Im Interview : „Wir merken die Lügen gar nicht mehr“

Was Susan Neiman über Fake News, Neoliberalismus, die Macht der Werbung und das ideologische Fundament von Donald Trump denkt.

Foto: privat

Frau Neiman, Sie sagen, dass wir gegenüber Fake News, Lügen und Verschwörungstheorien träge geworden sind. Wie meinen Sie das?

Wir merken diese Lügen gar nicht mehr. Wittgenstein hat bereits geschrieben, dass das Wichtigste die Dinge sind, die wir nicht mehr sehen, weil sie direkt vor unseren Augen stehen. Inwiefern beispielsweise die Werbung unser Leben prägt, merkt man erst, wenn man in ein Land ohne Werbung reist. Zum Beispiel nach Kuba, wo nicht permanent im Raum steht, dass wir immer mehr kaufen müssen, um glücklich zu werden. Dieser Mechanismus funktioniert sehr gut, auch indem man Neid erzeugt auf Dinge, die andere haben.

Sie sagen auch, dass das Ende des Sozialismus mit der Entwicklung von Fake News zusammenhängt. Inwiefern?

Zum Beispiel dadurch, dass so der Neoliberalismus befördert wurde. Damit ist der Marktwert immer wieder über den Wert der Wahrheit gestiegen. Dass die meisten Menschen nur noch durch den Wunsch, ihre materiellen Bedürfnisse zu steigern, getrieben werden, hat uns für die vulgärsten Fake News reif gemacht. Denn hier wird ein Bild der Menschen verinnerlicht, das eigentlich nicht stimmt – nämlich dass die Menschen nur noch Konsum wollen. Das war die Nachricht der Wiedervereinigung.

Aber viele Menschen wollten eben auch den Konsum.

Es geht nicht darum, dass sich niemand mehr Wünsche erfüllen darf. Es geht darum, dass unser ganzes Leben von der Werbung bestimmt wird. Die Botschaft ist immer wieder, dass wir nicht glücklich werden, bis wir das nächste bekommen. Das macht süchtig. Natürlich wollen die Menschen auch Dinge besitzen. Aber der Wunsch, bequem zu leben und materielle Bedürfnisse zu erfüllen, wird eben auch künstlich gesteigert. Jeder weiß das und jeder weiß, dass wir auch andere Bedürfnisse haben. Dennoch haben wir mittlerweile das Gefühl, dass die echten Bedürfnisse die materiellen sind.

Sie fragen, was fortschrittliche links-liberale Menschen zu dem Phänomen der Fake News beigetragen haben. Mit welcher Antwort?

Ich sehe hier mehrere Ursachen. Zum einen die postmoderne Skepsis jeder Wahrheit gegenüber. Zum anderen spielt die Evolutionspsychologie eine Rolle, die behauptet, dass alle Menschen nur von dem Wunsch getrieben sind, sich zu vermehren. Und schließlich der Neoliberalismus. Es gibt einen Menschen auf der Welt, der diese drei Ideologien verkörpert – und der wohnt jetzt im Weißen Haus.

Welche Rolle spielt der Poststrukturalismus?

Es geht um die Idee, dass es keine Wahrheiten gibt, sondern nur Narrative und Perspektiven. Menschen wie Andrew Breitbart und Steve Bannon, die Fake News verbreiten, sagen tatsächlich, dass das Studium des Postmodernismus ihnen gezeigt habe, dass es keine Wahrheiten, sondern nur Narrative gibt. Daher, sagen sie, haben sie sich entschlossen, die stärksten Narrative in die Welt setzen. Wahrheit wird hier zu einem Machtanspruch. Einst waren das zum Teil auch linksliberale Theorien, bei denen niemand daran gedacht hat, wohin das führen kann.

Wie kommen wir da wieder heraus?

Erst einmal geht es darum, die Ideen zu erkennen, die unser Leben unbewusst determinieren. Wenn sogar eine Zeitung wie die New York Times lügt, ist das ein Problem. In den USA kommen auch von seriösen Medien viele falsche Nachrichten. Das ist in Deutschland viel besser, hier wird noch viel Wert auf kritische Recherche gelegt. Wer aber Nachrichten nur aus einer Quelle bezieht, kann nicht wirklich informiert sein. Das ist natürlich zeitaufwendig, aber man muss verschiedenen Medien vergleichen, um ein stimmiges Bild zu bekommen.

Das Internet bietet doch eine schier unendliche Zahl an Quellen.

Natürlich. Aber das Internet ist auch die größte Quelle von Fake News. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Die Lehrer müssen den Schülern beibringen, wie man sich Quellen erschließt und wie man sie bewertet. Zweitens müssen Strategien gegen falsche Informationen entwickelt werden. Es ist sehr vielversprechend, was sich aktuell dazu in den USA tut. Das wird in den deutschen Medien kaum berichtet. Es gibt dort nun auf allen Ebenen – von populärem Protest bis zur juristischen Verfügung – Initiativen, die sich gegen Populismus wenden. So wurde beispielsweise der Muslim-Bann verhindert.

Trügt also der Eindruck, dass die USA anfälliger für Populismus sind als Deutschland?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Mehrheit der Trump-Wähler beziehen ihre Nachrichten von Fox-News – und das ist wirklich Lügenpresse. Das Beste, was wir haben, sind immer noch die New York Times und mittlerweile auch die Washington Post. Aber diese werden nur von einem kleinen Anteil der US-Bürger gelesen. Es gibt auch kaum staatliche Senderstrukturen wie in Deutschland, die seriöse journalistische Arbeit unterstützen.

Susan Neiman:Widerstand der Vernunft: Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag, 80 Seiten, 8 Euro, ISBN- 139783711001542.

Susan Neiman (62) ist Direktorin am Potsdamer Einstein Forum. Am Dienstag sprach sie dort über „Widerstand der Vernunft in postfaktischen Zeiten“, wozu sie jüngst auch publiziert hat.