Wissenschaft : Faszination Arktis

Seit vielen Jahren arbeiten Potsdamer Polarforscher in der Arktis. Nun gibt es eine Ausstellung dazu

Richard Rabensaat

Seit 1988 reist Wolfgang Hubberten vom Alfred-Wegener-Institut Potsdam (AWI) jedes Jahr in die arktische Polarregion, um dort Messungen im Eis und im Boden vorzunehmen. Die Forschungsstation des AWI im sibirischen Lena-Delta wurde 1998 errichtet und war zunächst eher ein improvisiertes Lager. Als 2010 der russische Präsident Wladimir Putin die Station acht Stunden lang besuchte, war er zwar begeistert von den Forschungsarbeiten, aber erstaunt über den niedrigen Lebensstandard. Er stellte prompt hinreichend Gelder bereit, um eine komfortable neue Station zu errichten.

Die jahrzehntelange Forschung hat sich gelohnt. Erstmals ist es den Forschern des Potsdamer AWI nun gelungen, mit einer geochemischen Methode aus der Gletscherforschung Klimadaten aus jahrtausendealtem Permafrost-Grundeis zu entschlüsseln (s. Text oben). Nun können Forscher genauere Auskünfte über den Temperaturanstieg der vergangenen Jahrhunderte machen. „Es ist aber nicht klar, wie sich dieser Anstieg im Detail auswirkt“, betont Hubberten. Einige Entwicklungen seien eindeutig: dass der vom Mensch verursachte Treibhauseffekt den Temperaturanstieg der Atmosphäre beeinflusse und so das Eis der Arktis im Sommer viel länger und in größerem Umfang taue als früher. Durch das Auftauen der arktischen Küstenregionen geraten ganze Dörfer in Bedrängnis und müssen umgesiedelt werden. Kleine Bäumchen wachsen plötzlich an Stellen, an denen sich zuvor keine Flora befunden hatte. Unklar sei jedoch, wie sich das Auftauen des Eises, das sich im Boden befindet, auf die Atmosphäre und den Treibhauseffekt auswirke. Denn im Bodeneis sei viel Kohlenstoff gebunden. Taue das Eis, so werde Kohlendioxid und Methan freigesetzt, Gase, die den Treibhauseffekt beschleunigen. „Ob sich dort im Boden eine ‚Methanbombe’ befindet, weiß niemand“, stellt Hubberten fest.

Die Veränderung der arktischen Landschaft und deren Auswirkungen auf das globale Klima sind auch das Thema der Ausstellung „Spirale der Arktis“ in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum. Auch die Faszination der Landschaft soll vermittelt werden. „Es ist eine ganz einzigartige Erfahrung von Weite und Stille, die dort in der Arktis herrscht“, stellt die Polarforscherin Sina Muster vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam fest. Zusammen mit der Potsdamer Designerin Geertje Jacob hat sie die Ausstellung entworfen. Mit einem Kopfhörer kann der Besucher der arktischen Stille lauschen. Gelegentlich sind Vogelschreie, das Rauschen des Windes oder das Rascheln des Grases zu hören. Die Arktis als „Kühlschrank der Erde“, als den Punkt, an dem sich globale Wasser- und Luftströme abkühlen und so das weltweite Klima maßgeblich beeinflussen, möchte die Ausstellung erfahrbar machen, erklärt Sina Muster.

Dem Permafrost, also dem dauerhaft gefrorenen Boden, gilt das Forschungsinteresse der Wissenschaftler. „Wie schnell taut der Permafrost? Warum taut er an einigen Stellen langsamer, an anderen Stellen schneller?“, fragt Sina Muster. Das Eis, das die Arktis im Winter bedeckt, schmilzt im Sommer auf immer größeren Flächen. Die dann frei werdende Erdschicht speichere die Sonnenstrahlen und reflektiere viel weniger Sonnenstrahlen als das helle Eis. Dadurch steige die Temperatur in den vergangenen Jahren in deutlich messbarem Umfang, so die Geoforscherin. Ursache sei die vom Menschen gemachte Freisetzung von Treibhausgasen seit Beginn der Industrialisierung, denn eine vergleichbar starke Erwärmung sei in keinem Jahrhundert zuvor gemessen worden. Dies wolle sie mit der Ausstellung deutlich machen.

Die „Spirale der Arktis“ zeigt Ergebnisse von drei Forschungsreisen eines Teams, an dem Sina Muster beteiligt war. Ziel war der Polar Bear Pass auf Bathurst Island in der kanadischen Arktis. Die Station liegt an einer Reiseroute der Eisbären, die sich aber in der Regel wenig um die Forscher kümmern, so Sina Muster. 15 Flugstunden und fünf Flugzeuge sind notwendig, um dorthin zu gelangen. „Unendliche Horizonte, totale Stille, kunstvolle Wolkenformationen, leuchtende Tundra in der Mitternachtssonne, zarte Blumen auf ödem Grund und einzigartige Tierbegegnungen erwarten die Forscher dort“, heißt es im Ausstellungstext. Von Mitte Mai bis August schmilzt das Eis und gibt dann die weite Landschaft aus Stein, Geröll und Erde frei. Dort zu forschen sei ein ganz besonderes Erlebnis, erzählt die Potsdamer Polarforscherin Sina Muster. Richard Rabensaat

Die Ausstellung „Spirale der Arktis“ ist noch bis zum 26. Februar in der Wissenschaftstage, Bildungsforum, Am Kanal 47, 4. OG, Raum Gundling, zu sehen. Geöffnet ist Mo.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 10-14 Uhr.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!