• Integer und doch verkehrt Am Einstein Forum ging es um die Integrität

Wissenschaft : Integer und doch verkehrt Am Einstein Forum ging es um die Integrität

Richard Rabensaat

Die Integrität der eigenen Person zu erreichen sei eigentlich ein lebenslanges Projekt, findet die Philosophin Susan Neiman in Einklang mit der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan. Ohnehin sei die Definition des Begriffs recht schwierig, auch wenn sich in öffentlichen Debatten und politischen Prozessen immer wieder zeige, wie wichtig diese persönliche Qualität sei.

Nicht zuletzt um die verschiedenen Facetten einer vielleicht doch möglichen Integrität auszuloten, hat am Potsdamer Einstein Forum nun die internationale Tagung „Saints an Madmen“ („Heilige und Verrückte“) stattgefunden. Es gehe auch um die Grenzen der Integrität stellte Martin Schaad, der stellvertretende Direktor des Einstein Forum, fest. Einerseits beeindrucke eine integere Persönlichkeit dadurch, dass sie konsequent zu ihren Prinzipien stehe und diesen auch gegen Widerstände folge, wie dies ein Asket oder ein Heiliger mache. Andererseits aber könne ein hoher moralischer Standpunkt, der sich exzessiv äußere und weit ab plausibler Normen bewege, auch ins Pathologische abgleiten. „Faszinierend kann das trotzdem sein. Der Terrorist Osama Bin Laden war schließlich in asketischer Weise der eigenen Religion zugewandt und wurde von vielen bewundert“, bemerkte Schaad.

Auch der Philosoph und Publizist Karl Heinz Bohrer besprach in seinem Vortrag zu Michael Kohlhaas ausführlich die Ambivalenz moralischer Integrität. Die Kleistsche Figur des Pferdehändlers Michael Kohlhaas entfacht einen Aufstand, als ein Adliger die Pferde des Händlers erst zu Unrecht kassiert und dann zuschanden richtet. Es gehe in dem Drama weniger um die an sich recht interessante psychologische Struktur des Pferdehändlers, sondern vielmehr um einen philosophischen Konflikt, so Bohrer. „Kohlhaas ist das Musterbeispiel einer extrem integeren moralischen Persönlichkeit, die sich nicht um die Konsequenzen ihrer Handlungen kümmert“, sagte Bohrer. Angelehnt an den rächenden Erzengel Michael schildere Kleist eine Figur, die von höheren Idealen angetrieben sei, denen sie sowieso nie gerecht werden könne. „Die Psychologie kennt einen Begriff hierfür. Kohlhaas ist ein Narziss“, folgerte Bohrer.

Der „romantische Mystizismus der Seele des Pferdehändlers“ triumphiere auch dann, wenn alles in Trümmern liege und Kohlhaas mit dem subjektiven Bewusstsein aufs Schafott steige, dass jedenfalls seine moralische Integrität siege. Während Bohrer den Begriff so in eine eher abgehobene Sphäre entrückte, blieb Neiman bei ihrer Definition eher bodenständig. Die Stimmigkeit mit sich selber sei mit entscheidend für die Beurteilung der Integrität. Als Beispiel nennt sie Personen, die Palästinensern in von Israel besetzten Gebieten beistehen, wenn diese von jüdischen Siedlern bedrängt werden. „Selbst wenn die Polizei die Helfer inhaftiert, sind die Helfer mit der Situation nicht unglücklich“, so Neiman. Denn die Helfer seien mit sich im Reinen.

Sie gesteht jedoch ein, dass ihre Definition die Fragen aufwirft. Wie ist es um jemandes Integrität bestellt, der mit seinen eigenen Maßstäben im Einklang steht, aber ein Verhalten zeigt, das allgemein für moralisch verwerflich gehalten wird, wie beispielsweise einige NS-Verbrecher? Diese seien zwar häufig große Lügner gewesen, konstatiert Neiman: „Aber persönlich korrupt waren sie nicht notwendigerweise“. Festzustellen sei, dass der Begriff der Integrität auch immer einschließe, dass die Gerechtigkeit für die Gesellschaft als Ganzes mit der eigenen Handlung angestrebt werde. Das sei bei den Nazis auf keinen Fall so gewesen. „Wie gehen wir damit um, wenn wir entdecken, dass das was wir für Integrität gehalten haben, lediglich Hybris war?“ fragte schließlich der polnische Wissenschaftler Konstanty Gebert. Persönliche Integrität sei jedenfalls kein Garant für richtiges Handeln, so Neiman. Richard Rabensaat

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