• Potsdamer Uni-Präsident zur Expansionsplänen: "Der Platz ist die Gretchenfrage"

Interview mit Oliver Günther : An der Uni Potsdam wird es vorübergehend eng

Der Präsident der Uni Potsdam, Oliver Günther, über Platznot an der Uni, den Umgang mit der AfD und die Gründe, warum Rückmeldegebühren nicht zurückgezahlt werden.

Potsdams Uni-Präsident Oliver Günther.
Potsdams Uni-Präsident Oliver Günther.Foto: PNN / Ottmar Winter

Herr Günther, vor einem Jahr haben Sie angekündigt, dass die Universität Potsdam um ein Drittel wächst. Wie weit ist man damit vorangekommen?
Wir stecken mitten drin im Wachstumsprozess. 30 Prozent mehr Mittel wollen sinnvoll investiert werden. 80 Prozent eines Hochschulhaushalts wird für Personal gezahlt. Insofern geht es jetzt erst einmal darum, neue Köpfe für uns zu finden, die uns verstärken können – Professorinnen, akademische Mitarbeiter und Kollegen für die Verwaltung. Von 60 zusätzlichen Professuren sind über 20 schon besetzt, weitere 20 stehen kurz vor der Ernennung – und beim Rest laufen gerade die Ausschreibungen. Auch bei der Verwaltung kommen wir gut voran. Und wir wachsen auch bei den Studierendenzahlen, hier allerdings nur um 15 Prozent. In diesem Herbst werden wir erstmals über 21 000 haben. In zwei bis drei Jahren sollen es dann 23 000 Studierende sein. Insgesamt 3000 neue Studienplätze, davon knapp 2000 im Lehramt.

Das geht ja ziemlich flott, gibt es dafür auch ausreichend Platz?
Das ist die Gretchenfrage. Platz zu beschaffen ist im öffentlichen Bereich nicht so einfach, weil es sehr lange dauert. Hochschulbau ist eine sehr komplexe Materie, da sprechen viele Seiten mit. Im Ergebnis dauert das oft mehr als zehn Jahre. Modulbauten und Container gehen schneller, aber auch dafür bedarf es eines Flächennachweises. Da mahlen die bürokratischen Mühlen viel zu langsam.

Der Uni-Campus in Potsdam-Golm soll am stärksten wachsen.
Der Uni-Campus in Potsdam-Golm soll am stärksten wachsen.Foto: Fritze/UP

Worum geht es konkret?
Ich hoffe, dass wir in den nächsten sechs Monaten die ersten Modulbauten und eine Traglufthalle in Golm sehen. Zudem stehen diverse Anmietungen privater Neubauten an. Die Hasso Plattner Stiftung schenkt der Uni einen weiteren Bau in Golm, der in etwa zwei Jahren bezugsfertig sein wird. Die ganz großen Lösungen brauchen aber fünf bis zehn Jahre. Dazu gehört der Ausbau in Golm-Nord, der neue Campus auf der Westseite des Neuen Palais und ein Neubau am Griebnitzsee.

Also müsste man das Wachstum zeitlich etwas strecken?
Das können wir nicht, da die Mittel und die Studienplätze zugesagt sind. Insofern müssen wir mit Interimslösungen starten. Wir sind in engem Kontakt mit dem Land, was finanzielle Mittel zum Bauen und Mieten angeht. Es wird vorübergehend ein bisschen eng, aber es kommt dann auch wieder zu einer Entspannung. Bei der Einstellung von zusätzlichem Personal sind wir viel schneller. Somit können wir auch die Studierenden personell adäquat betreuen.

Einige Seminare waren aber bereits zum Start dieses Sommersemesters überfüllt.
Gewisse Spitzen gibt es immer. Die Nachfrage entwickelt sich nicht immer proportional zum Angebot. Auch werden Studiengänge von uns teilweise leicht überbucht, um sie zu füllen. Dann kann es schon mal zu Engpässen kommen. Aber wir stellen dann sicher, durch temporäre Personalaufstockungen die schlimmsten Härten abzumildern.

Klein und fein war also gestern?
Größe per se ist bei uns kein Ziel. Aber aus den unterschiedlichen thematischen Erweiterungen – also insbesondere Lehramt, Digital Engineering, Gesundheitswissenschaften, Jüdische Theologie und Inklusionspädagogik – hat sich eine Wachstumsdynamik entwickelt, die das Land auch finanziell unterfüttert hat. Deswegen werden wir größer. Mit 23 000 Studierenden werden wir nicht bei Berliner Größenordnungen von um die 30 000 sein. Eine Stadt wie Potsdam mit 178 000 Einwohnern kann aber eine Forschungsuniversität unserer Größe schon vertragen. Und letztlich gewinnt die Stadt durch unsere Größe und Attraktivität an Wirtschaftskraft und kultureller Vielfalt hinzu.

Studentische Wohnungen sind aber Mangelware.
Zehn Prozent Wohnheimplätze bezogen auf die Studierendenzahl ist natürlich zu wenig, auch wenn wir im bundesweiten Vergleich damit gar nicht so schlecht dastehen. Auch die Kapazitäten der Mensen sind zu eng bemessen. Wir sind zusammen mit dem Studentenwerk dran, das zu verbessern. Aber auch hier gibt es einen großen Abstimmungsbedarf mit unterschiedlichen Landesbehörden. Wie beim Hochschulbau dauert das alles unsäglich lange.

Hat der Streit um die Lehrdeputate an der Uni auch etwas mit der Expansion zu tun?
Eigentlich nicht. Wir haben in keinem einzigen Fall das Lehrdeputat (die wöchentliche Stundenzahl der Lehrveranstaltungen von Dozenten, Anm. d. Red.) eines Mitarbeiters erhöht. Vielmehr haben wir hochschulweit geschaut, welche Bedarfe es gibt. Nun werden die entsprechenden Stellen für akademische Mitarbeiter – wohlgemerkt: zusätzliche Stellen – ausgeschrieben und besetzt. Wobei man zwischen den befristeten Stellen in der Forschung und dem unbefristeten Bereich, in dem Lehre und Service eine wichtigere Rolle spielen, unterscheiden muss. Wir haben ermittelt, was wir von den Personen brauchen, die zukünftig diese Stellen besetzen. Das variiert von vier bis zu 24 Semesterwochenstunden je nach Aufgabe. Bei rund 20 Prozent der neuen Stellen brauchen wir einen Schwerpunkt Lehre ohne eigenständige Forschung, um Basisinhalte den Studierenden didaktisch zu vermitteln. Hier halten wir 18 Semesterwochenstunden für sachgerecht.

Die Kritiker sagen, dass dadurch die Vorbereitungszeit für den Unterricht leidet.
18 Semesterwochenstunden entsprechen gut 405 Zeitstunden pro Jahr im Hörsaal. Die jährliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers pro Jahr beträgt knapp 1700 Stunden.

Sie haben sich von den Kritikern missverstanden gefühlt.
Es gab wohl unterschiedliche Erwartungshaltungen. Für die neuen Stellen in der Lehre suchen wir Kollegen, die gerne ausschließlich Lehre machen. Es gab aber wohl auch Mitarbeiter auf befristeten Stellen, die an einer unbefristeten Stelle interessiert waren, allerdings mit einem vergleichsweise niedrigen Lehrdeputat, um mehr Zeit für Forschung zu haben. Wir können aber nicht auf jede individuelle Situation eingehen, sondern sind dem öffentlichen Wohl verpflichtet. Wir müssen schauen, was wir als Hochschule brauchen und dementsprechend ausschreiben.

Der Streit wurde zum Teil sehr personalisiert ausgetragen. Sie standen dabei als Uni-Präsident im Mittelpunkt. Hat Sie das getroffen?
Ich nehme so etwas nicht persönlich. Mir ist wichtig, dass man seine Ansichten klar bekundet. Manchmal gibt es eben unterschiedliche Sichtweisen und dann müssen Entscheidungsstrukturen greifen. Manchmal ist es der Senat, manchmal eine Professorin oder ein Professor und manchmal auch der Präsident, der entscheidet. Und manchmal führt an einem Konflikt kein Weg vorbei. Dann versuchen wir, eine sachgerechte Lösung zu finden, die natürlich nicht immer allen gefällt. Grundsätzlich lässt sich aber nicht nur in Potsdam schon feststellen, dass das Diskussionsklima sich verschärft hat. Es bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die öffentliche Diskurskultur, wenn Staatsführer und Populisten lügen, polarisieren und polemisieren. Das erhöht grundsätzlich die Aggressivität in der Gesellschaft.

Haben Sie die Ängste und Sorgen angesichts der Expansionspläne der Universität vielleicht unterschätzt?
Befürchtungen, dass für die Studierenden nicht ausreichend Lehrkapazität zur Verfügung steht, sind unbegründet. Die Lehrkapazität steigt stärker an als die Studierendenzahlen, nicht nur aufgrund der neuen Stellen mit höherem Lehrdeputat. Wir sind zuversichtlich, Dozenten zu finden, die sich gerne auch in der grundständigen Lehre engagieren. Übrigens haben gerade einmal sieben Prozent unserer Dozenten ein Lehrdeputat von 18 bis 24 Wochenstunden. Demgegenüber haben etwa 80 Prozent der akademischen Mitarbeiter nur vier Stunden pro Woche zu lehren und können somit viel Zeit für die Forschung aufwenden.

Gerade Sie stehen ja eigentlich für die Idee der forschungsbasierten Lehre in Potsdam.
Natürlich. Aber man muss eben auch sehen, dass nicht jede Mittelbaustelle auch eigene Forschung impliziert. Es gibt Stellen, die ausschließlich der Lehre gewidmet sind, anders als bei der Professur, bei der die Forschung selbstverständlich dazu gehört.

Haben sich die Wogen in der Auseinandersetzung nun geglättet?
Wir gehen Stelle um Stelle vor. Die Fakultäten wurden nach ausgiebiger Abstimmung über die finalen Stellenzahlen und Deputate informiert – jetzt sind die Fakultäten daran, die Stellen auszuschreiben. Die Dekane haben auch die Möglichkeit, Deputate aufgrund von Sonderaufgaben individuell abzusenken, aber dann muss gesichert sein, dass am Ende ausreichend Lehrkapazität zur Verfügung steht, um alle Studierenden angemessen auszubilden.

Wie sieht es bei der Uni-Verwaltung aus. Hier hatte man Sorge, bei der Expansion zu kurz zu kommen?
Wir haben sehr darauf geachtet, dass die 30 Prozent Wachstum auch dort direkt ankommen. Es sind über 100 neue Stellen geplant, die nun besetzt werden. Hier hätte ich mir in der Tat gewünscht, dass dieser Aufwuchs früher stattfindet. Aber es war unerwartet schwierig, in die Organisation hinein zu kommunizieren, dass das Wachstum wirklich kommt – und nun in Personal investiert werden muss. In der Verwaltung war man da anfangs sehr zögerlich. Ich hätte mir gewünscht, dass proaktiver agiert worden wäre. Es hat mehrere Jahre gedauert, um das gesamte Haus, das bisher nur Sparen gewohnt war, auf einen Investitionskurs zu bringen.

Letztlich ist es eine Mammutaufgabe, die Hochschule als Ganzes bei der Expansion mitzunehmen. Wie kann das gelingen?
Das ist nun die Herausforderung, vor der wir stehen. Wir haben 2012 damit begonnen, die strukturelle Unterfinanzierung der Hochschulen des Landes sehr deutlich nach außen zu kommunizieren. Das war nicht immer angenehm, weil es natürlich zu Kontroversen führte – wie immer, wenn es um Geld geht. Dann kam 2014 der Landtagsbeschluss, diese Schieflage zu korrigieren. Das war ein ganz wesentlicher Durchbruch. Seitdem geht es darum, dies in der Hochschule umzusetzen. Wir haben als Präsidium regelrechte Roadshows durch die Verwaltung und Fakultäten gemacht, um die Möglichkeiten der Investitionen in Sachmittel und Personal klar zu machen. Das ging bis zu Einzelgesprächen, in denen man dann plötzlich gemerkt hat, wie es bei den Mitarbeitern „Klick“ macht.

Sie sehen die Uni weiter auf Erfolgskurs?
Tatsächlich sind im vergangenen Jahr ein paar Dinge für uns richtig gut gelaufen. Die Open-Topic-Professuren beispielsweise, vier Professuren, für die es 1200 Bewerbungen von wirklich fantastischen Nachwuchswissenschaftlern gab. Alle vier Rufe sind erteilt, drei Zusagen liegen schon auf dem Tisch. Da kommen hervorragende jüngere Wissenschaftler mit ihrem Team nach Brandenburg. Das wird uns als Hochschule wie auch die brandenburgische Wissenschaftslandschaft noch einmal stark voranbringen. Unsere Dynamik zeigt sich auch in Erfolgen wie der Ausschreibung „Innovative Hochschule“ des Bundesforschungsministeriums, wo wir als eine von nur wenigen deutschen Universitäten erfolgreich waren. Oder bei der EU-Ausschreibung „European Universities“, wo wir mit unserem Educ-Projekt eine von drei deutschen Universitäten waren, die ein Konsortium anführen. Den Exzellenzcluster des Bundes haben wir diesmal knapp verfehlt, aber wir sind nach wie vor auf einem guten Weg. Insofern bin ich guter Dinge, dass die Hoffnungen, mit denen ich vor sieben Jahren angetreten bin, sich noch erfüllen.

Nämlich?
Dass die Universität Potsdam in die Spitzengruppe der deutschen Universitäten aufschließt, trotz ihres vergleichsweise jungen Alters.

Ist es heute im Land besser verstanden, was die Wissenschaft für Brandenburg bringt?
Wir haben über das Geld gesprochen. Die entscheidende Frage ist, was dabei für das Land herumkommt. Die Wahrnehmung der Wissenschaft in Brandenburg hat sich deutlich verbessert. Auch viele Politiker, die mit Wissenschaft nicht direkt zu tun haben, verstehen nun, was wir machen, und warum das gut fürs Land ist. Wir brauchen die uns zugesagten Mittel nicht, um goldene Wasserhähne zu installieren, sondern um in Lehre, Forschung und Transfer zu investieren. Das wird langfristig dem Land nutzen. Das wird uns auch weiterhin gelingen, wenn sich die zukünftige Landesregierung entsprechend positioniert. So wird sich die BTU Cottbus-Senftenberg in den Kohleausstieg einbringen, die Viadrina in Frankfurt über ihre neue Rolle an der polnischen Grenze nachdenken und die UP ihre starke Rolle im Technologietransfer weiter ausbauen. Vor diesem Hintergrund unterstütze ich übrigens auch nachdrücklich die Bemühungen, die Agentur für Sprunginnovation nach Potsdam zu holen.

In der Lausitz wird der Bund den Kohleausstieg mit einer historisch hohen Summe begleiten. Eine Chance oder eine Überforderung?
Der Kohleausstieg muss vorbereitet und finanziert werden, da ist es unstrittig, dass der Bund sich beteiligen muss. Die Frage ist nun, was man mit dem Geld macht. Arbeitnehmer mit Mitte 50 können nicht plötzlich von Bergbau auf Medizin umschulen. Das muss man pragmatisch austarieren. Der Ausbau von Wissenschaft und Hochschulmedizin wären in der Lausitz nun machbar – und würde auch eine entsprechende Hebelwirkung nach sich ziehen. Damit kommen hochqualifizierte Menschen in die Region, die neue Ideen einbringen, Startups gründen und vielleicht auch kulturell und politisch aktiv werden. Wichtig ist aber, dass das in Synergie zu dem steht, was es im Land bereits gibt.

Sie meinen die Potsdamer Pläne?
Wir haben in Potsdam Naturwissenschaften mit internationalem Renommee, in Brandenburg/Havel und Neuruppin eine Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) und an der BTU Cottbus-Senftenberg starke Pflegewissenschaften. Gemeinsam betreiben wir die brandenburgische Fakultät für Gesundheitswissenschaften, ein zentraler Pfeiler des von der Landesregierung eingerichteten „Gesundheitscampus Brandenburg“. Diese Elemente muss man nun zusammenfügen und gemeinsam überlegen, wie der Gesundheitscampus noch sehr viel stärker als bisher in die Lausitz ausstrahlen kann.

Steht die Fakultät in Konkurrenz zu dem von der rot-roten Landesregierung angedachten Medizinstudium in der Lausitz?
Die von Uni Potsdam, BTU und der MHB gemeinsam getragene Fakultät für Gesundheitswissenschaften besteht ja bereits. Nun gibt es unterschiedliche Überlegungen, wie man die Ärzteausbildung in der Lausitz organisieren könnte. Eine eigenständige medizinische Hochschule halte ich nicht für sinnvoll, weil sie keine Schnittstellen zu den laufenden Projekten hätte, die gesamte Verwaltung neu geschaffen werden müsste und vor allem, weil eine solche Neugründung enorme Probleme haben würde, Topleute anzuziehen. Eine Ärzteausbildung, die von BTU, MHB, der Uni Potsdam und dem Carl-Thiem-Klinikum gemeinsam getragen würde, wäre hingegen eine viel bessere Lösung für die Lausitz. Man sollte in der Region generell stärker über die Organisationsgrenzen hinweg arbeiten. Wie man Potsdam-Berlin noch stärker miteinander verklammern kann zeigt der Innovationspreis Berlin-Brandenburg. Der Wissenschafts- und Transferraum Berlin-Brandenburg muss zusammen gedacht werden.

Was erwarten Sie von der neuen Landesregierung Brandenburgs, die am kommenden Sonntag gewählt wird?
Ein Bekenntnis dazu, dass Wissenschaft und Forschung gut für Brandenburg sind. Hinterher geht es natürlich um die Fragen, wie viel Geld wohin fließen soll, welche konkreten Wünsche die Politik hat, wie viel Mittel für die Grundfinanzierung zur Verfügung stehen. Wir hoffen jedenfalls, und da spreche ich für alle brandenburgischen Hochschulen, dass die finanziellen Aufwüchse von jährlich plus fünf Millionen Euro fortgesetzt werden und wir in Abstimmung mit der Landesregierung unsere Stärken weiter stärken können. Eine solche Investition wäre – wie die vergangenen Jahre gezeigt haben – eine Investition in die Zukunft des Landes.

Wäre das auch mit populistischen Kräften in einer Landesregierung machbar?
Ich hoffe, dass diese Kräfte nicht Teil der neuen Landesregierung werden. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es doch so kommen sollte, müsste man sehen, welche Gesprächspartner es auch dort für uns gibt. Die Gemengelage in diesem Lager ist ja alles andere als eindeutig, auch dort gibt es unterschiedliche Einschätzungen, was die Wissenschaft für unser Land leisten soll. Natürlich werden wir mit der Regierung arbeiten, die sich laut Wählerwunsch etabliert. Wichtig ist: Die positive finanzielle Dynamik, die die jetzige Landesregierung ganz klar auf die Spur gebracht hat, muss fortgeführt werden.

Gerade in der Brandenburger AfD gibt es auch Bezüge nach ganz rechts außen, manch ein Beobachter sieht eine demokratiefeindliche Gesinnung. Sie würden hier trotzdem die Zusammenarbeit suchen?
Unsere Campi sind Orte der Toleranz, der freien Rede und der – auch kontroversen – Debatte für alle, die sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Demokratiefeindliche Kräfte gehören definitiv nicht dazu.

Warum geht die Uni im Streit um die Rückmeldegebühren in Berufung? Sollte man den Menschen nicht das Geld zurückzahlen, das man einst zu Unrecht von ihnen genommen hat?
Es gab keine wirkliche Alternative als in Berufung zu gehen, da wir als Landesbedienstete gehalten sind, den finanziellen Schaden für das Land möglichst gering zu halten. So lange Aussicht besteht, auf dem Rechtsweg die geforderten Zahlungen nicht leisten zu müssen, müssen wir diesen Weg auch beschreiten. Es würde an Untreue grenzen, wenn wir ohne juristische Notwendigkeit diese Zahlungen leisten würden. Wir lassen nun rechtlich prüfen, ob die Forderungen verjährt sind. Wenn dem so ist, dann dürfen wir nicht zahlen.

Ist es nicht auch eine Frage der politischen Moral, ob man unrechtmäßig erhobene Gelder zurückgibt?
Wir reden über rund zehn Millionen Euro, da stellt sich auch die Frage, woher das Geld kommt. Letztlich könnten Zahlungen in dieser Höhe auch zu Leistungseinschränkungen in der Lehre führen. Anderswo spenden Alumni für ihre Alma Mater, in Brandenburg machen wir es womöglich andersherum. Ich wundere mich schon ein wenig, dass die heutigen studentischen Vertreter sich für die Rückzahlungen so stark machen, wenn das letztlich zu Lasten der gegenwärtig Studierenden gehen könnte.


Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam.
Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam.Foto: PNN / Ottmar Winter

Oliver Günther (57) ist seit 2012 Präsident der Universität Potsdam. Der Wirtschaftsinformatiker war 2017 für eine zweite Amtszeit bis 2024 wiedergewählt worden. Günther sieht die Potsdamer Alma Mater mit derzeit rund 20 000 Studierenden als „forschungsstarke Universität“. 

Unlängst ist der Potsdamer Uni-Chef von den Wirtschaftsverwaltungen der Länder Brandenburg und Berlin zum Vorsitzenden der Jury des Innovationspreises Berlin-Brandenburg berufen worden.