Wissenschaft : Einfach zu glauben

Uni-Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien

Richard Rabensaat

Was ist die Wirklichkeit? Das weiß man erst, wenn darüber gesprochen worden ist, stellt Eva Kimminich fest. Wie das Bild von der Wirklichkeit entsteht, untersucht die Romanistin in ihrem neu gestarteten Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien. Die Schuldenkrise Griechenlands, die Flüchtlingsströme, die Deutschland erreichen, der Flugzeugabsturz, bei dem Polens Präsident Lech Kaczynski 2010 starb, der Anschlag auf das World Trade Center 2001, stets finden Theorien und Erklärungsmuster im Internet Verbreitung, die zunächst einmal abwegig erscheinen. Bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als geschlossene Weltbilder, als Verschwörungstheorien.

Seit mehreren Jahren forscht Kimminich an der Universität Potsdam zu Verschwörungstheorien. An dem neuen, vom DAAD geförderten Projekt sind Wissenschaftler aus 32 Ländern beteiligt. Verschwörungstheorien sind ein lohnenswertes Thema wissenschaftlicher Untersuchungen. Das zeigt ein Blick ins Internet. Denn nahezu unmittelbar nach einen Flugzeugabsturz, einem Attentat oder einer anderen Katastrophe verbreiten sich dort Theorien, die teilweise sogar gefährliche Weltbilder befördern, so Kimminich. Bereits im vergangenen Jahr hatte es eine vielbeachtete Konferenz an der Universität Potsdam zu dem Thema gegeben.

Deren Ergebnisse zeigt nun das Potsdamer Bildungsforum in einer Ausstellung (Am Kanal 47). Die Themen reichen von der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung über den Anschlag auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ bis zur vorgeblich ideologiefreien Website „Politically Incorrect“. Die Welt sei unübersichtlich, Verschwörungstheorien würden eine Ordnung im Chaos der Welt anbieten und das Selbstwertgefühl steigern, so Kimminich. Sie suggerierten, das alleinige Wissen um die Wahrheit zu vermitteln. Gesellschaftliche Wirklichkeit sei aber immer das Ergebnis einer Diskussion. Dass verschiedene Deutungsmuster sozialer Realitäten miteinander konkurrieren, sei der Kern der demokratischen Meinungsfreiheit. Genau dies aber würden Verschwörungstheoretiker ausschließen.

Im Internet finden sich zahlreiche verschwörungstheoretische Seiten, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet werden. 120 Seiten ergab eine Zählung 2010, aber das seien bei Weitem nicht alle, so Kimminich. Ziel des Forschungsprojekts ist es deutlich zu machen, wie Denkmuster und Argumentationen von Verschwörungstheoretikern funktionieren. „Wir leben in einer Demokratie, in der Meinungsvielfalt herrscht. Gefährlich wird es aber, wenn Theorien von der nachweisbaren Realität abweichen, und Erklärungen anbieten, die für andere zu Diffamierungen und Bedrohungen führen können“, so Kimminich. Genau dies sei bei der Website „Politically Incorrect“ der Fall. Flüchtlinge werden dort pauschal als „Rapefugees“ diffamiert. Dort wird behauptet, dass es eine behördliche Anweisung gebe, nicht über Vergehen von Flüchtlingen zu berichten. Allerdings wird weder derjenige benannt, der die Anweisung gegeben haben soll, noch der Adressat der Anweisung. Auf der Seite werden Leser aufgefordert, selbst Beiträge beizusteuern. So werde ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe erzeugt, so Kimminich.

Die Gefahren von Verschwörungstheorien erklären Saman Sebastian Hamdi und Amir Dizdarevic in einem Workshop für Schüler im Wissenschaftsforum. In spielerischer Weise machen sie deutlich, wie Theorien über die Weltherrschaft oder den vermeintlich bösartigen Charakter gesellschaftlicher Gruppen entstehen. „Wir wählen zum Teil absurde Beispiele, die eine Gruppe der Schüler vertritt, während die andere versucht sie zu widerlegen“, erklärt Hamdi. Dann werden die Argumentationsmuster verdeutlicht und aufgezeigt, wo sich in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen Verschwörungstheorien finden. Richard Rabensaat

Workshop in der Schülerakademie der Wissenschaftsetage, am Freitag, 13. Mai, 9 bis 10.45 Uhr und 11.15 bis 12.45 Uhr. Infos und Anmeldung: www.wis-potsdam.de