• Soziologe über Klima-Demos: "Umweltschutz ist sinnstiftend"

Klimaschutz-Demonstrationen von Schülern : Soziologe: "Umweltschutz ist sinnstiftend"

Warum engagieren sich Schüler für den Klimaschutz? Der Potsdamer Familiensoziologe Dietmar Sturzbecher spricht im PNN-Interview über die Motivation junger Menschen, sich den „Fridays for Future“-Demonstrationen anzuschließen.

Am 15. März 2019 demonstrierten weit über 1000 Schüler in Potsdam gegen die aktuelle Klimapolitik.
Am 15. März 2019 demonstrierten weit über 1000 Schüler in Potsdam gegen die aktuelle Klimapolitik.Foto: Andreas Klaer

Herr Sturzbecher, am Freitag haben auch in Potsdam viele Schüler für eine andere Klimapolitik demonstriert. Was bedeutet der Klimawandel für Jugendliche? Haben die Angst?

Natürlich löst der Klimawandel Ängste aus, nicht nur bei Jugendlichen. Aber es steckt mehr dahinter. Menschen suchen ein Leben lang und vor allem im Jugendalter nach einem Sinn im Leben. Findet man ihn, dann hilft das auch dabei, psychisch gesund zu bleiben und gegen die Widrigkeiten des Alltags gewappnet zu sein. Manche suchen den Lebenssinn in der Religion, andere im Kampf für Menschenrechte, wieder andere im Tier- oder Umweltschutz. Gerade der Umweltschutz ist ein hohes Gut: Wer will denn nicht in einer schönen Umwelt gesund und lange leben? Das ist ein faszinierendes Ziel. Sich gegen den Klimawandel einzusetzen ist also sinnstiftend.

Was treibt Jugendliche an, sich Demonstrationen wie bei „Fridays for Future“ anzuschließen?

Jede heranwachsende Generation steht unter dem Druck, sich etwas Eigenständiges und Neues stiftendes zu geben. Damit will sie sich von den Erwachsenengenerationen und auch gegenüber den älteren Jugendlichen abheben. Die Angehörigen einer Generation sind den gesellschaftlichen Ereignissen in gleicher Weise ausgesetzt. Sie haben ähnliche Partizipations- und Erlebnisgelegenheiten, sehen die Welt mit gleichen Augen. Auch die Lebenschancen beziehungsweise die Bedrohungen sind ähnlich. Wir nennen das Generationenzusammenhang, es ist eine soziale Klammer, welche die Angehörigen einer Generation zusammenschweißt. Die heutige Jugend hat offensichtlich das Engagement für Umweltschutz und gegen die Folgen des Klimawandels als zentrales Thema gefunden, auch um soziale Anerkennung zu gewinnen. Außerdem spielt eine Rolle, dass die meisten Jugendlichen im Gegensatz zu Erwachsenen von vielen Alltagspflichten frei sind. Umso intensiver können sie sich mit einem bestimmten Thema beschäftigen. Der Schutz der Lebensgrundlagen ist da natürlich ideal.

Das klingt nach einer wissenschaftlichen These?

Nein, es gibt viele konsistente Forschungsbefunde, dass die heutigen Jugendlichen der Gesundheit und dem Umweltschutz einen hohen Wert beimessen. Wir haben Ende 2017 über 3700 Jugendliche in Brandenburg befragt: Die Zahl der Raucher sinkt rapide; gesund leben steht gegenüber früheren Befragungen sehr hoch im Kurs. Der Anteil der Jugendlichen, die mit dem Umweltschutz in Brandenburg zufrieden sind, ist deutlich gesunken, obwohl die Zufriedenheit in allen anderen Lebensbereichen und auch mit der Landespolitik stark gestiegen ist. Dazu gehört auch, dass über 90 Prozent der Jugendlichen von der EU den Schutz der Umwelt und eine Verringerung der Folgen des Klimawandels einfordern; damit folgen die Forderungen an die Umwelt- und Klimapolitik auf den Plätzen zwei und drei hinter der Forderung, den Terrorismus wirksam zu bekämpfen. Schließlich wächst auch der Anteil der Jugendlichen, die auf dem Land leben wollen, um ihr Leben im Einklang mit der Natur zu gestalten. Das umweltpolitische Engagement der Jugendgeneration ist also keine Eintagsfliege und zieht sich durch ihre gesamte Lebensgestaltung.

Ist denn die heutige Jugendgeneration politischer?

Gegenüber 2010 ist das politische Interesse der Landesjugend in der Tat gestiegen; der Anteil der Politikverdrossenen ist um fünf Prozent und der Anteil der politisch total Desinteressierten um acht Prozent deutlich gesunken. Allerdings überlegen sich die Jugendlichen heute viel genauer, ob und wofür sie sich engagieren. Das ist ja auch klug. Als Themen stehen Umweltschutz, Menschenrechte und Tierschutz ganz hoch im Kurs. Rund zehn Prozent der Jugendlichen gaben an, sich in entsprechenden Organisationen zu engagieren. Weitere knapp 50 Prozent haben darüber hinaus Interesse an einem solchen Engagement. Es fehlt also nicht an der Bereitschaft zur politischen Teilhabe, sondern eher an Gelegenheiten und einem Anstoß.

Was unterscheidet das Thema Klimawandel von anderen politischen Fragen?

Im Gegensatz zu allen anderen wichtigen Themen wie Frieden oder soziale Chancengleichheit lässt sich die Verschmutzung der Umwelt und die Bedrohung des Klimas an allen Orten der Welt in ähnlicher Weise erleben; dazu tragen natürlich auch die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten mit den sozialen Medien und die Verfügbarkeit eindrucksvoller Bilder bei. Alle anderen Themen haben immer ein sehr lokales Gesicht. Nehmen wir zum Beispiel das Thema „Krieg und Frieden“. Die Schaffung friedlicher Lebensverhältnisse ist ja auch ein außerordentlich bedeutsames Ziel. Aber die vielen Kriege auf der Welt haben sehr unterschiedliche Ursachen; ihr Aussehen und ihre Folgen sind umstritten, stark von regionalen Gegebenheiten abhängig und von außen schwer nachvollziehbar. Dagegen ist der Klimawandel sowie seine Ursachen und Folgen ein überschaubares und einheitliches globales Phänomen. Kein vernünftiger Mensch bestreitet die Ursachen und die zu erwartenden Folgen; es wird nur zu wenig dagegen getan. Und niemand kann sich davor verstecken.

Aber die Gletscher schmelzen ja nicht in Brandenburg…

Auch wenn die Konsequenzen hier bisher weniger spürbar sind als an anderen Orten auf der Welt, wissen die Jugendlichen, dass etwas auf sie zukommt. Extremes Wetter nimmt auch hier zu. Und über die Medien kommen die Bilder von schmelzenden Gletschern, steigenden Meeresspiegeln und hungernden Eisbären auch zu uns. Übrigens schaut die brandenburgische Jugend weit über den Tellerrand hinaus. Bei den Forderungen an die EU-Politik liegt der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit auf dem vierten Platz: Ebenfalls über 90 Prozent der brandenburgischen Jugendlichen, die übrigens mit überwältigender Mehrheit überzeugte Europäer sind, fordern von der EU Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Die findet man aber vor allem in Portugal oder Griechenland und nicht in Brandenburg.
Wird der Protest von einer bestimmten sozialen Schicht getragen?
Danach sieht es nicht aus. Das Thema ist durch alle sozialen Schichten hindurch relevant und dementsprechend mobilisiert es auch zur Teilnahme an den Protesten. Das ist auch nachvollziehbar: Geht der Klimawandel so weiter, wird es schließlich für alle heiß, egal wie reich oder arm sie sind.

Dietmar Sturzbecher.
Dietmar Sturzbecher.Foto: promo

Wie sollten Eltern damit umgehen?

Sie sollten ihre Kinder ernst nehmen und die Proteste als Diskussionsangebot betrachten. Wir dürfen als Elterngeneration nicht vergessen, dass wir historisch gesehen einen völlig anderen Start hatten. Ich habe noch die Einführung der Mülltonne erlebt; bis dahin hat man auf dem Lande den Müll im Garten vergraben. Mülltrennung, die spezielle Entsorgung gefährlicher Stoffe – alles das waren Errungenschaften der Eltern- und Großelterngeneration, welche die heutige Jugend aber nicht erlebt hat. Es ist lobenswert, wenn wir von unserer Jugend angetrieben werden und nicht auf diesem Stand verharren, sondern uns auch dafür öffnen, was morgen getan werden muss oder vielleicht schon heute überfällig ist.

Einige Politiker kritisieren die Schulstreiks für „Fridays for Future“ als Schulschwänzerei. Ist das eine adäquate Antwort?

Damit werden sie die Jugendlichen jedenfalls nicht beeindrucken. Es zeigt eher, dass man nicht in der Lage ist, eine überzeugende inhaltliche Antwort auf die Probleme zu geben. Zu erwarten ist, dass der Verweis auf die Schulpflicht allein die Proteste eher mobilisieren wird. Der Umgang mit der Herausforderung erfordert Augenmaß: Die seit über 300 Jahren in Brandenburg geltende Schulpflicht ist eine bedeutende soziale Errungenschaft und ein hohes Gut; der Erhalt der Umwelt nicht minder. Die Konfrontation „Umweltschutz gegen Schulpflicht“ taugt also nicht für die politische Auseinandersetzung.

Zur Person

Dietmar Sturzbecher (65) ist Professor für Familien-, Jugend- und Bildungssoziologie an der Uni Potsdam sowie Direktor des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung.