• Interview | Klimaexperte Fred Hattermann: „Wir unterschätzen die Extreme des Wetters“

Interview | Klimaexperte Fred Hattermann : „Wir unterschätzen die Extreme des Wetters“

PIK-Experte Fred Hattermann über Folgen und Ursachen der beiden vergangenen extremen Wetterjahre – und die Aussichten für 2020.

Der Kindermannsee im Babelsberger Park verlor im vergangenen Jahr einen großen Teil seines Wassers.
Der Kindermannsee im Babelsberger Park verlor im vergangenen Jahr einen großen Teil seines Wassers.Foto: Andreas Klaer

Herr Hattermann, vor einem Jahr haben wir über die katastrophale Trockenheit von 2018 gesprochen. Nun sieht es besser aus – oder täuscht der Eindruck?
 

2018 war ein extremes Jahr, mit extrem wenig Niederschlägen und ungewöhnlich hohen Temperaturen. Damals hatten wir das Glück, dass 2017 ein sehr feuchtes Jahr war, dadurch gab es gespeicherte Wassermengen in Flüssen, Böden, Grundwasser und Schnee. Ende 2018 wurde es dann spannend, wie wir über den Winter kommen. Denn in diesen Monaten werden die Speicher aufgefüllt, das ist sehr wichtig für Wasserhaushalt, Landwirtschaft und alles was daran hängt. In Brandenburg hatten wir dann relativ durchschnittliche Niederschläge zu Beginn des vergangenen Winters. Das hat die Bodenspeicher wieder etwas aufgefüllt – aber nicht in dem Maß, wie es hätte sein müssen. Im Grunde sind wir im langjährigen Durchschnitt geblieben, um das Defizit auszugleichen, hätten wir aber darüber liegen müssen.

Immerhin regnet es bei uns nun wieder häufiger.

Das Wasser der aufgefüllten Bodenspeicher ist noch nicht beim Grundwasser angekommen. Jetzt ist wieder sehr wichtig, was in diesem Winter passiert. Im vergangenen Winter waren es beispielsweise die extremen Schneefälle an den Alpen, die dem Rhein dann in diesem Sommer sehr geholfen haben.

Also Entwarnung für die Flüsse?

Nein, nicht wirklich. Von dem Schneefall des letzten Winters profitierten nur der Rhein und die Donau. Dagegen war zum Beispiel die Elbe, die im Riesengebirge entspringt, in diesem Jahr sehr stark von Niedrigwasser betroffen. In der Elbe wurde 2019 der niedrigste jemals gemessene Wasserstand erreicht – und das, obwohl der Wasserstand durch Talsperren in Tschechien gestützt wird. Es war praktisch keine Transportschifffahrt mehr möglich, sogar die Sportschifffahrt war eingeschränkt, der Fluss nur noch ein Rinnsal. Und auch zuvor hatte es zwei Jahre hintereinander in den Flüssen Deutschlands extreme Minima gegeben, die für die Wirtschaft teilweise schon schwierig wurden. Offensichtlich passiert so etwas auch häufiger hintereinander. Zum Teil haben wir Forscher das auch unterschätzt.

Die Elbe, die im Riesengebirge entspringt, war 2019 sehr stark von Niedrigwasser betroffen.
Die Elbe, die im Riesengebirge entspringt, war 2019 sehr stark von Niedrigwasser betroffen.Foto: picture alliance/dpa

Inwiefern?

Viele Studien gingen davon aus, dass Rhein und Donau erst in ein paar Jahrzehnten Schwierigkeiten mit Niedrigwasser bekommen. Es passiert aber eben jetzt schon.

Mit welchen Konsequenzen?

Natürlich muss man sich an solche Veränderungen anpassen. Dass es 2018 zu Engpässen bei Treibstoffen in der Rheinregion kam, lag an den Transportwegen und Lagerkapazitäten. Das muss angepasst werden. 2006 war der Rhein-Main-Airport kurz davor, den Flugbetrieb drosseln zu müssen, weil das Kerosin mit Schiffen über den – damals sehr niedrigen – Rhein geliefert wird. Es braucht mehr Lager als Puffer, aber das kostet natürlich mehr Geld. Offensichtlich ist die Infrastruktur nicht mehr an die Extreme angepasst, die wir jetzt sehen.

Was bedeutet die klimatische Entwicklung für Deutschland?

Insgesamt sehen wir über die Extreme hinweg, dass wir trockenere Böden in fast ganz Deutschland haben. Das ist eine Tendenz, die lange nicht erkannt oder beachtet wurde. Es ist im Sommer in der für Pflanzen verfügbaren Bodenzone immer weniger Wasser vorhanden. Lange wurde das als gegeben hingenommen, jetzt sehen wir aber plötzlich, dass durch die Trockenheitsextreme der Puffer für die Landwirtschaft weg ist. Nehmen Sie beispielsweise auch das Waldsterben in Sachsen, weil die Fichten nicht mehr an das aktuelle Klima angepasst sind. Hinzu kommen die warmen Winter, wodurch Schädlinge sich stärker ausbreiten. Waldbrände kommen hinzu. Dinge, die uns bislang kaum betrafen, setzen nun früher ein, als wir gedacht und auch simuliert hatten.

Ein Trend zur Dürre also?

Grundsätzlich ist es in Deutschland im Sommer trockener geworden. Aber wenn es dann mal regnet, dann fällt das heftiger aus. Das ist ein Trend, den wir gerade im Sommer sehen, langanhaltende Landregen sind gerade im Osten kaum noch ein Thema. Wir haben praktisch nur noch heftige Niederschläge, die dann zu schweren Zerstörungen und zum Teil sogar zu Todesfällen in Tallagen führen können.

Wie kommt es zu den Veränderungen der Wetterlagen?

Unsere Wetterküche ist der Atlantik, der Wind streicht zu uns und füllt sich dabei über dem Meerwasser mit Feuchtigkeit auf. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, das lässt sich exakt berechnen. Zum anderen ist es aber wärmer geworden, in Deutschland sogar schon 1,5 Grad. Die absolute Luftfeuchtigkeit, also die Menge des Wassers in der bodennahen Atmosphäre, ist dadurch gestiegen, während gleichzeitig aber die relative Luftfeuchtigkeit, relativ zur angestiegenen Temperatur, gefallen ist. Deswegen ist die Schwelle zur Wolkenbildung und Niederschlägen ein wenig höher als zuvor. Als Ergebnis regnet es in vielen Regionen seltener, dafür aber stärker. Für Land- und Forstwirte kommt erschwerend hinzu, dass wärmere Luft Hitzestress für Pflanzen und Lebewesen bedeutet. Für die bei uns heimischen Pflanzen liegt das Optimum bei rund 25 Grad. 40 oder gar 42 Grad wie im vergangenen Sommer sind extreme Stresssituationen für unsere Pflanzen.

Ein Problem sind auch langanhaltende Wetterlagen. Können Sie erklären, was dahintersteckt?

Das liegt daran, dass sich der Temperaturgradient zwischen der Arktis und dem Äquator verändert hat. Am Äquator scheppert die Sonne voll rein, dort herrscht Hochdruck und die Luft muss nach Norden strömen, weil es dort kälter ist und sich dort ein Tiefdruckgebiet bildet. Das ist der Motor für unsere Westwinde auf der Nordhalbkugel, denn durch die Drehung der Erde wird der Wind nach Westen abgelenkt. Die Arktis wird aber relativ gesehen schneller wärmer als der Äquator, weil in der Polarregion Eis abschmilzt, das zuvor durch die weiße Farbe die Wärme reflektiert hatte. Das dunklere Wasser nimmt mehr Wärme auf, das ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Weil der Temperaturunterschied zwischen dem heißen Süden und dem wärmer werdenden Norden abnimmt, wird der Motor schwächer. 

Die Westwind-Drift, die die Tiefs und Hochs bringt, nimmt ab, sie stottert und schlingert geradezu. Das führt dazu, dass Wettersysteme unter bestimmten Bedingungen gar nicht mehr weiterwandern. Daraus resultieren starke Hitzewellen und Dürreperioden, wie wir sie in den vergangenen Jahren hatten. Das kann sowohl längere Phasen von Trockenheit wie in den vergangenen beiden Sommern bringen, aber auch längere Regenphasen wie etwa 2013, als wir das Elbhochwasser hatten. Wir haben einfach länger anhaltende Wetterbedingungen, allein das führt zu einer Intensivierung der Ereignisse.

War das auch die Ursache für den heißen Sommer 2019?

In diesem Sommer hatte sich anfangs wieder ein solches Hoch über Skandinavien und Deutschland aufgebaut und wir hatten ein Tief vor Spanien. Dazwischen strömte Saharaluft nach Mitteleuropa, das führte zu Temperaturen von 46 Grad in Südfrankreich und 42 Grad in Deutschland. Das System blieb nahezu stehen – und wie auf einem Fließband kam immer wieder die Heißluft zu uns. Das führte auch zu Rekordsprüngen bei der Temperatur: nach einem Rekord von 40,5 Grad im Juni gab es kurz darauf bereits einen neuen Rekord, der gut zwei Grad darüber lag. Das sind Ereignisse, die sogar uns Klimafolgenforscher überraschen. Im Nachhinein hätte man sich das zwar denken können, aber die Modelle hatten es so nicht abgebildet. Ich gehe davon aus, dass wir die Extreme des Wetters noch unterschätzen. Das sind Dinge, die die Rechenmodelle oft ungenügend abbilden.

Was können Sie über die langfristige Entwicklung der Niederschläge sagen?

Niederschläge in einzelnen Regionen sind wesentlich schwieriger zu modellieren, als die Temperatur, bei der wir eine langfristige Bestätigung der Annahmen haben. Wenn man es allerdings großskaliger betrachtet, kann man Trends feststellen. Demnach gibt es mehr Niederschlag in West- und Nordeuropa. In Norwegen etwa haben bis vor kurzem die Gletscher sogar noch hinzugewonnen, weil es in den Wintermonaten so stark geschneit hat. Dann haben wir einen ziemlich sicheren Trend einer Abnahme der Niederschläge vom Mittelmeer über Mittel- bis Osteuropa, das reicht bis Zentralasien. Gerade in Afghanistan etwa haben die Niederschläge stark abgenommen, das zieht sich vom mediterranen Raum über das Schwarze bis zum Kaspischen Meer. Das trifft gerade Regionen, in denen es ohnehin schon Konflikte gibt. Solche Wetterbedingungen können Konflikte weiter verschärfen. In der Region wird Wasser immer stärker zu einem Druckmittel. In der Türkei werden gegenwärtig große Stauwerke gebaut. Dadurch erhält das Land einen politischen Hebel in der Region, denn Euphrat und Tigris sind für Irak und Syrien äußerst wichtig.

Fred Hattermann (49), PIK-Leiter der Forschungsgruppe „Regionale Klimawirkungen und Anpassungsstrategien“.
Fred Hattermann (49), PIK-Leiter der Forschungsgruppe „Regionale Klimawirkungen und Anpassungsstrategien“.Foto: PIK

Welches Interesse hat die Wirtschaft an Ihren Ergebnissen?

Die Versicherungen zum Beispiel haben ein großes Interesse daran, sie brauchen Statistiken über die weiteren Entwicklungen. Denn sie zahlen ja einen großen Teil der Schäden. Dafür haben wir ein großes Modellexperiment gemacht, damit die Risiken berechnet werden können. Unterm Strich sieht man dabei, dass es schon gegenwärtig mehr Extremereignisse gibt, als wir sie ohne Klimawandel haben würden. Mit entsprechenden Folgen. Nehmen Sie etwa Brücken, die müssen an die möglichen Wassermengen angepasst werden. Das gleiche gilt für Verkehrswege, Gebäude und Grundstücke. Alles muss an die neuen Extreme angepasst werden.

Gibt es auch ein gestiegenes Risiko bei den Stürmen?

Im Moment sieht es so aus, dass wir nicht mehr Stürme durch die Erderwärmung bekommen, dass diese aber heftiger ausfallen. Hinzu kommen vermehrt Stürme in Jahreszeiten, in denen die Bäume noch Laub tragen, das führt durch den größeren Widerstand zu mehr Baumbruch. In Deutschland sind durch Stürme nicht nur die exponierten Küstenregionen gefährdet, das betrifft das ganze Land.

Und was erwartet uns 2020?

Vieles deutet darauf hin, dass wir im neuen Jahr wieder ein El-Niño-Ereignis haben werden. Das ist eine Anomalie der Meeresoberflächentemperatur im östlichen Pazifik, welche auf bis zu drei Vierteln der Erde die Wettermuster beeinflusst. Während es in Teilen Ostafrikas beispielsweise mehr Regen gibt, ist es im südlichen Afrika, aber auch in großen Teilen Südostasiens und Australiens deutlich trockener. Da die Meeresoberfläche im östlichen Pazifik während eines El Niño besonders warm ist, trägt das Phänomen dadurch auch zu globalen Hitzerekorden bei.