• Geschichtstourismus in Berlin: Die Attraktion der Schattenorte

Geschichtstourismus in Berlin : Die Attraktion der Schattenorte

Geschichte erleben, das wollen viele Touristen. Auch düstere Geschichte und Orte, die mit Grauen und Leiden verbunden werden, faszinieren. Warum Berlin zu den beliebtesten Schattenorten zählt.

Hanno Hochmuth
Ein Team des "Berliner Unterwelten"-Vereins, der sich der Erforschung unterirdischer Bauten in der Haupstadt verschrieben hat, steht am Rande einer Erkundungstour eines Bunkers im Berliner Volkspark Friedrichshain.
Ein Team des "Berliner Unterwelten"-Vereins, der sich der Erforschung unterirdischer Bauten in der Haupstadt verschrieben hat,...Foto: dpa

Berlin - Wenn tagtäglich tausende Touristen durch die Stadt ziehen, lässt das die Geschichtswissenschaft nicht unbeeindruckt. Historiker beschäftigen sich nicht nur mit der Geschichte des Reisens. Auch der aktuelle Geschichtstourismus spielt eine zentrale Rolle – als Teil der Public History. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Zusammenhang von Vergangenheit und Image der Stadt: Wie lässt sich die große Anziehungskraft historisch belasteter Orte erklären? Das Reisen an Orte, die mit Tod, Leiden und Grauen assoziiert werden, wird als Dark Tourism bezeichnet.

Berlin ist da ein Spitzenreiter. Das zumindest zeigt ein etwas obskur anmutendes Ranking auf der Webseite www.dark-tourism.com. Hinter Auschwitz, Tschernobyl und Hiroshima findet sich Berlin auf Platz vier – vor den Erinnerungsstätten an den Genozid in Ruanda und vor dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in Kasachstan. Berlin sticht aus dieser Liste hervor. Es ist der einzige Ort, der nicht eindeutig durch die dunklen Seiten der Geschichte dominiert wird. Die deutsche Hauptstadt ist vielmehr ein „Schattenort“, der – um im Bild zu bleiben – Schatten als auch Licht aufweist.
Schattenorte entstehen nicht allein durch dramatische historische Ereignisse, sondern dadurch, dass den dunklen Orten des Geschehens auch öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird. Dies lässt sich an der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ nachvollziehen. Wo sich die Hauptquartiere der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamtes befanden, war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten nichts mehr zu sehen. Die nach Kriegszerstörungen geräumte Brache diente als Autodrom zum Fahren ohne Führerschein.

Erst Ende der siebziger Jahre deckten die Berliner Geschichtswerkstatt und andere Initiativen die Geschichte der nationalsozialistischen Terrorzentrale auf. Zur Internationalen Bauausstellung von 1984/87 entstand im „zentralen“ Bereich an der Mauer eine Geschichtslandschaft. Ausgrabungen gaben 1985/86 Teile der ehemaligen Folterkeller frei. Dies hatte vor allem eine symbolische Dimension, denn die Kellermauern gaben nur wenige Informationen preis. Es ging um die Aufdeckung des Verschütteten und die besondere Kraft authentischer Spuren, mochten sie materiell auch noch so unbedeutend sein. 1987 gestaltete der Historiker Reinhard Rürup auf dem Gelände eine erste Ausstellung.
Der Fall der Berliner Mauer trug auf doppelte Weise zum Erfolg dieses Ortes bei. Zum einen gesellte sich das von Mauerspechten durchlöcherte Relikt zu den Überresten des NS-Terrorapparats. Beide deutschen Diktaturen sind so auf engstem Raum „erfahrbar“, was manche Touristen überfordert: Legendär sind interessierte Nachfragen, warum Hitler eigentlich die Mauer gebaut habe. Zum anderen rückte die Topographie des Terrors mit dem Mauerfall geografisch und geschichtspolitisch ins Zentrum der Berliner Erinnerungskultur. Entgegen vielfältigen Befürchtungen zu Beginn der 1990er Jahre wollte die Berliner Republik die „Schattenorte“ der deutschen Geschichte nicht vergessen, sondern stellte sie in Gestalt einer neuartigen Schamkultur in den Mittelpunkt des eigenen Selbstverständnisses.

Verein Berliner Unterwelten führt durch alte Bunker

Kein anderer Ort demonstriert dies stärker als das Denkmal der ermordeten Juden Europas, das ursprünglich an der Stelle der Topographie des Terrors geplant war. Im Gegensatz zum Prinz-Albrecht-Gelände ist der dann gewählte Standort kein „authentischer“ Schattenort. Doch befand sich nur wenige Meter entfernt der sogenannte „Führerbunker“, an dem Hitler am 30. April 1945 Selbstmord begangen hat. Zahllose Stadtrundgänge führen zu dem unscheinbaren Parkplatz, der sich heute dort befindet, und zu einer nüchternen Informationstafel. Die Eingänge wurden 1987 gesprengt. Die Reste des Bunkers bleiben der Öffentlichkeit verschlossen, um keinen Wallfahrtsort für Neonazis zu schaffen. Der versiegelte Ort der Täter verschwindet symbolisch neben dem zentralen Ort des Gedenkens an die Opfer.

Andere NS-Bunker erfreuen sich dagegen großer Beliebtheit. Der Verein Berliner Unterwelten bietet seit Jahren Führungen durch Bunkeranlagen an, die zum Großteil aus der NS-Zeit stammen. Die Standard-Tour führt durch den „Bunker B“ im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Sie informiert über die Luftangriffe auf Berlin und das Leben in den Luftschutzbunkern, aber auch über das alte Rohrpostsystem und Brauereiwesen. In die engagierte Führung sind stets unterhaltsame Elemente eingebaut. In einem Raum, der mit fluoreszierender Farbe gestrichen ist, können sich die Besucher vor der Wand aufstellen. Dann wird für einen Moment lang eine Taschenlampe auf sie gerichtet, sodass ihre Schatten für kurze Zeit fixiert werden. Auf bildliche Weise schreiben sie die Besucher so in einen „Schattenort“ ein.

 

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Bemerkenswert ist, dass in der Regel keine staatlichen, häufig auch keine akademischen Akteure, sondern Aktivisten mit einer (geschichts-)politischen Agenda die Gedenkstätten entwickelt haben. So haben alternative Projekte zur Touristifizierung Berlins als „Rom der Zeitgeschichte“ beigetragen. Mit Blick auf die großen kommerziellen Potenziale des Berliner Geschichtstourismus treibt die landeseigene Kulturprojekte Berlin GmbH die Eventisierung der Geschichtskultur weiter voran. Im dichten Takt der Jahrestage werden die „Schattenorte“ als globale Erlebnisorte inszeniert: Nichts zeigt dies so deutlich wie die Lichtgrenze, die zum 25. Jahrestag des Mauerfalls entlang des früheren Grenzverlaufs installiert wurde.

 

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Der Text basiert auf einem Vortrag für die öffentliche Tagung „Schattenorte. Stadtimage und Vergangenheitslast“, die noch am Freitag im Potsdam-Museum am Alten Markt 9 in Potsdam stattfindet.