Forschung in Potsdam : Wie Stadt und Bewohner mit Hitze klarkommen

Forscher der Uni Potsdam wollen herausfinden, wie die Stadt mit Hitze zurechtkommt und was sie von anderen Kommunen zum Thema Klimaanpassung lernen kann.

Aus den Ergebnissen der Befragung sollen konkrete Anhaltspunkte für die Stadtverwaltung abgeleitet werden.
Aus den Ergebnissen der Befragung sollen konkrete Anhaltspunkte für die Stadtverwaltung abgeleitet werden.Foto: Sebastian Gabsch

Potsdam - Es war der drittwärmste Sommer seit Aufzeichnungsbeginn. Was für die einen eine Freude war, fiel anderen hingegen zur Last: die Hitze. Wissenschaftler der Uni Potsdam wollen nun mit Kollegen vom Leibniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner für das Projekt „ExTrass“ herausbekommen, wie die Potsdamer mit Hitzewellen zurechtkommen. Seit Mitte August laufen dazu Befragungen. Parallel dazu wollen die Forscher herausfinden, wie es um die Klimaanpassung in deutschen Städten steht – und welche erfolgreichen Maßnahmen einzelner Kommunen übertragbar sind. Dazu schauen sie sich Remscheid, Würzburg und Potsdam im Vergleich an. Für das Vorhaben kooperieren die Potsdamer und das IRS mit der Denkfabrik adelphi aus Berlin und der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Schutz für die Einwohner

Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Städte besser vor extremer Hitze zu schützen. Die Wissenschaftler interessiert besonders, wie die Einwohner Hitze wahrnehmen, welche Auswirkungen sie erleben und welche Risiken sie erkennen. „Wir wollen auch herausfinden, wie sich die Menschen persönlich an die Extremereignisse anpassen“, erklärt die Projektleiterin Annegret Thieken vom Institut für Umweltwissenschaften und Geographie der Uni Potsdam. Auch soll erkundet werden, welche Orte im privaten wie auch im öffentlichen Raum als besonders erholsam oder belastet erlebt werden.

Die Ergebnisse der aktuellen Befragung werden Ende des Jahres erwartet. Eine erste Befragung auf der Landesgartenschau in Würzburg im vergangenen Jahr hatte ergeben, dass Hitzewarnungen in der Öffentlichkeit nur wenig wahrgenommen werden. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Annegret Thieken im PNN-Gespräch. Eigentlich sollte man meinen, dass die offiziellen Warnungen, die in den Medien sehr präsent sind, auch ankommen.

Doch gerade an den sehr heißen Tagen des Sommers 2018 hätten nur etwa zehn Prozent der befragten Besucher der Gartenschau gewusst, dass es eine Hitzewarnung für diesen Tag gab. „Angepasst hatten sich viele zum Glück dennoch“, so Thieken. Das Thema wollen die Forscher in der aktuellen Befragung noch vertiefen. Eine Frage dabei ist auch, wie man den Informationsfluss verbessern kann.

Besucher schätzen Parkanlagen

Die aktuellen Befragungen in den drei Städten werden im Auftrag der Potsdamer Universität von einem Marktforschungsinstitut vorgenommen. Pro Stadt werden 300 zufällig ausgewählte Haushalte angerufen und telefonisch befragt. Zusätzlich haben Bürger der drei Städte gegenwärtig die Möglichkeit, sich online unter www.hitze-befragung.de zu beteiligen. Seit Mitte September nun wird zudem Fachpersonal in Arztpraxen, Apotheken, Pflegeeinrichtungen und Kindertagesstätten befragt.

Voruntersuchungen in Bachelorarbeiten haben für Potsdam ergeben, dass Besucher im Sommer die Parkanlagen sehr schätzen. Sehr auffällig sei bei allen Untersuchungen, dass Wasserflächen besonders geschätzt werden. Sowohl zum Verweilen am Ufer als auch – von meist jüngeren Befragten – direkt zur Abkühlung, auch wenn die Gewässer dafür nicht gedacht sind. Für Veranstalter und Parkverwaltungen ergibt sich daraus auch ein Problem: Denn mehr mit Wasser zur Abkühlung zu arbeiten, sei auch aus hygienischen und versicherungstechnischen Gründen schwierig. „Das ist bedauerlich, hier liegt noch viel Innovationspotenzial.“

Eine Frage dabei sei auch, wie die Kommunen hier unterstützen können, etwa wenn es um Grünflächen, Beschattung und Abkühlung geht. Daher werde in der Umfrage explizit auch nach der Nutzung, dem Zustand und den Sicherheitsaspekten von Grünflächen gefragt. „Wir wollen ganz konkrete Anhaltspunkte für die Stadtverwaltungen herausfiltern.“

Bauleitplanung wird untersucht

Neben der Bevölkerungsbefragung wird in dem Projekt auch das Stadtklima insgesamt untersucht, wobei es unter anderem um Aspekte wie Anpassung und Bauleitplanung geht. So dürfe beispielsweise in Kaltluftschneisen nicht gebaut werden. Das werde jetzt auch in Potsdam erforscht, dafür wurden eigens drei neue Wetterstationen errichtet, die Hitzebelastungen in Wohngebieten erfassen. Die Ergebnisse sollen in eine Stadtklimakarte einfließen. Vorbild dafür sind Würzburg und Remscheid, wo es solche Karten bereits gibt. In einem zweiten Schritt soll es darum gehen, wie die Ergebnisse in der Bauleitplanung berücksichtigt werden können. „Das ist kein einfaches Unterfangen, dafür braucht es abgestimmte Checklisten, um abzuklopfen, ob Bauvorhaben sich negativ auf das Stadtklima auswirken“, erklärt Thieken. Die drei Städte stehen durch das Uni-Projekt nun dazu im Austausch.

Alle drei Städte sind bei der Klimaanpassung in verschiedenen Bereichen bereits aktiv: Würzburg hat mit Stadtklimakarten und Bauleitplanung früh angefangen. Von dort kommt auch die Idee von Förderprogrammen zur Stadtbegrünung in besonders überhitzten Stadtteilen. Remscheid hat den Schwerpunkt auf Starkregen gelegt, Potsdam hat viel zum Klimaschutz getan, nun wird hier das Thema Anpassung wichtig. Dass sich Potsdam bereits recht früh gegen ein Kohlekraftwerk zur Energieversorgung entschieden hat, nennt Thieken für das Kohleland Brandenburg „eine bemerkenswerte Entscheidung“.

In Potsdam sei die Zusammenarbeit mit der in der Stadt stark vertretenen Klimaforschung deutlich zu bemerken. „Das ist gut für die Stadt, hier besteht die Chance, den neuesten Stand der Forschung direkt in Planungen zu berücksichtigen.“

Nicht leicht zu vereinbaren: Weltkulturerbe und Hitze

Eine Herausforderung für Potsdam sei es, den Weltkulturerbestatus mit Klimaschutz und Anpassung zusammenzubringen. Das betreffe nicht nur die Parks, sondern auch die Gebäude, etwa bei der Wiederherstellung des Alten Marktes. „Das hätte man beispielsweise ganz anders und grüner gestalten können“, so Thieken. Hier liege ein großes Konfliktpotenzial in der Stadt: die Frage, ob man sich stärker am historischen Vorbild orientieren will – oder ob Effekte der Klimaanpassung stärker berücksichtigt werden sollten.

Dass nun in der Landeshauptstadt der Klimanotstand ausgerufen wurde, sei eine weitere Herausforderung. „Es sollte dabei auch immer berücksichtigt werden, was die Bürger umtreibt, welche Wünsche hier bestehen, und diese in die Planung einfließen zu lassen“, sagt die Geoökologin. Sie nennt die Frage der Mobilität, ein wichtiges Feld beim Klimaschutz. „Das Auto hat für viele Menschen eine wichtige Bedeutung, jederzeit mit einem eigenen Wagen mobil zu sein, gerade wenn man es spontan für familiäre Belange braucht“, sagt Thieken.

Hier seien innovative Lösungen gefragt. Daher haben die Forscher nun auch gefragt, wie sich die persönliche Belastung durch Hitze auswirkt, wenn beispielsweise Kinder betreut oder Familienmitglieder gepflegt werden müssen. „Die Frage ist, wie relevant das ist und welche Entlastungsmöglichkeiten es für solche Mehrfachbelastungen gibt.“