Wissenschaft : Ein sicherer Hafen

MMZ publiziert Buch zur Entwicklung Israels

Richard Rabensaat
Foto: Promo

Ein Standardwerk zur Situation Israels könnte das Handbuch werden. Julius H. Schoeps und Olaf Glöckner vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ) und zwei weitere Herausgeber haben rund 70 Beiträge von unterschiedlichen Autoren auf etwa 1400 Seiten versammelt, um ein Blitzlicht auf die gegenwärtige Situation Israels zu werfen. Israel ist ein besonderer Staat, nicht nur aufgrund seiner Glaubens- und Gründungsgeschichte, sondern auch aufgrund seiner konfliktreichen geografischen Lage und der innerstaatlichen und äußeren Bedrohung. Es ist daher auch ein besonderes Buch geworden, das nun in einer Zusammenarbeit des Potsdamer MMZ und der israelischen Wissenschaftler Yitzhak Sternberg und Eliezer Ben-Rafael entstanden ist.

Das Buch zeige, dass nicht nur die historische Situation Israels, sondern auch die gegenwärtige Lage beispielhaft für viele Staaten sei, bemerkte der Präsident des deutschen Bundestages, Norbert Lammert, zur Buchvorstellung in Berlin. Gegründet wurde Israel nach langem Vorlauf nach dem Ende des britischen Mandats für Palästina im Jahre 1948 durch Beschluss der Uno-Vollversammlung und Erklärung des Staatsgründers Theodor Herzl. Seitdem ist der Staat eigentlich nicht zur Ruhe gekommen. Militärische und zivile Konflikte prägen Israel bis heute. Befriedungsversuche mit dem palästinensischen Teil der Bevölkerung sind bisher gescheitert.

Die lebhafte Debattenkultur und die möglichen Lösungsansätze finden sich in dem dickleibigen Buch wieder. In dreizehn Kapitel untergliedert, beleuchten die Autoren des zweibändigen Werkes verschiedene Aspekte, die Israel gegenwärtig prägen. Soziale Gerechtigkeit ist ebenso ein Thema wie das Verhältnis des vom jüdischen Glauben geprägten Staates zur Säkularität. Das in Israel mehr als in vielen anderen Staaten der Erde präsente Militär wird diskutiert und ethnisches und nationales Selbstverständnis hinterfragt. Denn Israel war von Beginn an ein Einwanderungsland, ein „sicherer Hafen“ für Juden in aller Welt, die nicht nur vor der nationalsozialistischen Bedrohung fliehen mussten, sondern immer wieder auch in anderen Staaten existentiellen Bedrohungen ausgesetzt waren. Daher gab es mehrere Einwanderungswellen aus Nordafrika, dem mittleren Osten und auch aus Russland.

Gegenwärtig zeige sich insbesondere für die französischen Juden die Notwendigkeit, gegebenenfalls in Israel eine Heimstatt zu finden, hob der Mitautor Olaf Glöckner hervor. Die Integration immer wieder neuer ethnischer Gruppen und das Zusammenwachsen zu letztlich einem homogenen Staatsgebilde sei jedoch weitgehend gelungen, so Glöckner. Dennoch stelle sich immer noch die Frage, wie weit sich eine originäre israelische Identität herausgebildet habe. Auch das Verhältnis des von religiösen Traditionen geprägten Staates zu den Nachbarstaaten sei zu beleuchten.

Wie wichtig Diskussionen über das Verhältnis von Juden und Antisemitismus im heutigen Deutschland sind, zeige die gegenwärtige Tagespolitik. In einem aktuellen Gerichtsprozess stand die Frage zur Debatte, ob es sich bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Deutschland um ein antisemitisches Attentat oder um einen Teil der jüdisch-palästinensischen Auseinandersetzung handelte, der aber keinen antisemitischen Hintergrund habe.

Die Position Israels in der Staatengemeinschaft wird im Buch ebenso diskutiert wie das Verhältnis von jüdischen und nicht-jüdischen Bevölkerungsgruppen in Israel. In der Zusammenschau der unterschiedlichen Problematiken geht das Buch über die Diskussionen der einzelnen Aspekte hinaus, die sich in verschiedenen partiellen Debatten vertiefen lassen. So könnte die MMZ-Publikation auch über die tagespolitischen Aspekte hinaus zu einem wichtigen Nachschlagewerk werden. Richard Rabensaat

De Gruyter; Handbook of Israel: Major Debates; ISBN 978-3-11-035164; 2 Bände; 160 €