• Gastbeitrag über Gentechnik: Der Traum vom gentechnikfreien Land

Gastbeitrag über Gentechnik : Der Traum vom gentechnikfreien Land

Die grüne Gentechnik ist aus unserem heutigen Alltag kaum noch wegzudenken. Wer anderes behauptet, ist unehrlich. Ein Einwurf des Direktors am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm Ralph Bock.

Ralph Bock
Umstrittene Bohnen. Jedes Jahr werden Millionen Tonnen Soja nach Europa importiert und vor allem als Viehfutter genutzt. Die Bohnen stammen oftmals von gentechnisch veränderten Pflanzen wie dieser hier in Brasilien.
Umstrittene Bohnen. Jedes Jahr werden Millionen Tonnen Soja nach Europa importiert und vor allem als Viehfutter genutzt. Die...Foto: picture alliance/dpa

Potsdam - Eigentlich wollte ich zum Thema grüne Gentechnik bis auf Weiteres nichts mehr schreiben. Vor zwei Jahren hatte ich in einer Expertengruppe des Verbandes der Europäischen Wissenschaftsakademien alles zusammengetragen, was sich dazu aus wissenschaftlicher Sicht sagen lässt. Der Auftrag der Akademien war klar formuliert: streng wissenschaftliche Analyse des Status quo und des Potenzials neuer Züchtungsverfahren in der Landwirtschaft zur Sicherung der Welternährung. Beleuchtet werden sollte nicht nur die konventionelle Gentechnik, sondern auch neue Technologien, wie etwa das „Genome Editing“. Eingang in den Bericht sollten nur wissenschaftlich belegbare Tatsachen und Fakten finden, keine statistisch fragwürdigen Studien, Mutmaßungen, polemische Argumente oder Glaubensbekenntnisse. Entstanden ist ein Dokument, das der EU-Kommission und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und frei verfügbar ist (www.easac.eu/home/reports-and-statements/detail-view/article/planting-the.html). Seither verweise ich wissenshungrige Journalisten und Politiker gern auf diese bequeme Informationsquelle und erspare mir damit viele Interviews, Talkshows und Podiumsdiskussionen.

Die SPD-Bundestagsfraktion will Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen untersagen 

Dann aber fiel mir ein aktuelles Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion in die Hände. Darin heißt es: „Die SPD-Bundestagsfraktion will (…), dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen grundsätzlich und bundesweit verboten werden kann, und somit Äcker und Umwelt in Deutschland gentechnikfrei bleiben. (…) Die Bundesregierung muss sich bereits beim EU-Zulassungsverfahren gegen die Zulassung aussprechen, um konsequent gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen einzutreten.“

Ich will hier keine Überraschung über derartige Formulierungen vortäuschen und auch keine Argumente für oder gegen die Nutzung der Gentechnik ins Feld führen. Selbstverständlich hat eine Gesellschaft das Recht, frei zu entscheiden, ob sie eine Technologie nutzen will oder nicht. Ich will aber die systematische Selbsttäuschung, Scheinheiligkeit und Verlogenheit anprangern, die in der politischen Landschaft zur Gewohnheit zu werden scheint und für die der Umgang mit dem Thema „Gentechnik“ symptomatisch ist. So viel vorab: Ich halte mich für einen Demokraten und habe persönlich überhaupt kein Problem damit, dass „Deutschland gentechnikfrei bleibt“, wenn dies die Mehrheit seiner mündigen Bürger so will.

Gigantischer Milch- und Fleischbedarf ohne Gentechnik nicht mehr zu decken 

Wir sollten aber offen und ehrlich aussprechen, was ein „gentechnikfreies Deutschland“ für uns bedeuten würde. Die Nahrungsmittelproduktion in Europa hängt bereits jetzt am Tropf der Produzenten gentechnisch veränderter Nahrungs- und Futtermittel in Lateinamerika und anderswo. Unseren gigantischen Milch- und Fleischbedarf ohne Importe eiweißreicher Futtermittel, insbesondere gentechnisch optimierter Sojabohnen, decken zu können, ist schon vor langer Zeit unmöglich geworden. Jährlich werden etwa 35 Millionen Tonnen Soja in die EU eingeführt, ungefähr 65 Kilogramm pro Bürger. Über 80 Prozent der Sojaproduktion basiert auf gentechnisch veränderten Sorten, Tendenz steigend.

Da die Vorteile der neuen Sorten für die Bauern überwältigend sind, sinkt die Bereitschaft, konventionelle Sorten anzubauen, immer weiter, und das obwohl mit konventionellem Soja ein höherer Verkaufspreis erzielt werden kann. Wenn wir uns also für ein „gentechnikfreies Deutschland“ entscheiden, sollten wir auch auf gentechnische Nahrungs- und Futtermittel komplett verzichten. Vor allem sollten wir uns die Scheinheiligkeit ersparen, andere Länder diese Pflanzen für uns anbauen zu lassen, um sie dann heimlich nach Deutschland zu verschiffen, während wir uns gleichzeitig öffentlichkeitswirksam zur „gentechnikfreien“ Zone erklären. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern kommt auch einer modernen Form von Kolonialismus gleich. Ein hoher Preis, um eine Illusion aufrechtzuerhalten und eine verbrämte Ideologie weiter propagieren zu können. Aber irgendwie passend zur längst salonfähig gewordenen schizophrenen Entkopplung als problematisch empfundener Methoden von ihrem unbestreitbaren Nutzen: „Nein“ zu Tierversuchen, aber „Ja“ zu sicheren Medikamenten und Kosmetika; „Nein“ zur Gewinnung embryonaler Stammzellen, aber „Ja“ zur Forschung an importierten Stammzellen.

Produkte die mithilfe von Gentechnik hergestellt wurden sollten gekennzeichnet werden

Die Verlogenheit setzt sich bei der Kennzeichnung gentechnisch hergestellter Produkte fort. Um es vorab klar zu sagen: Ich bin für Wahlfreiheit und für transparente Kennzeichnung aller Produkte. Dies hat sich bei Bioprodukten hervorragend bewährt. Wer Bio kaufen will, erkennt es am großen Schriftzug auf der Verpackung und greift zu. Wer Bio bewusst vermeiden will, sei es aus Angst vor Keimen und Mykotoxinen oder aufgrund der regelmäßig schlechten Qualitätsbewertungen bei der Stiftung Warentest, muss nur nach Produkten schauen, wo nicht in riesigen Lettern „Bio“ draufgedruckt ist.

Genauso sollten alle Produkte gekennzeichnet sein, die mithilfe von Gentechnik hergestellt wurden. Für den von der EU eingeführten willkürlichen Grenzwert für eine Kennzeichnungspflicht ab 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile gibt es keinerlei wissenschaftliche oder sonstige Rechtfertigung. Warum sollte ein Lebensmittel mit 0,8 Prozent gentechnischer Beimischung anders behandelt werden als eins mit 1,0 Prozent gentechnischem Anteil?

Ich plädiere für eine ausnahmslose Kennzeichnung aller Produkte, die im Herstellungsprozess mit Gentechnik in Kontakt gekommen sind, mindestens aber aller Produkte, in denen die gentechnisch erzeugten Bestandteile nachweisbar sind. Alles andere erfüllt den Tatbestand der Verbrauchertäuschung, ist aber zugegebenermaßen sehr nützlich, um Ängste zu schüren, Spenden einzutreiben und die Illusion aufrechtzuerhalten, dass wir uns „gentechnikfrei“ ernähren und unsere Politiker sich dafür heldenhaft engagieren. Ich sehe das Dilemma – vollständige Kennzeichnung hieße schon heute, Gentechnikaufdrucke überall im Regal: auf vielen Lebensmitteln (vom Käse bis zur Wurst), nahezu allen Medikamenten und auch unsere schönen bunten Euro-Scheine würden einen Aufdruck tragen, der darauf hinweist, dass sie aus gentechnisch veränderter Baumwolle hergestellt wurden. Hier ist die Wahlfreiheit etwas schwieriger umzusetzen, aber Münzgeld wird momentan noch gentechnikfrei hergestellt und Kartenzahlung ist ja schließlich auch vielerorts möglich.

 Ein Leben ohne Gentechnik auf dem Teller oder im Arzneischrank ist schon heute nicht mehr möglich

Willkommen in der Realität: ein Leben ohne Gentechnik auf dem Teller, im Arzneischrank, im Portemonnaie und im Kleiderschrank ist schon heute nicht mehr möglich. Unser Fleischkonsum, unsere Abhängigkeit von Importen pflanzlicher Rohstoffe, der Preisdruck im Nahrungsmittelsektor und die Alternativlosigkeit der Gentechnik in Medizin und Pharmazie haben dafür gesorgt. Die Nostalgiker mögen das bedauern, aber es sollte uns nicht in eine bizarre Kultur der Selbsttäuschung führen, die nur durch immer skurrilere Verschleierungstaktiken und politische Winkelzüge bewahrt werden kann und über die man sich im Ausland verwundert die Augen reibt.

Ich lese weiter im Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion: „Wir wollen eine stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen, um dem Vorsorgegrundsatz der Umwelt- und Naturschutzpolitik besser gerecht zu werden.“ Was bitte, liebe SPD-Bundespolitiker, heißt das denn auf Deutsch? Wollen Sie die Forscher so lange gängeln, bis sie sich Ihren Wunschthemen zuwenden und verzweifelt versuchen, mit der zwölftausendsten Studie doch noch den Nachweis zu erbringen, dass Gentechnik Krebs auslöst, Marienkäfer tötet und Orchideen bedroht?

Liebe SPD-Abgeordnete, nutzen Sie die Gunst der Stunde: In der großen Koalition können Sie das Grundgesetz ändern und die Forschungsfreiheit abschaffen. Dann können Sie den Wissenschaftlern endlich flächendeckend die Themen verordnen, die sie Ihrer Meinung nach beforschen sollten. Und im Idealfall können Sie auch gleich die „gentechnikkritischen“ Forschungsergebnisse mitbestellen, die Sie sich zu erhoffen scheinen – weltweit mehr als zehntausend aus Steuergeldern finanzierte Studien müssen einfach irren!

Ich habe Verständnis dafür, dass unsere vielbeschäftigten Berufspolitiker nur begrenzte Zeit aufbringen können, um sich in ein ihnen weitgehend fremdes Thema einzuarbeiten, über das sie parlamentarisch entscheiden wollen oder sollen. Dies gilt umso mehr, wenn das fragliche Thema umfangreiches Hintergrundwissen über komplexe wissenschaftliche und ökonomische Zusammenhänge verlangt. Aber vielleicht hätte ja ein unabhängiger wissenschaftlicher Berater den SPD-Abgeordneten erklären können, dass es keinen Sinn macht, Herstellungsverfahren regulieren zu wollen, anstatt Produkte und ihre Eigenschaften zu bewerten, wie es sich seit Jahrhunderten bewährt hat.

Konventionelle Erdbeeren sind für Allergiker gefährlich, Gen-Kartoffeln nicht

Eine konventionell gezüchtete Erdbeere ist für den Allergiker gefährlich, eine gentechnisch veränderte krankheitsresistente Kartoffel ist es nicht. Im Zeitalter der „Genome Editing“-Technologien werden gentechnische Veränderungen ohnehin zunehmend ununterscheidbar von natürlich entstandenen Mutationen. Damit hat man sich mit der politisch motivierten Entscheidung, anstatt der neuen Eigenschaften einer Pflanzensorte das Verfahren ihrer Erzeugung in den Mittelpunkt der Zulassungsverfahren zu stellen, endgültig in eine Sackgasse manövriert. Wie will man etwas regulieren, dessen gentechnischer Ursprung sich im Zweifelsfall nicht einmal nachweisen lässt? Wie kann man dann noch garantieren, dass „Deutschland gentechnikfrei bleibt“? Ich bin sicher, ein mehr oder weniger plumper Kniff wird auch dafür gefunden werden, gegebenenfalls unter Aushebelung aller Gesetze der Logik.

Viele Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler sehen unsere Welt als eine zyklische Abfolge immer wiederkehrender Epochen. Vielleicht haben sie Recht und wir müssen einfach nur zur Kenntnis nehmen, dass das Zeitalter der Aufklärung vorbei ist: Parawissenschaft und Okkultismus sind wieder an der Reihe!

 

 

 

Der Autor ist Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. Seine Forschung ist öffentlich gefördert, Zuwendungen von der Gentechnikbranche oder der Protestbewegung erhält er nicht. Er steht allen politischen Parteien in diesem Land fern und betrachtet sich auch sonst in seiner Meinungsbildung als unabhängig. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Essays, der zuerst im „Laborjournal“ erschienen ist.