Wissenschaft : Frauen und Treppen

„Objektiv Subjektiv“: Kunstdozent Wilfried Grössel von der Uni stellt in der Historischen Mühle aus

Moritz Reininghaus

„Objektiv Subjektiv“: Kunstdozent Wilfried Grössel von der Uni stellt in der Historischen Mühle aus Von Moritz Reininghaus Die Treppe dominiert den Raum. Wer sich auf der Wendeltreppe der Historischen Mühle im Park von Sanssouci nach oben schraubt, kann sich eines gewissen Schwindelgefühls nicht erwehren. Dreht er sich dann im zweiten Stock angekommen um die Treppe als Raummittelpunkt, um die 18 Bilder an den acht Wänden zu betrachten, wird er leicht jeder Orientierung verlustig. Nur der Schatten der sich drehenden Windmühlenflügel fällt durch die Fenster, durchschneidet regelmäßig den Raum. Wenigstens ein Anhaltspunkt in der Zeit ist gegeben. Eine junge Frau schreitet von Anmut getragen die Treppe hinab und verschwindet im Dunkel. Nicht in der Mühle, sondern auf einem der Bilder in der Mühle. „Treppab“ vereint die beiden Leitmotive der Werke von Wilfried Grössel: Treppen und junge Frauen. Auf acht der Acrylgemälde sind Treppen, auf 15 junge Frauen. Sechs immerhin vereinen beides: Frauen auf Treppen. Ja sicher könne er auch Männer malen, sagt der Künstler. Nur Lust habe er dazu keine. Zumal er, der Dozent für angehende Kunstpädagogen an der Universität Potsdam, mehrheitlich mit jungen Frauen zu tun hat. Die faszinieren ihn einfach mehr als Männer. Die Treppen zu erklären sei schon schwieriger, so Grössel, dem man auch inmitten seiner eigenen Werke anmerkt, dass er viel über Kunst redet. Natürlich stünden ihm tiefenpsychologische Erklärungen zur Verfügung. So sei ihm, bereits als er die Bilder malte, die Mühle mit ihrer Treppe als Ausstellungsort bekannt gewesen. Auch sei die in der Dunkelheit endende Treppe in ihrer psychoanalytischen Bedeutung hinreichend erforscht, erläutert der Maler, um dann den Versuch einer Selbstinterpretation letztendlich doch mit einem Schulterzucken aufzugeben: Wirklich erklären könne man die Motivwahl wohl nie – wahrscheinlich sei einfach die ästhetische Faszination ausschlaggebend. Grössels Gemälde sind Momentaufnahmen, teilweise wie Mehrfachbelichtungen. Die Frau in dunklem Gewand hat sich verdoppelt, ist ein Stückchen weiter unten auf der Treppe nochmals zu erkennen, womit die Bilder ihren Charakter als Abbild eines einzelnen Moments verlieren. Realistische Momentaufnahmen bleiben sie dennoch. Denn Grundlage für die Gemälde sind Fotografien, die der 1950 in Babelsberg geborene Künstler teilweise am Computer zusammenfügt, bevor er sie malerisch variiert und so behutsam von der fotografischen Grundlage abhebt. Für ihn, der in den letzten Jahren fast nur Computergrafiken und Videoprojekte realisierte und erst 2004 wieder begonnen hat zu malen, ist das Objektiv der Kamera auch programmatisch im ebenso viel, wie nichts sagenden Titel der Vernissage zu verstehen: „Subjektiv Objektiv“. Das objektiv scheinende Bild der Kamera, wird von der subjektiven Hand des Malers variiert, um das Subjektive im dargestellten Objekt herauszustellen. Dass sich Grössel dabei oft selbst zitiert, eigene Bilder zum Motiv macht, schließt logisch den Bogen. Über die wenig erbauliche Beleuchtungssituation in der Mühle – die Bilder werden vom kalten Licht gewöhnlicher Leuchtstoffröhren erhellt, zudem schaut man beständig gegen das Tageslicht, das durch die Fenster scheint – ist der Künstler eigentlich gar nicht traurig. Schließlich hat er die Bilder in ebensolchem Licht gemalt: Zuhause, im Arbeitszimmer – aus Liebe zur Familie hat er kein Atelier. Deshalb auch der Umstieg vom geruchsintensiven Öl auf das schnell trocknende Acryl. Ganz ohne Treppe, freilich nicht ohne Frau, kommt das bemerkenswerte Bild „Schirme“ aus. In einem Licht überfluteten Raum liegen zwei Schirme in kräftigem Orange. Sie dominieren den Raum nahezu völlig, stünde nicht als weißer Schatten eine Geigerin am Fenster. Hier löste sich Grössel vom fotomimetischen Realismus und schuf ein faszinierendes Bild, dessen weiß blendende Unschärfe lediglich von den sich scheinbar stetig ausdehnenden Schirmen bedroht ist. Anders als bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonnabend, als man sich regelrecht auf den Füßen stand, verirren sich unter der Woche nur wenige Besucher in die Mühle. Nur selten knallt der Absatz eines Damenschuhs auf der Treppe. Sobald auch dieser wieder verschwindet, bleibt eine verwaiste und Schwindel erregende Wendeltreppe zurück, die sich in der Dunkelheit verliert. Die Ausstellung „Subjektiv Objektiv“ ist bis zum 30. Oktober in der Historischen Mühle im Park Sanssouci zu sehen.