"Dittsche" ist wieder da : Südsee des kleinen Mannes

Nötiger denn je: „Dittsche“ alias Olli Dittrich kehrt auf den Bildschirm zurück. Und bringt eine neue Bekanntschaft mit.

Markus Ehrenberg
Bademantel-Philosoph. Das wahre Leben in der Eppendorfer Grillstation mit Dittsche (Olli Dittrich, v.), Ingo (Jon Flemming Olsen, l.) und Krötensohn Jens (Jens Lindschau).
Bademantel-Philosoph. Das wahre Leben in der Eppendorfer Grillstation mit Dittsche (Olli Dittrich, v.), Ingo (Jon Flemming Olsen,...Foto: dpa

Dass Cora Schumacher ihren Sohn aufgibt, Diesel-Aufkleber vertickt werden oder Heino und Hannelore am 39. Hochzeitstag einen Rohrbruch hatten, interessiert im Grunde wenig. Es sei denn, Dittsche alias Olli Dittrich nimmt sich dieser „Bild“-Schlagzeilen an und versucht diese Welt zu erklären. Eine Welt, in der Ernsthaftes und Unterhaltsames, Sinn und Unsinn, kaum zu trennen sind. Zusammen gebunden wieder am Sonntagabend, wenn im WDR nach einjähriger Pause die 27. Staffel der Impro-Comedy startet. Man hat das Gefühl, Dittsches Ideen sind – als eine Art televisionärer Katharsis – nötiger denn je in diesen Zeiten, in denen eine Verschwörungstheorie der nächsten folgt.

Wer „Dittsche“ tatsächlich noch nicht gesehen hat: Da steht ein Mann in Badelatschen mit schütterem Haar und Bademantel im Hamburger Imbiss, der „Eppendorfer Grillstation“, Bierflasche in der Hand, und philosophiert in 30 Minuten über Cora, Diesel, Trump, Gott und die Welt. Gegenüber Stichwortgeber Ingo, gespielt von Jon Flemming Olsen, der Imbisswirt, um die Mitte 50 herum.

Der ist mal mehr oder weniger genervt von dem, was diese Karikatur des „kleinen Mannes“ im Brustton der Überzeugung von sich gibt. Dittsche spricht unentwegt. Ingo hört stockend und staunend zu, wenn sein Dauergast eifrig plastikfressende Raupen, Cora Schumacher und Ivanka Trump thematisch verbindet. Dittsche, der Arbeitslose aus Hamburg, dessen Bühne eine fast menschenleere Imbissbude ist.

Man muss diese Art von TV-Unterhaltung nicht mögen, aber wer bei dem Format einmal angefangen hat, kann nicht mehr aufhören. „Dittsche“ macht süchtig, was natürlich auch an der Anverwandlungskunst von Schauspieler Olli Dittrich liegt. Wobei man schon ahnt, dass Dittrich dieser Dittsche, diese Kunstfigur von all seinen preisgekrönten Parodien – Schorsch Aigner, der Mann, der Franz Beckenbauer war, Außenreporter Sandro Zahlemann, Talker Konstantin Pfau, Meisterreporter Sigmar Seelenbrecht – die liebste, vielleicht die nächste ist.

Dass Olli Dittrich, neben all seinen teils überdrehten Verwandlungskünsten, ein guter Schauspieler ist, hat er ja als Durchschnittsdeutscher im Kinofilm „König von Deutschland“ an der Seite von Veronica Ferres ohnehin bewiesen.

„Weil er Antworten findet, wo andere die Fragen nicht einmal mehr verstehen.“

„Dittsche“ heißt für Dittrich – und seine treuen Zuschauer/Fans – nach Hause kommen, seit 2004, in 26 Staffeln, Wochenende für Wochenende. Dittsche war schon da, noch bevor Verschwörungstheorien in Sozialen Netzwerken so richtig Mode wurden. „Dittsche ist das Sprachrohr des typischen ,kleinen Mannes’, der sein kleines Glück im Schwadronieren findet“, sagt Dittrich. „Weil er Antworten findet, wo andere die Fragen nicht einmal mehr verstehen.“ Ein Welterklärer wie Helmut Schmidt, nur im Bademantel und aus der Imbissbude, nicht aus dem Politik- und Medienbetrieb.

Am bewährten Konzept haben der WDR und Olli Dittrich für die neue zwölfteilige Staffel kaum etwas geändert. Notgedrungen gibt es eine Umbesetzung auf dem Imbiss-Barhocker, den früher der stumme Dauergast Schildkröte besetzt hatte. Darsteller Franz Jarnach starb im Januar 2017. Seinen festen Platz wird sein Sohn, der „Krötensohn“ (gespielt von Jens Lindschau), der früher schon gelegentlich vorbeischaute, einnehmen. Bei der Frage, ob der Sohn gesprächiger ist als der Papa, dämpft Olli Dittrich die Erwartungen: „Man wird sehen. Der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm.“

Noch eine kleine Neuerung soll es geben. Dittsche werde, so Dittrich, neben dem Reflektieren des aktuellen Weltgeschehens rückblickend berichten, was er alles erlebt hat in der jüngeren Vergangenheit. „Wir waren ja nun leider fast ein Jahr nicht mehr zu sehen.“ Dittsche sei im Ruhrgebiet gewesen („Der Rhein-Herne-Kanal ist die Südsee des kleinen Mannes“). Von dort bringt er eine neue Bekanntschaft mit, „den Berndchen“, gespielt von Hans Werner Olm. An Dittsches gedrechselten Ansichten zu Heino oder Trump, hinter denen sich oft beruhigende Wahrheiten verbergen, dürfte auch Olm nicht rütteln können.

„Dittsche - Das wirklich wahre Leben“, Sonntag, WDR, 23 Uhr 30