• Forscher haben 45 Jahre DDR-Zeitung digitalisiert: Über die Parteilinie hinaus

Forscher haben 45 Jahre DDR-Zeitung digitalisiert : Über die Parteilinie hinaus

Richard Rabensaat
Historisches Dokument. Die Ausgabe des „Neuen Deutschlands“ vom 29. Mai 1958. Abb: Bundesarchiv
Historisches Dokument. Die Ausgabe des „Neuen Deutschlands“ vom 29. Mai 1958. Abb: Bundesarchiv

Der „Bestarbeiter“ war ein Vorbild. Nach ihm wurden in der DDR Straßen benannt. Neben dem „Bestarbeiter“ findet sich die „Frösi“. Zum „Fröhlich sein und singen“ wurden die Kinder von der gleichnamigen Zeitschrift aufgerufen. Die wollte für den Sozialismus mobilisieren, lieferte aber auch Comics, Bastelbogen und wissenschaftliche Artikel auf kindgerechtem Niveau. Ein Glossar des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) auf der Site www.presseportal.zzf-pdm.de nennt die Titel. Sie stammen aus Zeitungen der DDR, deren Ausgaben aus vier Jahrzehnten nun auf dem Internetportal Zefys zu finden sind.

Die ZZF-Wissenschaftler Karsten Borgmann und Christine Bartlitz haben das Glossar erarbeitet. „Wir haben versucht, aus heutiger Sicht einen Kontext für die Artikel zu schaffen“, erläutert Karsten Borgmann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter das Projekt begleitet hat. Wichtig sei es dem ZZF, dem Nutzer eine Möglichkeit an die Hand zu geben, sich in den immerhin 45 Jahre umfassenden Zeitungsberg eine Orientierung zu liefern.

Die DDR und wie sie war zeigen die Ausgaben des „Neuen Deutschland“, der „Berliner Zeitung“ und der „Neuen Zeit“, die das ZZF in Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek (Stabi) ins Internet gestellt hat. Vom Beginn des Erscheinens bis zum Jahr 1990 beziehungsweise 1994 (Neue Zeit) haben Mitarbeiter der Stabi die Blätter digitalisiert und aufbereitet. Auf dem Portal Zefys (Zeitungsinformationssystem) bei der Staatsbibliothek können die Ausgaben und Artikel eingesehen und darin recherchiert werden.

Das ZZF hat das Digitalisierungsprojekt wissenschaftlich betreut. Im ZZF-Portal ist zu erfahren, dass DDR-Bildagenturen sich vorsorglich Bildmaterial über „die katastrophalen Zustände in amerikanischen Städten“ besorgten, als der Sowjetchef Nikita Chruschtschow im Jahre 1959 erstmals die USA besuchte. Die Artikel auf dem Portal des ZZF haben Mitarbeiter des Instituts verfasst. Das Portal erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit. „Wir wollten keinen neuen Forschungsstandart erarbeiten“, gesteht Borgmann. Das sieht auch Almut Ilsen so, die das Projekt für die Staatsbibliothek betreut hat. „Die in dem Portal versammelten Zeitungen vermitteln aber schon einen Überblick über das Leben in der DDR“, findet Ilsen. Zwar würden die Leitartikel und die politischen Artikel der offiziellen Politik der DDR entsprechen. Aber im Feuilleton und insbesondere auch bei den Klein- und sonstigen Anzeigen scheine die inoffizielle Seite und das Leben außerhalb der Parteidisziplin auf. Nicht zuletzt deshalb erfreue sich das Portal großer Beliebtheit und konnte im vergangen Juni bereits auf eine halbe Million Besucher zurückblicken.

Seit das von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderte Projekt vor vier Jahren begann, sind die Zeitungsausgaben sukzessive ins Internet gewandert. Mit Schlagwörtern kann in den Ausgaben sämtlicher Jahrzehnte recherchiert und gestöbert werden. „Historiker, Sprachwissenschaftler, Publizisten, aber auch Leute ohne wissenschaftliches Interesse nutzen das Portal“, weiß Ilsen. In einem Aufsatz hat sie am Beispiel der Lebensmittelmarken der DDR dargestellt, wie vielfältig die Nutzungsmöglichkeiten sind. Bis zu der heutigen Informationsfülle sei es allerdings ein steiniger Weg gewesen, erklärt sie. Vor der Nutzung der Texte mussten die Urheberrechte geklärt werden. Die Zeitungen seien allerdings sehr kooperativ gewesen. Sie hätten bei Ausgaben, die im Bestand der Bibliotheken nicht vorhanden waren, gerne ausgeholfen.

Die mechanische Abtastung und anschließende Digitalisierung der Zeitungsinformationen ist allerdings nicht nur bei Bildern und Anzeigen auf Schwierigkeiten gestoßen. Der eingelesene Text eines Artikels aus der Berliner Zeitung vom 2. Juni 1945 erklärt unter der Überschrift „Dh Illusion uom Hainzelmannmen“, dass der Wiederaufbau nach dem Krieg wohl nicht von Wichtelmännern übernommen werde. Zum Glück steht der Originalartikel in gut lesbarer Form neben dem Kauderwelsch. Richard Rabensaat

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