Wissenschaft : Immer größere Datenberge

Forscher ermuntern auch wissenschaftliche Laien, dabei zu helfen, Forschungsdaten zu erschließen

Richard Rabensaat
Enorme Datenflut. Die Wissenschaft produziert immer größere Datenmengen.
Enorme Datenflut. Die Wissenschaft produziert immer größere Datenmengen.Foto: dpa

Mit Lichtgeschwindigkeit zoomt Matthias Steinmetz durch das Universum. Zuerst sind nur helle Punkte erkennbar. Dann tauchen mit jedem weiteren Klick auf das an die Wand projizierte Bild einzelne Sterne und Universen auf. Schließlich wirbelt ein heller Nebel durch das All, der sich spiralförmig um eine gasförmige Sonne windet.

„Jedes astronomische Forschungsprojekt gebiert Petabyte von Daten“, erklärt der Astrophysiker. Datenmanagement ist für die Wissenschaft heute zunehmend ein Thema. Fachwissenschaftler der Interdisziplinären Forschungsverbände Geo.X, Lauf e.V., Klimaplattform und Pearls haben sich dem Thema nun angenommen. Im vergangenen Jahr wurde eigens ein Fachsymposium an der Universität Potsdam dazu veranstaltet.

Immer größere Mengen an wissenschaftlichen Daten werden produziert. Damit steige auch die Notwendigkeit, weitere Kreise von Fachwissenschaftlern und die Öffentlichkeit an deren Auswertung zu beteiligen, stellte Gert Wagner vom Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten fest.

Richtungsweisend ist auf diesem Gebiet die Astrophysik. Immer weiter ins All hinein reichen die Instrumente der Forscher. Mit einer Drei-Billionen-Pixel-Kamera wird künftig das Large Synoptic Survey Telescope die Mysterien von dunkler Energie und dunkler Materie erforschen. Die ambitionierten Pläne für den Super-Foto-Apparat sehen vor, nicht nur die Fachwelt mit Bildern und Daten zu versorgen. Auch Hobby-Astronomen vor dem heimischen Bildschirm werden zum Surfen in fernen Galaxien und unendlichen Weiten eingeladen. „Astronomische Daten haben nahezu keinen kommerziellen Wert“, stellt Steinmetz fest. Daher könne die breite Öffentlichkeit dazu eingeladen werden, sich an Forschungsvorhaben zu beteiligen.

Mit Hilfe von Sterneguckern vor den PCs sei es möglich, eine Menge an Daten auszuwerten, für die häufig gar kein Fachpersonal zur Verfügung stünde. Auf der Internetseite des Hubble Weltraum Teleskops findet sich beispielsweise die Einladung, sich doch sein eigenes Portfolio von Galaxien zusammenzustellen.

Während die Astronomen erkannt haben, dass sie die selbst produzierte Datenflut alleine nicht mehr bändigen können, muss sich diese Erkenntnis bei den Sozialwissenschaftlern erst noch durchsetzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei es in sozialwissenschaftlichen Instituten und bei amtlichen Forschungsstellen oft schwierig gewesen, an dort erhobene Sozialdaten heranzukommen, konstatierte Wagner: „Der Datenschutz war oft ein Vorwand, die Daten unter Verschluss zu halten“. Das habe sich erst durch das Informationsfreiheitsgesetz von 2006 grundlegend geändert. Das Gesetz gewährt einen Zugang zu amtlichen Informationen von Bundesbehörden, der an keine weiteren Voraussetzungen geknüpft ist. Daten, Akten und sonstige systematisch erhobene Informationen stehen zur Einsicht frei. Während so die Rechtslage für Verwaltungsbehörden klargestellt ist, gebe es im wissenschaftlichen Bereich aber noch einigen Nachholbedarf, sagt Wagner. Ein Wissenschaftler, der in mühevoller Kleinarbeit Fragebögen ausgewertet und in Zahlenreihen verwandelt habe, hätte oft wenig Interesse, die Früchte seiner Arbeit dann durch die Auswertung von anderen Wissenschaftlern ernten zu lassen. Deshalb sei es notwendig, Richtlinien für das Zitieren von Datenerhebungen und sonstigen Forschungsgrundlagen zu verabschieden.

„Ein Wissenschaftler lebt von seinen Veröffentlichungen“, weiß auch Harry Enke vom Institut für Astrophysik (AIP). In Potsdam mit seinen zahlreichen außeruniversitären Forschungsinstituten sei eine enge Vernetzung von akademischer Forschung und freier Wissenschaft notwendig, aber auch bereits weit fortgeschritten, stellt die Informatikerin Ulrike Lucke fest. Wie weit die Möglichkeiten zum sinnreichen Datenmanagement bereits gediehen sind, erläutert der Agrarforscher Uwe Heinrich. Die statistischen Informationen zu seinem Aufsatz „Bei Gefälle richtig ackern“ in der Bauernzeitung sind detailliert für jede Ackerkrume im Netz nachzulesen.

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