• Israel-Studien am MMZ der Uni Potsdam: Aktivist wider Willen

Israel-Studien am MMZ der Uni Potsdam : Aktivist wider Willen

Der Berliner Politikwissenschaftler Stephan Grigat ist derzeit Gastprofessor für Israel-Studien an der Universität Potsdam. Er hat sich für die Zeit viel vorgenommen.

Jérôme Lombard
Stephan Grigat.
Stephan Grigat.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Nur Bücher schreiben? Das sei ihm zu wenig, sagt Stephan Grigat und schaut auf sein schwarzes iPhone. Wann war noch einmal der Vortrag über Israel, Deutschland und das iranische Regime? Kaum war er in Potsdam angekommen, da war der Terminkalender von Stephan Grigat schon rappelvoll. Der 45-Jährige ist seit diesem Frühjahr Gastprofessor für Israel-Studien am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) an der Universität Potsdam. Für seine knapp einjährige Gastprofessur hat sich Stephan Grigat viel vorgenommen, etwa ein Bachelor-Seminar zu Israels gegenwärtiger Situation im krisengeschüttelten Nahen Osten.

Lange akklimatisieren brauchte sich der Politikwissenschaftler und Historiker in Potsdam nicht. Stephan Grigat ist gebürtiger Berliner, kennt Potsdam seit seiner Jugend und wohnt nach seiner Lehrtätigkeit an den Unis in Wien und Gießen nun wieder in Berlin. „Ich wurde sehr herzlich in Potsdam aufgenommen“, sagt Grigat. Die Atmosphäre am MMZ sei sehr kollegial und inspirierend. Auch habe das Zentrum auf den Gebieten Antisemitismus- und Israelforschung einen sehr guten Ruf. Der Ansatz, wissenschaftliche Forschung mit einem zivilgesellschaftlichen Mandat zu verbinden, sei in Deutschland gewissermaßen einmalig. „Jeder, der sich wie ich intensiv mit Antisemitismus, Israel und dem Nahen Osten beschäftigt, weiß um den hervorragenden Ruf des MMZ“, sagt Stephan Grigat.

Einmischen in aktuelle Debatten

Sich in aktuelle Debatten einmischen, Positionen beziehen, über den Nahen Osten und die Konfliktlinien der Region aufklären: genau das will der Wissenschaftler mit den Forschungsschwerpunkten Antisemitismus und politische Linke, Israel und Naher Osten. Grigat hat in Israel geforscht und sich in Wien intensiv mit der Islamischen Revolution und der iranischen Theokratie auseinandergesetzt. Er ist ein Fachmann, mit dem man schnell ins Plaudern kommt. Wer sich Politikwissenschaftler als „verkopfte“ Theoretiker vorstellt, kennt Grigat nicht. Er ist Wissenschaftler aus Leidenschaft, aber auch politischer Aktivist. „Wider Willen“, wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Die gesellschaftlichen Realitäten würden ein politisches Engagement einfach erfordern.

In Österreich hat Grigat die Initiative "Stop The Bomb" ins Leben gerufen. Die Gruppe setzt sich für einen Boykott des iranischen Regimes und für Solidarität mit Israel ein. „Der Iran ist ein weltweiter Förderer von Terrorismus und eine islamistische Diktatur, die Israel regelmäßig mit Vernichtung droht.“ Der destruktive Einfluss in der Region habe unter Präsident Rohani weiter zugenommen, lautet Grigats Analyse. Der Politologe beschreibt sich selbst als kritischen Linken. In der politisch aufgeheizten Stimmung des West-Berlins der 1980er Jahre aufgewachsen, wurde er früh politisiert, war bei jeder Demo dabei.

Grigat: „Viele Linke haben ein gestörtes Verhältnis zu Israel“

Doch bereits als linksorientierter Jugendlicher fühlte er ein gewisses Unbehagen mit einigen Positionen innerhalb der Szene. Insbesondere, wenn es um den jüdischen Staat ging. „Viele Linke haben ein gestörtes Verhältnis zu Israel“, erklärt Stephan Grigat. Inwiefern dieses gestörte Verhältnis in mehr oder weniger verdeckte Formen von Antisemitismus umschlagen kann, das erforscht er seit nunmehr fünfzehn Jahren. Sein letztes Buch mit dem Titel „Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung“ (2014) wurde auch von Kritikern seiner politischen Positionen wegen der historischen Akkuratesse weithin gelobt. Grigat polemisiert hier gegen die „naive“ israelische Linke und die westliche Appeasement-Politik gegenüber dem Iran. „Nach einer Veröffentlichung bin ich noch nie zu so vielen Vorträgen eingeladen worden“, konstatiert er heute.