiederherstellungsversuche von Gesichtern bekommen in „Korrigierte Körper“ ein eigenes Kapitel, illustriert mit Abbildungen gelungener Operationen. Die Wiederherstellungschirurgie stand bis dahin ausschließlich im Dienste des Militärs. Erst als die Ärzte auf diesem Feld schon ziemlich weit waren, wurden ihre Kenntnisse auch für Privatpersonen nutzbar.

Demnach war es ein gewisser Jaques Joseph, der 1896 anfing neben seiner Tätigkeit als Arzt an der Berliner Universitätspoliklinik zum ersten Mal nicht nur Gesichtsgeschädigten aus dem Krieg, sondern auch einer Privatpersonen eine neue Nase zu verpassen. Er verstieß damals gegen die ärztliche Verpflichtung nur zum Erhalt von Leben zu operieren, was seine Hochschulkarriere beendete. Jedoch gründete er eine eigene Praxis und wurde der erste private Schönheitschirurg. Jaques Josephs Handbuch zur Nasenplastik von 1931 gilt laut Ramsbrock auch noch heute als Standardwerk.

Die Grenze zwischen Geschmack, Gesundheit und subjektiv wahrgenommener Lebensqualität sei von Anfang an schwer bestimmbar gewesen. Besonders deutlich wird das im letzten Teil des Buches, das sich mit den Anfängen der „Sozialen Kosmetik“ beschäftigt. Ihr Anliegen war es auch für Gruppen, die eine Operation nicht aus eigener Tasche bezahlen konnten, die Entfernung von zu großen Muttermahlen, Alterszeichen oder „Segelohren“ möglich zu machen.

Mit der Entwicklung der Wiederherstellungschirurgie während des Ersten Weltkrieges werden, so Ramsbrock, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit Normen für Schönheit festgelegt und messbar gemacht. Buchstäblich in einem „Profilwinkel“, den man an die Nase anlegte, um bei Patienten den Grad der Abweichung feststellen zu können.

Als Fazit kann man aus Ramsbrocks Abhandlung ziehen, dass die wachsenden Möglichkeiten zur Schönheitsoperation, die Schönheitsnormen zu bestärken scheinen. Und dass diese Entwicklung unser Schönheitsempfinden heute mehr prägt, als wir es vielleicht erwarten würden. Auch lässt sich erahnen, dass vor 80 Jahren der Druck als Frau im Berufsleben jung und frisch auszusehen noch unvergleichlich höher gewesen zu sein muss als heute. Jugend und Schönheit waren für Frauen eine Zugangsvoraussetzung zum Arbeitsleben. Parallelen in die Gegenwart sucht die Autorin allerdings nicht. Die muss der Leser für sich selbst ziehen. Undine Zimmer

Annelie Ramsbrock „Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne“, Wallenstein Verlag, Göttingen, 307 Seiten, 29,90 Euro