• Einer der ersten Globalisierungstheoretiker: Potsdamer Forscher werten Humboldts Tagebücher aus

Einer der ersten Globalisierungstheoretiker : Potsdamer Forscher werten Humboldts Tagebücher aus

Abschluss des Potsdamer Forschungsprojektes zu Alexander von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern

Sarah Stoffers
Die zweite Entdeckung Amerikas. Humboldts Reisetagebücher.
Die zweite Entdeckung Amerikas. Humboldts Reisetagebücher.Foto: Thilo Rückeis

Als der Forscher Alexander von Humboldt durch Amerika reiste, sah er auch die schlimmen Zustände der Sklaverei. So etwa in Kuba, wo unzählige Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten, dem einträglichsten Wirtschaftszweig des Landes. Humboldt prangerte sowohl das entbehrungsreiche Leben der Sklaven als auch die Monokulturen an. „Was aber gegen die Natur ist, ist ungerecht, schlecht und ohne Bestand“, notierte er in sein Tagebuch. Damit meinte er nicht nur die Ausbeutung der Natur.

Die Erforschung der Humboldtschen Ansichten zur Sklaverei ist Teil des Projekts „Genealogie, Chronologie, Epistomlogie“ der Universität Potsdam, in dem fünf Doktorandinnen und Postdoktoranden unter der Leitung des Humboldt-Experten Ottmar Ette vom Institut für Romanistik die Tagebücher mit fächerübergreifenden Ansätzen untersuchten und neue Einsichten in die Humboldtschen Wissenschaften erlangten. Ihre Ergebnisse wurden vor Kurzem zusammen mit anderen Forschungsbeiträgen auf dem 3. Internationalen Potsdamer Alexander von Humboldt-Symposium im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte vorgestellt. Das Projekt ist Teil des Verbundprojekts des Bundesforschungsministeriums „Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher“, das an der Universität Potsdam und der Staatsbibliothek zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz läuft. Seit 2014 untersuchen, analysieren und digitalisieren die Universität und die Staatsbibliothek die Dokumente in zwei Teilprojekten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erwarb die Amerikanischen Reisetagebücher im November 2013 für zwölf Millionen Euro. Der Ankauf ermöglichte erstmals einen umfassenden und uneingeschränkten Zugang zu den Tagebüchern.

Humboldts Reise durch Süd- und Mittelamerika in den Jahren 1799–1804 war die erste reine Forschungsreise, ohne Auftraggeber, so der Romanist Julian Drews, Postdoktorand, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Tagebücher-Projekt und Koordinator des Symposiums. „Sie wurde aus rein wissenschaftlichen Gründen gemacht und war von Humboldts eigenen Interessen geleitet.“ Sie gilt als Beginn der Humboldtschen Wissenschaft, die unser Verständnis von Natur und Kultur mitgeprägt hat und wird häufig als „zweite Entdeckung Amerikas“ tituliert. Humboldt, der seiner Zeit weit voraus war, bereiste den neuen Kontinent mithilfe neuester Instrumente wie Sextanten, Teleskopen, Fernrohren, Elektrometer oder Barometer. Die entstandenen Reisetagebücher bilden die Grundlage seines späteren Schaffens. Für seine Werke „Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent“ und sein „Kosmos“ dienten die Tagebücher als Arbeitsquelle.

Basis seiner Wissenschaft war die Bewegung. Die Bewegung durch den Raum, durch die Landschaften, durch die Wissenschaften, in seinem Denken. Humboldt hatte kein festes System und keine starren Theorien. „Eine Rekonstruktion seiner Schriften bedingt die Rekonstruktion der Bewegung“, so Drews. Den Wissenschaftlern der Uni Potsdam geht es dabei vor allem um die Erforschung seines Denkens, darum wie Humboldt zu seinem Wissen und seinen Erkenntnissen gelangte. Die umfassenden Aufzeichnungen mit zahlreichen Daten, Karten, Skizzen, Zeichnungen, Bildern und Landschaftsbeschreibungen lassen Rückschlüsse auf seine Arbeitsweise und seine Gedankengänge zu. Die Forschungsbandbreite der Potsdamer Wissenschaftler umfasst Zweck und Funktion der kartografischen Zeichnungen in den Amerikanischen Tagebüchern, die Darstellungen und Wertungen von Sklaverei, die Repräsentation, Wahrnehmung und Erfahrung von Landschaft und Amerika als Forschungsgegenstand im Vergleich zu Europa.

Ottmar Ette will Alexander von Humboldt nicht als Universalgelehrten im Leipniz’schen Sinne verstanden wissen, sondern als transdisziplinären Wissenschaftler, der sich quer durch die Wissenschaftszweige bewegte. In seinen Aufzeichnungen verknüpfte er die verschiedensten Themen miteinander. Neben den Messungen und Datenerhebungen schrieb er seine Gedanken und kritischen Anmerkungen zur Ökonomie, zur Landwirtschaft, Astronomie, Natur, Kultur, Geschichte oder Sklaverei auf. An den Tagebüchern arbeitete er zeitlebens. Immer wieder fügte er Skizzen, Randnotizen oder Kommentare hinzu. „Humboldt sah die Geschichte als offenen Prozess. Sein Schaffen, sein Vermächtnis ist immer auch ein Stück Zukunft und nicht nur historisch relevant“, so Ette. Humboldt kann, so Ette weiter, als einer der ersten Globalisierungstheoretiker gesehen werden. Er hat sich mit der Expansion Europas und Phasen beschleunigter Globalisierung beschäftigt. Er hat mit den internationalen Wissenschaftlern und Künstlern seiner Zeit korrespondiert und gearbeitet, hat neben Amerika auch Europa und Russland bereist. Stets daran interessiert, ein ganzheitliches Bild der Welt zu erlangen. „Alles ist Wechselwirkung“, schrieb Humboldt in sein Tagebuch.

Wie fruchtbar die internationale Erforschung der Tagebücher im Geiste Humboldts ist, belegen auch die zahlreichen Publikationen, die erschienen sind und noch erscheinen sollen. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften arbeitet mit Ottmar Ette an einer vollständigen Edition der Tagebücher zusammen mit den Manuskripten der Russisch-Sibirischen Reise von 1829. Ein Sammelband mit Beiträgen der Symposiumsteilnehmer ist in Planung. Und die Doktorandin Julia Bayerl wird zusammen mit Ottmar Ette im kommenden Jahr eine Publikation zu den kartografischen Zeichnungen in den Amerikanischen Reisetagebüchern herausgeben. Auch wenn das Teilprojekt nun beendet ist, die eigentliche Forschung an den Tagebüchern hat gerade erst begonnen. Sarah Stoffers

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