Erweiterte Metropolenregion : Berliner zieht es in die Mark

Regionalforscher haben festgestellt, dass es in Brandenburg nun auch im „Städtering“ jenseits des Speckgürtels Zuzüge gibt. Meist kommen mittlerweile mehr Menschen aus Berlin und dem Umland als wegziehen. Zunehmend sind auch Heimkehrer dabei.

Reurbanisierung. Das sanfte Wachstum zeigt sich vor allem in den sanierten Stadtkernen wie hier in Luckenwalde. Die Kommunen brauchen nun allerdings auch Zuzugsstrategien.
Reurbanisierung. Das sanfte Wachstum zeigt sich vor allem in den sanierten Stadtkernen wie hier in Luckenwalde. Die Kommunen...Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Bildfunk

Potsdam/Erkner - Die aktuelle Debatte um den Masterplan „Hauptstadtregion“ hat gezeigt, dass sich Städte und Gemeinden außerhalb des seit Jahren wachsenden „Speckgürtels“ um Berlin übergangen fühlen. Wie nun aktuelle Untersuchungen von Regionalforschung zeigen, wohl zu Recht. Denn Brandenburg blutet nicht nur an seinen Rändern aus – im sogenannten zweiten Ring, den Städten außerhalb des direkten Umlandes von Berlin wächst es auch wieder. Die Regionalforscher sprechen hier von einem „sanften Wachstum“ und von einem „erweiterten Metropolenraum“. Mittlerweile weisen demnach Städte wie Jüterbog, Neuruppin, Eberswalde, Luckenwalde oder auch Brandenburg/Havel positive Wanderungssalden mit Berlin auf. „Es ziehen mehr Menschen aus der Hauptstadt dorthin als umgekehrt“, erklärt Henning Boeth vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner.

Berliner ziehen wieder stärker in den suburbanen Raum

Bereits seit Anfang der 1990er Jahre profitieren Klein- und Mittelstädte im direkten Berliner Umland von der Zuwanderung aus Berlin. Die Bundeshauptstadt wächst inzwischen selbst zwar auch, aber der Zuzug kommt am stärksten durch internationale Zuwanderung. Gleichzeitig gibt es den Trend, dass Berliner wieder stärker in den suburbanen Raum ziehen. „Das sind zwei Trends, die gleichzeitig wirken“, so Boeth. Das Wachstum im Speckgürtel war um den Jahrtausendwechsel etwas zurückgegangen, hat nun aber in den vergangenen Jahren wieder angezogen. Jetzt kommt, wie aus den Daten des Landesamtes für Statistik hervorgeht, die Zuwanderung in den zweiten Ring hinzu. Ein absolutes Bevölkerungswachstum ist hier zwar aufgrund der geringen Geburtenrate noch die Ausnahme, aber es kommen meist mehr Menschen als wegziehen.

Der Blick in die Statistikdaten bestätigt die Einschätzung der Forscher: mit ein paar Ausreißern und Unregelmäßigkeiten in den vergangenen Jahren in Cottbus und Luckenwalde geht es in Brandenburg/Havel, Frankfurt (Oder), Eberswalde, Jüterbog und Neuruppin hingegen zwischen 2005 und 2017 ungebrochen nach oben. Die Zahl der Fortzüge überwiegt nur in Frankfurt (Oder) und Cottbus, aber auch hier mit rückläufiger Tendenz. Immerhin konnte Cottbus 2017 die höchste Zahl der Zuzüge aus Berlin verzeichnen (454, was allerdings durch 603 Fortzüge einen negativen Saldo ergab). Den besten Zuzugs-Saldo hatte 2017 Eberswalde wo 431 Zuzüge 274 Fortzügen gegenüber standen.

Erweiterter Metropolenraum. Mittlerweile weisen Städte wie Jüterbog, Neuruppin, Eberswalde, Luckenwalde oder Brandenburg/Havel positive Wanderungssalden mit Berlin auf. 
Erweiterter Metropolenraum. Mittlerweile weisen Städte wie Jüterbog, Neuruppin, Eberswalde, Luckenwalde oder Brandenburg/Havel...Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Aber auch aus anderen Regionen kommen mittlerweile Neubürger in die besagten Städte. In erster Linie kommen die Zuzügler aus dem direkten Umland der Städte, doch die erwähnte Zuwanderung aus Berlin entwickelt sich seit einigen Jahren ebenfalls positiv. „Hier ist ein eindeutiger Trend zu erkennen, der von den Kommunen auch so bestätigt wird“, erklärt Boeth. „Nach dem Speckgürtel rücken nun einige Städte im weiteren Metropolenraum langsam in den Fokus.“ Und noch ein weiterer Trend ist aus den statistischen Daten des Landes sehr gut zu erkennen: neben der Zahl der Zuzüge aus Berlin nimmt auch die Zahl der Fortzüge stark ab. Es bleiben also mehr und mehr Bewohner in den Städten des „Städterings“. Der Fortzug nach Berlin scheint nicht mehr so attraktiv zu sein wie noch vor rund zehn Jahren.

Es kommen hauptsächlich Familien

Das Wachstum ist zwar noch ein zartes Pflänzlein, geht es doch insgesamt um rund 100 Menschen die pro Ort jährlich mehr kommen als gehen. Immerhin könnte die Entwicklung aber dem alten Leitbild der Dezentralen Konzentration aus den 1990er Jahren, das seinerzeit Wachstumsdruck von Berlin in den Brandenburger Städtekranz umleiten sollte, wieder zu neuem Leben verhelfen: „Nach Jahren der Schrumpfung 2005 ad acta gelegt, erlebt das Konzept jetzt möglicherweise ein Revival,“ meint der IRS-Forscher Manfred Kühn.

Die neue Zuwanderung wird größtenteils von Menschen im typischen Familienalter getragen. Bei jüngeren Menschen, im Alter von Ausbildung und Berufseinstieg, sind die Wanderungssalden hingegen noch eher negativ, so Boeths Analyse. Warum es die Familien aus Berlin nun in den „Städtering“ zieht, lässt sich noch nicht eindeutig sagen. Dass dabei auch die steigenden Mieten und Wohnungspreise in der Hauptstadt – und Potsdam! – eine Rolle spielen, mag zwar nahe liegen. „Aber, dass Menschen wegen der hohen Mieten in Berlin und Potsdam in einen Plattenbau in Eberswalde ziehen, kommt bisher eher selten vor“, so Henning Boeth. Ein solcher Verdrängungsprozess sei – zumindest mit den aktuell vorliegenden Daten – noch nicht direkt zu beobachten.

Auch Heimkehrer kommen zurück

Ein anders wichtiges Thema sind die Rückkehrer. Einst wegen der Arbeit nach Westdeutschland oder die Metropolen gezogen, kommen nun zunehmend Menschen in ihre Heimatstädte zurück. Ein Ergebnis des letzten Regionalgesprächs des IRS zu dem Thema war, dass die Städte nun vermehrt versuchen, auch solche Rückkehrer anzusprechen. „Ein Knackpunkt dabei sind natürlich die Arbeitsplätze“, so Boeth. Wer in Berlin arbeitet, kann in Eberswalde oder Jüterbog leben – ein Rückkehrer aus Westdeutschland kommt hingegen nur, wenn er auch eine Berufsperspektive vor Ort hat. „Das ist die große Herausforderung, vor der diese Städte noch stehen.“

Für die Städte im zweiten Ring birgt die Entwicklung natürlich eine große Chance. Denn so lassen sich die Innenstädte vor Leerstand und Verfall bewahren. Bei den Zuzüglern sind vor allem die Innenstädte beliebt, die Regionalforscher vermuten, dass die Neubürger eine „gewisse Urbanität“ suchen. „Es geht hier auch um Reurbanisierung, denn gerade die Innenstädte profitieren massiv vom Zuzug und baulicher Aufwertung“, so die Einschätzung am IRS. Was Vertreter der Stadtplanung von Brandenburg/Havel und Eberswalde bestätigen können.

Zwar schrumpfen Mittelstädte wie Cottbus, Frankfurt (Oder) und Brandenburg/Havel nach absoluten Zahlen weiterhin. Allerdings erreicht dort nun Zuwanderung die mittlerweile gut sanierten Altstädte. Parallel dazu läuft in den großen Plattenbausiedlungen der in den 1990er Jahren begonnenen Abriss weiter. „Es geht um ein Nebeneinander von Wachstum in den Innenstädten, das gemanagt werden muss, und einer Schrumpfung der Bevölkerung in Randlagen, weshalb hier weiter zurückgebaut wird“, so Boeth.

Das sanfte Wachstum ist den Kommunen in der Regel willkommen. Nun braucht es Stadtentwicklungskonzepte, die das aufgreifen. So will man etwa in Brandenburg/Havel eine Zuzugsstrategie entwickeln und den Wohnungsbestand an die neue Nachfrage anpassen. Es wird versucht urbane Wohnformen zu schaffen. Letztlich haben die Regionalforscher zwei Herausforderung ausgemacht: „Erstens, die aktuellen und potenzielle Zuzügler zielgerichteter als bisher anzuwerben und ihre Motive zu beleuchten; und zweitens in Forschung und Praxis zu einem Stadtentwicklungsnarrativ zu kommen, in welchem Brandenburg mehr ist als ein Überlaufbecken für Berlin.“

Überraschende Migration entlang der „Oder-Schiene“

Neben den Familien gibt es offenbar noch einen andere, eher unerwarteten Umzugsbewegung in Brandenburg. Beim Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen BBU hat man entlang der sogenannten „Oder-Schiene“ einen Zuzug von „Altersmigranten“ ausgemacht. Senioren aus dem Umland würden in Städte wie Schwedt, Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) ziehen, wo sie im Alter die nötige Infrastruktur bei erschwinglichem Wohnraum und niedrige Lebenshaltungskosten vorfinden. Allerdings würde dies den Bevölkerungsrückgang in den Städten nicht ausgleichen, der Abriss von überschüssigen Gebäuden dort müsse weiter gehen, sagte David Eberhart vom BBU den PNN.

Ein interessantes Beispiel für Brandenburg könnte auch die Stadt Görlitz in der sächsischen Lausitz sein. Die Stadt bekam in den vergangenen Jahren verstärkt Zuzug von Senioren aus ganz Deutschland. Die gut restauriere Altstadt mit vergleichsweise günstigen Mieten und kulturellem Angebot wirkt anziehend, so Boeth. Mittlerweile gibt es ein kleines Wachstum, starker Zuzug blieb dort allerdings aufgrund der Randlage bislang aber aus. Aktuell versuche die Stadt daher such vermehrt Zuzug von Personen zu entwickeln, die einer standortungebundenen Tätigkeit nachgehen.

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