Jüdische Theologie Potsdam : Rabbis aus Sanssouci

Rabbiner Walter Homolka im PNN-Interview über fünf Jahre Jüdische Theologie an der Universität Potsdam, Wohlwollen und Beharrlichkeit, Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft und das neue Selbstbewusstsein der jungen Generation deutscher Juden. 

Fünf glänzende Jahre. Die Jüdische Theologie ist an der Universität Potsdam angekommen. 
Fünf glänzende Jahre. Die Jüdische Theologie ist an der Universität Potsdam angekommen. Foto: Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa

Herr Homolka, was hätten Sie jemandem geantwortet, der Ihnen vor zehn Jahren gesagt hätte, dass 2013 die Jüdische Theologie erstmals in der deutschen Geschichte an einer staatlichen Hochschule verankert wird?
 

Das war für mich vor zehn Jahren völlig unvorstellbar. Wir waren damals sehr dankbar für den Gaststatus bei den Jüdischen Studien, als An-Institut der Potsdamer Universität. Wir hätten gar nicht zu hoffen gewagt, dass es ab 2010 dann zu einer Pluralisierung der Theologie in Deutschland kommen würde. Die damalige Forschungsministerin Annette Schavan hatte die Errichtung des Fachs Islamische Theologie konsequent vorangetrieben. Mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den religionsbezogenen Fächern sah ich auch für die Jüdische Theologie als neues Fach den Zeitpunkt gekommen. Der Staatssekretär Martin Gorholt im hiesigen Wissenschaftsministerium war jedenfalls erst einmal recht überrascht, als ich ihm diesen nächsten Entwicklungsschritt vortrug.

Es bedurfte einiges an Beharrlichkeit gerade auch von Ihrer Seite, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Chance, dass das ein großer Wurf werden könnte, haben damals viele gesehen. Wir hatten viel Unterstützung bekommen. Die Brandenburger SPD-Landtagsabgeordnete Klara Geywitz, die zu unserem fünfjährigen Jubiläum mit der Abraham Geiger Plakette ausgezeichnet worden ist, war eine der beharrlichsten Unterstützerinnen. Hinzu kamen andere Abgeordnete, wie Gesundheitsstaatssekretär Andreas Büttner und Susanne Melior. Es gab also im Land Brandenburg eine breite Basis des Wohlwollens, gerade durch die Wissenschaftsministerinnen, von Johanna Wanka über Sabine Kunst bis hin zu Martina Münch. Trotz allem war das ein ziemlicher Kraftakt, sogar das Landeshochschulgesetz musste geändert werden.

Haben sich Ihre Hoffnungen und Erwartungen mittlerweile erfüllt?

Ich kann das sehr genau sagen: Es gibt eine Untersuchung über die Effektivität der Potsdamer Jüdischen Theologie im Vergleich mit der Judaistik an der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien vom Landesrechnungshof Baden-Württemberg. Demnach müssen wir uns nicht verstecken, weder was die Anzahl der Studierenden noch die der Abschlüsse und den Einsatz der Mittel anbelangt. Hier zahlt es sich aus, dass wir in die Strukturen der Universität Potsdam eingebettet sind. Unser Studiengang ist von Anfang an immer überbucht, wir hatten von Beginn an rund 150 Prozent Auslastung. Wir haben derzeit rund 163 Studierende und haben 35 Absolventen, die als Rabbiner und Kantoren in neun Länder gegangen sind. Das waren bislang tatsächlich sehr glanzvolle fünf Jahre für uns.

Rabbi Walter Homolka.
Rabbi Walter Homolka.Foto: Andreas Klaer

Was ist das Besondere der Potsdamer Rabbinerausbildung?

Das Institut für Jüdische Theologie arbeitet Hand in Hand mit den beiden Rabbinerseminaren zusammen: dem liberalen Abraham Geiger Kolleg und dem konservativen Zacharias Frankel College. Diese Integration von akademischer und praktischer Ausbildung hat sich in fünf Jahren bewährt. Wer ein Vorbild für die Imamausbildung in Deutschland sucht, findet es hier. Wir haben Klarheit schaffen können zwischen dem geistlichen und dem säkularen Bereich. Die deutliche Trennung orientiert sich am Verfassungsrecht. Trotzdem bringen wir an die Potsdamer Universität auch ein gewisses spirituelles Moment, was gut aufgenommen wird. Hinzu kommt die musikalische Seite durch die Kantorenausbildung, die noch einmal einen ganz eigenen Reiz hat. Das Ganze wird in voller Blüte wirksam werden, wenn wir Anfang 2020 in das Nordtorgebäude einziehen werden. Dort wird mit der Synagoge als Teil des Gebäudekomplexes auch ein Ort der Besinnung und Ruhe entstehen, der allen Studierenden offenstehen wird, ob sie religiös sind oder nicht: ein Ort für geistliche und musikalische Kontemplation.

Ist hier so etwas wie eine Potsdamer Schule entstanden?

Das ist schon einmalig, was wir hier haben – vor allem in der Betonung des Akademischen. Wenn ich mich in der Welt der Rabbinerseminare umschaue, glaube ich, dass wir eine eigene Rezeptur haben. Wir wollen diejenigen ansprechen, die auch vor rigorosem akademischem Studium nicht zurückschrecken, vor der Infragestellung durch die wissenschaftliche Herangehensweise. Damit einher geht die geistliche Begleitung – zusammen mit der Vorbereitung auf den Gemeindedienst durch die parallele Arbeit in den Gemeinden. Das ist eine besondere Herangehensweise, die einzigartig ist.

Was zeichnet die Absolventen aus, die als Rabbiner und Kantoren in die Synagogen gehen?

Zum einen sind die unheimlich fleißig, das lernen sie bei uns schon dadurch, dass sie sehr viel unter einen Hut bringen müssen: Die praktische Arbeit im Rabbinerseminar zusammen mit dem wissenschaftlichen Studium. Das sind sehr arbeitsame Rabbiner, die dann in die Gemeinden kommen. Zum zweiten sind sie thematisch sehr sattelfest, weil sie mit einem gründlichen Studium auf ihr Berufsleben vorbereitet wurden. Aus diesem Tornister werden sie lange schöpfen können. Gleichzeitig haben sie gelernt, wie man sich Themen selbst erarbeitet. Sie sollen auch nach dem Abschluss immer wieder zu uns nach Potsdam zurückkehren, um die Batterien aufzuladen. Ganz wichtig ist uns, dass durch die starke Begleitung während der Praktika in den Gemeinden schon früh die Frage gestellt wird, für wen man das macht. Wer die Gemeindemitglieder sind, für die man später arbeiten wird, was die für Fragen haben. Der Erfolg im Gemeindedienst und die pastorale Hinwendung zu den einzelnen Gemeindemitgliedern stehen bei uns im Mittelpunkt. Das Feld der Anwendung haben die Studierenden schon während des Studiums im Auge, um schon früh zu überlegen, wie das Gelernte für den Aufbau des jüdischen Lebens in Deutschland und Europa fruchtbar werden kann. Deshalb sind unsere Absolventen auch europaweit gesucht.

In den Religionswissenschaften werden in Potsdam Christen, Muslime und Juden zusammen miteinander ausgebildet. Was bedeutet Ihnen diese Kompatibilität?

Religionswissenschaften und Jüdische Studien sind unsere Nachbarfächer, insofern bietet die Universität Potsdam denjenigen viel, die Religionen im Studium kennenlernen möchten, gerade auch für den LER-Unterricht an Brandenburgs Schulen. Gut zwei Drittel unserer Studierenden wollen gar nicht Rabbiner oder Kantor werden. Jüdische Theologie bereichert also das gesamte Spektrum der religionsbezogenen Studien in Potsdam. Unser Fach ist zwar bekenntnisbezogen, steht aber allen Interessierten ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit offen.

Vor zwei Jahren gab es eine Auseinandersetzung mit einem Studierenden, bei der es den Vorwurf gab, dass das Miteinander von Juden und Muslimen zu wünschen übrig lasse.

Wir haben von jeher enge Beziehungen zur muslimischen Gemeinschaft. Mit der Islamischen Theologie in Osnabrück und der Kirchlichen Hochschule Bethel-Wuppertal pflegen wir einen regen Austausch. Wegen der Förderung des interreligiösen Dialogs habe ich bereits 2011 den Muhammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreis der Amina Abdullah Stiftung Soest erhalten. Diesen August erst haben wir mit dem Zentralrat der Muslime eine Reise von jungen Juden und muslimischen Geflüchteten nach Auschwitz begleitet. Dieses Miteinander ist uns wichtig.

Welche Erfahrung hatten Sie auf der gemeinsamen Reise nach Auschwitz gemacht?

Das war ein sehr intensives Miteinander. Für die jungen Jüdinnen und Juden war es sehr beeindruckend, wie anhand der Erfahrung in Auschwitz eigene Flucht- und Gewalterfahrungen bei den muslimischen Mitreisenden aufgebrochen sind. Die gemeinsame Trauer war sehr eindrücklich. Das hat mir vor Augen geführt, dass diese Arbeit nicht im Experimentellen stehen bleiben kann. Die Erfahrungen werden uns für unsere weitere Arbeit Anleitung geben. Wir planen ein Jüdisch-Muslimisches Begegnungswerk mit Beteiligung christlicher Partner. Die Erfahrungen dieser Initiative sollen so aufgegriffen werden. Es sind auch gemeinsame Reisen etwa nach Granada denkbar, einem Ort, der wie keiner für das gute Miteinander von Juden und Muslimen steht.

Ist vielleicht gerade auch Potsdam der richtige Ort für diesen überkonfessionellen Ansatz?

Vor wenigen Wochen brachte der Lehrstuhl von Uni-Professor Johann Hafner „Glaube in Potsdam“ heraus, einen Wälzer von fast 900 Seiten. Er beweist: Potsdam ist die Heimat vieler Religionen und Weltanschauungen. Mir fällt dazu die Toleranzinitiative vom Kollegen Heinz Kleger und dem ehemaligen Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs ein, der immer deutlich gemacht hat, dass Potsdam ein Ort ist, an dem viele selig werden können. Das leben auch wir hier.

Wie wird es nach dem endgültigen Umzug der Rabbinerseminare aus Berlin nach Potsdam 2020 weitergehen?

Dann werden wir räumlich mit dem Institut für Jüdische Theologie eng zusammengerückt sein, wir werden die Synagoge zur regelmäßigen spirituellen Begegnung haben. Ich stelle mir dadurch eine große Intensivierung unserer Arbeit vor. Wir werden auch am Campus Neues Palais der Universität Potsdam noch sichtbarer sein. Die Architektur wird einzigartig. Das Ensemble bestehend aus Nordtorgebäude, Synagoge und Orangerie wird dann unweit der Hauptgebäude etwas Besonderes ausstrahlen. Das wird unsere Arbeit enorm beflügeln. Bis zum Frühjahr 2020 soll die Synagoge fertig sein, für die wir uns ein künstlerisches Gestaltungskonzept überlegt haben. Das wird sicher auch über die Potsdamer Universität hinaus ein spannender Ort werden, um die besondere Aura dieses Ortes zu erleben.

2020 wird es eine neue Landesregierung geben. Macht Ihnen Sorge, dass die AfD darin stärker als jetzt vertreten sein könnte?

Wir haben große Zuversicht, dass auch die kommende Landesregierung von den politischen Kräften gestellt wird, die uns bislang unterstützt haben. Wir haben mit allen Fraktionen – außer der AfD – einen hervorragenden Kontakt. Und wie Parlament und Regierung auch aussehen werden, unsere Arbeit hat das Wohlwollen und Vertrauen der Verantwortlichen in Brandenburg.

Sie sagen, dass die Jüdische Theologie in Potsdam sehr positiv aufgenommen wurde. Gab es auch Anfeindungen antisemitischer Natur?

Nein, das hat es überhaupt nicht gegeben.

Teilen Sie die Sorge, dass der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft wächst?

Wir hatten im November den Jüdischen Zukunftskongress in Berlin. Da haben junge Jüdinnen und Juden entschieden bekundet, dass sie den Mund selbstbewusst aufmachen, weil sie hier in Deutschland leben wollen. Wir lassen uns als deutsche Staatsbürger die Butter nicht vom Brot nehmen, sondern fordern unsere Rechte ein. Wir haben immer gewusst, dass es einen gewissen Bodensatz von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gibt. Aber wir empfinden uns gar nicht als fremd. Die Familie einer unserer Studierenden aus dem „Ernst Ludwig Ehrlich“-Studienwerk beispielsweise ist hier seit 1740 ansässig, so etwas müssen andere erst einmal nachweisen können.

Hier in Potsdam?

Ja, seine Familie war von den Nazis aus Preußen nach Brasilien vertrieben worden, er ist aber nun zurückgekommen und sieht das hier als sein Heimatland an, was er selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich das Jüdische Leben hier beheimatet fühlt, ist durch die Institutionen der Bundesrepublik gestärkt worden. Dass wir 20 Prozent latenten Antisemitismus in Deutschland haben, wussten wir schon. Dass sich diese Personen nun aber mit voller Adresse zu erkennen geben ist neu. Und trotzdem ist die gute Botschaft: 80 Prozent der Bevölkerung denken anders und nehmen das auch nicht hin. Ich bin da immer noch sehr optimistisch.

Also eher eine Normalisierung jüdischen Lebens in Deutschland?

Ich glaube nicht, dass es normal sein sollte, dass 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Vorbehalte haben. Aber es ist eine klare Verwurzelung jüdischen Lebens in Deutschland erkennbar. Das wird man so schnell nicht wieder zerstören können.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller


Walter Homolka (54) ist Rabbiner und Rektor des Abraham Geiger Kollegs sowie geschäftsführender Direktor der School of Jewish Theology an der Potsdamer Universität.

Autor